FMH

Covid-19: eine Journée de réflexion allein genügt nicht

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18879
Veröffentlichung: 22.04.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(1718):560

Werner Bauer

Dr. med., Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF

Diese Nummer der Ärztezeitung enthält den Bericht über die Journée de réflexion, die auch dieses Jahr vom Schweizerischen Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung SWIF und vom Collège des Doyens der ­medizinischen Fakultäten organisiert wurde. Das Hauptthema war «Die Digitalisierung in die ärztliche Bildung integrieren».

Eingeladen sind jeweils Vertreter aller wichtigen Institutionen der Aus- und Weiterbildung. Das Besondere an dieser Tagung ist, dass sie keine Traktandenliste abarbeiten muss und dass keine konkreten Sachentscheide erwartet werden. Sie dient dem Nachdenken – der «réflexion» – über Perspektiven und Entwicklungen, und sie ermöglicht einen ungezwungenen Gedankenaustausch. Diese Formel hat immer wieder originelle Ideen angestossen, Grundsteine für Projekte geliefert und dank persönlicher Kontakte Problem­lösungen erleichtert.

Niemand hätte sich im Januar wohl vorstellen können, wie schnell und wie unglaublich heftig eine virusbedingte gesundheitliche, ökonomische und gesellschaftliche Krise die Welt in ihren Griff nehmen würde. In vielen Risikoauflistungen oder in denjenigen Rubriken von Strategiepapieren, in denen die grössten Gefahren beschrieben werden, kommt die Pandemie als verheerendes Ereignis zwar vor, aber sie wird offensichtlich als so wenig wahrscheinlich beurteilt, dass man an konkrete Vorbereitungen und entsprechende Investitionen im Ernst nicht gedacht hat. Und so war sie denn auch an der Journée kein Thema, auch nicht für den Zukunftsforscher, der ein optimistisches Bild von den Perspektiven für den Arztberuf zeichnete. Es gelte, die Chancen zu erkennen, welche die Digitalisierung mit allen ihren Möglichkeiten bietet – sie müssten jetzt nur kreativ und offen für Neues genutzt werden.

Weitere Überlegungen an der Tagung galten offenen Fragen um die ärztliche Weiterbildung: Die Verschiebung vieler Interventionen vom stationären in den nur schon aus Tarifgründen hocheffizient zu organisierenden ambulanten Bereich erschwert die Facharztweiterbildung vor allem in den chirurgischen Disziplinen massiv. Es fehlt an Zeit, und es fehlt an Geld. Lösungsansätze, die in der Diskussion auftauchten, gingen in Richtung von «protected teaching time» für Kaderärztinnen und Kaderärzte, das Nutzen der Möglichkeiten von Simulation, Robotik und Virtual Reality für die Aus- und Weiterbildung und die konkretere Verankerung der Weiterbildung in den Leistungsaufträgen für die Spitäler. Reflektiert wurde auch über den zukünf­tigen Stellenwert der Künstlichen Intelligenz, über die sinnvolle Modernisierung von Lernzielkatalogen und über die Entwicklung des Berufsbildes im Hinblick auf die Aufgaben im Gesundheitswesen, welche die kommende Ärztegeneration wahrzunehmen haben wird.

Und jetzt die Pandemie? Das Wort «réflexion» erhält auch im Hinblick auf die Bewältigung dieser gewaltigen Herausforderung für Gesundheitswesen, Gesellschaft und Wirtschaft in meinen Augen eine entscheidende Bedeutung. Wenn es auch unbestritten ist, dass in Krisensituationen zunächst schnelles Handeln und Entscheiden notwendig sein kann, muss doch zur längerfristigen Bewältigung möglichst bald wieder versucht werden, die weiteren Schritte klug und auch mit Blick auf die fernere Zukunft zu planen. Persönlich und ­beruflich bin ich in den letzten Wochen viel gutem Willen und hilfreichen Initiativen zur Überbrückung der Schwierigkeiten, aber auch überstürzten Konzepten, nervösem Zwang zu vorschnellen Entscheidungen und nicht fundierten, aber lautstark verbreiteten Analysen begegnet. Das wirklich einzige Positive, das man dem Covid-19-Virus allenfalls abgewinnen kann, ist der ­Anstoss zum Nachdenken über eine ganze Reihe von konkreten und grundsätzlichen Fragen unserer Zeit – von der Vorbereitung auf Krisen trotz des Drucks der ­Ökonomisierung über alle Konsequenzen der globalisierten Wirtschaft bis zu den ethisch-medizinischen Schnittstellen bei schwierigen Indikationsstellungen. Ich hoffe, dass wir nicht zu schnell vergessen und verdrängen. Wir werden auf allen Ebenen eine ganze Reihe von «Journées de réflexion» benötigen, um aus dem ­Covid-19-Drama die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close