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Medizinische Überversorgung: Infografiken für den Patientendialog

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.18945
Veröffentlichung: 01.07.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(2728):838-840

Lars Clarfelda, Hermann Amstadb

a Dr. med., Leiter Geschäftsstelle «smarter medicine», Bern; b Dr. med., amstad-kor, Basel

Heute ist in der Medizin sehr vieles möglich. Aber nicht alles, was möglich wäre, ist im konkreten Fall auch sinnvoll. Nach dem Motto «weniger ist mehr» bekämpft der Verein «smarter medicine» die Fehl- und Überversorgung in der Medizin. Gemeinsam mit dem «Swiss Medical Board» hat der Verein Infografiken erstellt, die das ­Bewusstsein für gute Behandlungsqualität bei den Patientinnen und Patienten stärken und der Ärzteschaft ein Hilfsmittel für den Alltag in die Hand geben sollen.

Im Schweizer Gesundheitssystem besteht eine Überversorgung: Laut einer Studie, die 2012 im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften durchgeführt wurde, sind zwischen 20 und 30% der medizinischen Eingriffe überflüssig [1]. Diese Fehl- und Überversorgung hat negative Auswirkungen auf die Qualität der Gesundheitsversorgung und deren Kosten [2]. Für diese Tatsache ist auch, aber nicht nur die Ärzteschaft verantwortlich: Einige Patientinnen und Patienten erwarten oder fordern sogar eine bestimmte Abklärung oder Therapie, auch wenn diese aus medizinischer Sicht nicht sinnvoll ist. Die Auf­klärung über potenziell gefährliche oder sinnlose Behandlungen kann anspruchsvoll und zeitaufwendig für den Behandelnden sowie die Patientin oder den Patienten sein. Die Gefahr besteht, dass sich Patientinnen und Patienten nicht ernst genommen fühlen und zu einem anderen Arzt wechseln.

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Die Infografiken können gefaltet an Patientinnen und Patienten abgegeben werden und sind als PDF-Datei zum Download ­kostenlos erhältlich unter:
www.smartermedicine.ch/de/fuer-fachpersonen/infografiken-fuer-behandelnde.html (Bild: © smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland).

Infografiken gegen Über- und Fehl­versorgung

Swiss Medical Board (SMB) und smarter medicine sind beides Initiativen, die darauf abzielen, die Fehlentwicklungen bezüglich Über- und Fehlversorgung im Schweizer Gesundheitssystem zu vermindern. Mit ihren Berichten, Kampagnen und Empfehlungen tragen sie dazu bei, die beste Behandlung für die einzelne Patientin oder den Patienten zu finden, ganz nach dem Motto «die optimale, nicht die maximale Medizin».

Angesichts der oben geschilderten Probleme haben sie beschlossen, für ausgewählte Empfehlungen und Berichte Hilfsmittel für Behandelnde, sogenannte «Infografiken», ausarbeiten zu lassen. Diese unterstützen die Ärzteschaft in ihrer Kommunikation mit den Pa­tientinnen und Patienten. Solche Hilfsmittel sind vor allem für jene Empfehlungen vorgesehen, deren Pa­ti­enten­relevanz als hoch eingeschätzt wird, d.h. bei solchen, bei denen vonseiten der Patienten eine gewisse Erwartungshaltung besteht. Laut der International Health Policy Survey 2019 des Commonwealth Fund sind die Erwartungshaltung der Patientinnen und Patien­ten sowie Zeitmangel für eine gemeinsame Entscheidungsfindung Haupthindernisse in der Ver­meidung unnötiger Behandlungen. Genau hier sollen die Infografiken als Lösungsansatz unterstützen. Dem Patien­ten soll der Sachverhalt einfach erklärt werden, und er soll von einer «objektiven», unabhängigen Zusatzinformation profitieren.

Ähnliche Hilfsmittel sind bereits aus dem Ausland bekannt. So hat zum Beispiel das von Prof. Gerd Gigerenzer geleitete Harding-Zentrum für Risikokompetenz in Berlin sogenannte «Faktenboxen» entwickelt. Die Faktenboxen sollen den Patientinnen und Patienten ermöglichen, Vor- und Nachteile bestimmter medizinischer Massnahmen zu verstehen, damit sie selbst entscheiden können, ob sie sich diesen unterziehen möchten oder nicht [3].

Die Faktenboxen werden u.a. im Hinblick auf die Effektivität der Vermittlung von patientenrelevantem Wisse­n und auf Gesundheitsentscheidungen wissenschaftlich evaluiert [4].

Interprofessionelle Zusammenarbeit zum Wohl der Patienten

Im Herbst 2018 beauftragten die Vereine Swiss Medical Board und smarter medicine eine Arbeitsgruppe, solche «Hilfsmittel» auszuarbeiten. Der Arbeitsgruppe gehörten Expertinnen und Experten aus den Bereichen Stationäre Medizin, Ambulante Medizin, nicht-ärztliche Gesundheitsberufe, Epidemiologie, Ethik und Konsumentenschutz an. Dieser interprofessionelle Zugang sollte die Qualität der Infografiken steigern.

