Briefe / Mitteilungen

Zur Cannabisdebatte

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17447
Veröffentlichung: 02.01.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(0102):13

Dr. med. Stefan Händeler, St. Gallen

Zur Cannabisdebatte

Brief zu: Zullino D, Büche D, Cattacin S, Beck T, Penzenstadler L. Gute Argumente, unhaltbare Schlussfolgerung. Schweiz Ärzte‑
ztg. 2018;99(49):1758–61.

Nicht nur aus der Sicht des Praktikers spielt über den psychiatrisch/psychotherapeutisch/psychosomatischen und sozialen Bereich hinaus der Konsum von Cannabis in Entwicklung und Verlauf von Erkrankungen immer häufiger eine Rolle.

Neben der Art eines logistischen Bemühens, welches auf gehaltsleere Variablen setzt (notabene, siehe nichtlineares Denken [de Bono]; ob die Argumenta­tionstheorie der Logik zuzuord­nen ist, bleibt in Fachkreisen umstritten) und das über formale Bezüge die inhalt­lichen Unterstellungen und Missinterpreta­tionen gegenüber den Hinweisen des Autors (Cannabis-Legalisierung – wer profitiert davon?) nahelegt, trägt obige Zuschrift vor allem zur Aufgabe von uns Ärzten leider nichts bei, die wir jeden Tag reale und erkrankte Menschen entgegennehmen.

Ein Blick in die Medien zeigt, jüngst häufen sich Mitteilungen, von NZZ (nirgendwo haben so viele 15-jährige Buben Cannabiserfahrung wie in der Schweiz), Der Standard bis zur Frankfurter Allgemeinen, über die anwachsende Zahl von Cannabispsychosen und über wissenschaftliche Hinweise einer Studie auf die verursachende Substanz (JAMA Psychiatry): Dass das Risiko, eine Psychose zu ent­wickeln, für alle Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, so stark anstieg, als ob sie bereits in der Vergangenheit an psychotischen Störungen gelitten hätten, erläutert Prof. ­Conrod/Univ. Montreal als Hauptautorin. Bei allen auch genetisch möglichen Vulnerabilitäten gegenüber Cannabis werfen die Medienmitteilungen ein Licht auf die international geltenden, völkerrechtlichen UN-Abkommen, welche Cannabis als illegale Droge auflisten.

Das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, ist in der Pubertät am grössten, streicht B. Quedo, Drogen- und Suchtexperte/Uniklinik Zürich, her­aus. Zu den präpsychotischen Symptomen äus­sert sich M. Franscini, Klinik für Kinder-/Jugendpsychiatrie Zürich: Die Jugendlichen haben das Gefühl, wie in einem für sie gemachten Film zu leben, sie erleben die Realität als unecht. Suchtmonitoring Schweiz: Die Nachfrage nach Behandlung im Zusammenhang mit cannabisbezogenen Problemen ist in den letzten Jahren in der Schweiz wie europaweit gestiegen. Sichtbar dabei im Gespräch mit den Patienten die Bedeutung des emotionalen Lebensstils. Die ärztlichen Aufgaben wachsen zukünftig entsprechend und werden sich in einigen Jahren verschärft stellen.

Zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung: Die gesellschaftlichen Kosten des Konsums ­illegaler Substanzen incl. Cannabis beliefen sich schon auf 4,1 Milliarden Franken (Studie Jeanrenaud/2005, Suchtmonitoring Schweiz). In dieser Hinsicht muss die redliche Diskussion die von aussen auf die Staaten (siehe Schweiz) einwirkenden Kräfte (u.a. OECD, IWF, das globalisierte Kapital) ausmachen, die zugunsten dringender Investitionen in neue weltweite Geschäftsmodelle (auch im Drogenbereich) die Staaten verschlanken und schwächen, somit den Rechtsschutz und die (gesundheitliche) Daseinsfürsorge der Bürger herunterfahren. Der US-Nobelpreisträger Robert J. Shiller stellt fest, das Finanzwesen steuert die moderne Gesellschaft. Dazu der US-deutsche Ökonomiekollege Max Otte: Simon Johnson, der frühere Chefvolkswirt des IWF, sagt, die Finanzbranche hat die Politik ge­kapert. Das ist eine Bedrohung für die Demokratie.

Die Rede ist von einem echten Dialog, in dem Ärzteschaft, Eltern, Lehrkräfte, die KMU, Fachkräfte in Verantwortung, das Volk mit seinen Erfahrungen und Standpunkten zur Cannabisfrage beitragen in der Ausrichtung auf unser noch gutes Gesundheitswesen.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close