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Briefe / Mitteilungen

Replik

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05765
Veröffentlichung: 21.06.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(25):811

PD Dr. phil. Peter Streckeisen, Soziologe, Dozent am Institut für Vielfalt und ­gesellschaftliche Teilhabe der ZHAW

Replik

Ökonomisches Lamento

Brief zu Oggier W. Kostenexplosions-Klagen gibt es schon lange. 
Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(24):788.

Es freut mich, dass mit Willy Oggier ein Gesundheitsökonom auf meinen Artikel[1] reagiert, geht es mir doch nicht zuletzt um die Entstehung der Gesundheitsökonomie in der Schweiz.1 Gerne hätte ich übrigens mit Herrn Oggier für meine Studie ein Interview geführt. Meine Anfrage an ihn blieb leider unbeantwortet.

Herr Oggier stützt sich in seinem Kommentar vor allem auf zwei Quellen. Zum einen zitiert er einen Artikel des Gesundheitsökonomen Jürg. H. Sommer aus der NZZ vom 23. 9. 1996, um die These zu untermauern, das eigentliche Problem sei nicht der Kostenanstieg, sondern die Leistungsexplosion im Gesundheitswesen. Ich kenne Professor Sommers Sichtweise gut: Mit ihm konnte ich ein Interview führen, durch das ich einige interessante Erkenntnisse zu gewinnen vermochte. Aus ­meiner Forschungsperspektive ist allerdings ­weniger die Frage von Interesse, ob es sich um ein Kosten- oder um ein Leistungsproblem handelt, sondern die Untersuchung, wie die Thematisierung des Preis-Leistungsverhältnisses zur Ökonomisierung des Gesundheitswesens beiträgt.

Zum anderen zitiert Herr Oggier aus einer Schrift von Jeanne Fell-Doriot, die 1967 durch das Konkordat der Schweizerischen Krankenkassen veröffentlicht wurde. Es handelt sich ohne Zweifel um ein interessantes Dokument, das jede systematische historische Unter­suchung der Entwicklung der schweizerischen Krankenversicherung zu berücksichtigen hätte. Diese Geschichte muss erst noch geschrieben werden. Es handelt sich um eine Aufgabe, die den Rahmen dessen, was ich in meiner Studie realisieren konnte, bei weitem übersteigt. Ich wollte nur festhalten, dass die Nationale Sparkonferenz von 1982 den Zeitpunkt markiert, an dem das Sparen als Ziel der Regierungspolitik offiziell anerkannt wird. Dass die Krankenkassen (sowie weitere Akteure) bereits früher den Kostenanstieg pro­blematisierten, ändert daran nichts.

Wenn ein Ökonom einen Text eines Sozio­logen liest, kann es leicht zu Missverständ­nissen kommen. Die meisten Ökonomen sind nicht dafür bekannt, sich für die Methoden und Erkenntnisse anderer Wissenschaften zu interessieren. An wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten wird Interdisziplinarität oft nicht gross geschrieben. In ökonomischen Journalen wird wenig aus Zeitschriften an­derer sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen zitiert. Ökonomen legen oft ein er­staunliches Selbstbewusstsein an den Tag und glauben in einem Ausmass an ihre Theorien, das für Angehörige anderer Wissenschaften kaum nachvollziehbar ist. M. Four­cade, E. Ollion und Y. Algan haben dieses Überlegenheitsgefühl kürzlich treffend analysiert [2].

Wenn Herr Oggier mir soziologisches Lamentieren über die Ökonomisierung vorwirft, vermischen sich Missverständnis und Überlegenheitsgefühl. Ich will nicht lamentieren, sondern verstehen und analysieren. Meine Untersuchung hat Aspekte jenes Prozesses zu Tage gefördert, auf Grund dessen das Gesundheitswesen zunehmend ökonomischen Sichtweisen unterworfen wird. Wer sich dafür interessiert, ist eingeladen, nicht nur meinen ­Artikel in der Ausgabe 98 (11) zu lesen, sondern auch den Forschungsbericht, der auf der Webseite der Ärztezeitung heruntergeladen werden kann.

Es wäre interessant gewesen, wenn Herr Oggier sich zur Diagnose der Ökonomisierung sowie zur Rolle seiner eigenen Dis­ziplin, der Gesundheitsökonomie, geäussert hät­te. Wer sich mit Ökonomisierung beschäftigt, stösst auf jede Menge ökonomisches Lamento: Immer wieder beklagen Ökonomen, dass die Rea­lität sich nicht so verhält, wie es ihren Theorien entspricht. Die soziologische Analyse kann die Bedingungen aufzeigen, unter denen solches Lamentieren gesellschaftlich wirksam wird und dazu beiträgt, die Realität der Theorie anzunähern.

Literatur

1 Streckeisen P. 35 Jahre Sparpolitik im Gesundheitswesen. Schweiz Ärztezeitung 2017;98(11):350–2.

2 Fourcade M, Ollion E, Algan Y. The Superiority
of Economists. Journal of Economic Perspectives.
Winter 2015;29(1):89–114.

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