Briefe / Mitteilungen

Beginn der stillen Rationierung im TARMED

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05725
Veröffentlichung: 14.06.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(24):767

Dr. med. Martin Dieudonné, St. Gallen

Beginn der stillen Rationierung 
im Tarmed

(oder Risiken und Nebenwirkungen eines Tarifeingriffs)

Aus der Sicht eines Grundversorgers ist die ab 1.1.2018 geplante Änderung der Position 00.0140 (Arbeit in Abwesenheit, die neu in verschiedene Kategorien aufgesplittet werden soll) aus verschiedenen Gründen katastrophal:

Die Aufsplittung in verschiedene Kategorien verursacht zunächst «nur» mehr Arbeitsaufwand, und Zeit für Arbeit am Patienten geht damit verloren.

Die neue Limitation der Ansatzhäufigkeit auf 6-mal pro drei Monate deckt jedoch die Realität immer weniger ab. Der Zeitaufwand für Arbeit in Abwesenheit nimmt seit Jahren kontinuierlich zu, da die (politisch gewollte) Koordinierungsfunktion des Hausarztes für Behandlungsabläufe seiner Patienten und die (ebenso politisch gewollte) Interprofessionalität dies erfordern.

Arbeitsverlagerungen in den ambulanten Bereich wurden durch die Einführung der Spital-DRG bedingt und vermehrte Ansprüche von Patienten und Angehörigen haben in der Vergangenheit ebenso zu einer häufigeren Verwendung der Position 00.0140 beigetragen wie ein zunehmender bürokratischer Aufwand, der durch Krankenkassen, Unfallversicherungen und andere Stellen ausgelöst wird.

Die geplante und politisch gewollte Ein­führung vermehrter e-Health-Anwendungen würde zu einer weiteren wesentlichen Vermehrung der Arbeit in Abwesenheit führen, so dass unter den geplanten Bedingungen der halbierten Limitation diese Projekte gar nicht stattfinden können. Hier wäre im Gegenteil eine unlimitierte Abrechnungsmöglichkeit erforderlich.

Durch die geplante verschärfte Limitation werden in erster Linie Grundversorgerpraxen mit einem hohen Anteil alter und multimorbider Patienten bestraft, da bei diesem Patientengut die Position Arbeit in Abwesenheit überproportional häufig gebraucht wird.

Da der Bundesrat nicht ernsthaft erwarten kann, dass immer mehr Arbeit durch Ärzte ohne Verrechnungsmöglichkeit erbracht wird, wird die Rationierung der entsprechenden Leistungen unausweichlich sein:

Ablaufinformation, Ablaufkoordination, Interprofessionalität und Informationsfluss werden sich verschlechtern – zum Nachteil des Patienten und zum Nachteil des Gesundheitssystems.

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