In Zusammenarbeit mit einer Kommunikationsagentur hat die Arbeitsgruppe exemplarisch je eine Infografik für die Bereiche Prävention (PSA-Test), Diagnostik (Bildgebung bei Rückenschmerzen) und Therapie (Antibiotika bei Infekten der oberen Luftwege) ausgearbeitet. Sie hat sich dabei inhaltlich einerseits auf die den smarter-medicine-Empfehlungen zugrunde liegende Literatur bzw. – im Falle des PSA-Tests – auf den SMB-Bericht sowie auf aktuelle Literatur abgestützt.

Die drei Infografiken sind insofern ähnlich aufgebaut, als sie jeweils ein gefaltetes A4-Blatt umfassen, im Innenteil eine Visualisierung der zentralen Botschaft enthalten sowie auf der Rückseite in den drei Rubriken «Fakten», «Risiken und Nebenwirkungen» sowie «Ausnahmen» die wesentlichen Informationen in knapper Form auch schriftlich präsentieren.

Die so entstandenen Infografiken wurden in Interviews mit Laien auf ihre Verständlichkeit überprüft, anschliessend angepasst und liegen nun in definitiver Form auf Deutsch, Französisch und Italienisch vor. Die Abbildung 1 zeigt exemplarisch Vorder- und Rückseite der Infografik zum Verzicht auf bildgebende Diagnostik bei kurzdauernden Rückenschmerzen.

Der visuelle Zugang der Infografiken ermöglicht den Einsatz bei Gesprächen mit Patientinnen und Patienten aus unterschiedlichen Kontexten. Sie vermitteln die komplexen Sachverhalte auf einfache und nonverbale Art und informieren, warum der Verzicht auf eine medizinische Massnahme für ihn oder sie von Vorteil ist und welche Risiken mit den jeweiligen Behandlungen einhergehen. Dadurch vereinfachen sie die Kommunikation zwischen Fachperson und Patient, dienen dem «Enabling» der Patienten und verbessern im Idealfall die Behandlungsqualität. Dies ist zumindest die Erwartung der Initianten; für den direkten Wirkungsnachweis wäre eine Studie nötig, und eine solche ist im Moment aufgrund der damit verbundenen hohen Kosten noch nicht vorgesehen. Indirekte Hinweise er­geben sich allenfalls aus einem Forschungsprojekt von Prof. Matthias Schwenkglenks et al. im Rahmen des NFP 74 Gesundheitsversorgung; unter dem Titel «Wie beeinflussen Richtlinien und Empfehlungen die medizinische Behandlung?» wird untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen der Wahl der Behandlung und den verfügbaren medizinischen Richtlinien und Empfehlungen besteht [5].

Die zuständigen Gremien von Swiss Medical Board und smarter medicine haben die drei «Prototypen» in der Zwischenzeit geprüft und zur Veröffentlichung freigegeben. Die Infografiken stehen ab sofort auf den Internetseiten von smarter medicine und Swiss Medical Board kostenlos und jederzeit zur Verfügung.

Feedback der Ärzteschaft gefragt

In einer nächsten Phase werden die Infografiken einem Praxistest unterzogen. Ärztinnen und Ärzte sind eingeladen, ihre Erfahrungen und allfällige Verbesserungsvorschläge der Geschäftsstelle von smarter ­medicine mitzuteilen (smartermedicine[at]sgaim.ch). Falls die drei Prototypen auf Akzeptanz stossen und sich im Alltag bewähren, werden Swiss Medical Board und smarter medicine weitere Infografiken in Auftrag geben; auch Fachgesellschaften können solche ausarbeiten lassen, namentlich für Empfehlungen der Top-5-Listen. Dies wäre dann auch der adäquate Moment, eine Evaluationsstudie in Auftrag zu geben.

Download

Die Faltblätters sind unter folgendem Link erhältlich:

www.smartermedicine.ch/de/fuer-fachpersonen/infografiken-fuer-behandelnde.html

Das Wichtigste in Kürze

• Die Fehl- und Überversorgung in der Medizin hat negative Auswirkungen auf die Qualität der Gesundheitsversorgung und deren Kosten.

• Dabei spielen nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch Patientinnen und Patienten eine wichtige Rolle.

• Deshalb haben die Vereine smarter medicine und Swiss Medical Board Hilfsmittel für Behandelnde, sogenannte «Infografiken», ausarbeiten lassen, um dem Patienten komplexe Sachverhalte einfach zu vermitteln.

• Entstanden sind je eine Infografik für die Bereiche Prävention (PSA-Test), Diagnostik (Bildgebung bei Rückenschmerzen) und Therapie (Antibiotika bei Infekten der oberen Luftwege).

• Ärztinnen und Ärzte sind eingeladen, ihre Erfahrungen und allfällige Verbesserungsvorschläge der Geschäftsstelle via smartermedicine[at]sgaim.ch mitzuteilen.

Der Verein smarter medicine

Der Trägerverein smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland ist im Juni 2017 gegründet worden und knüpft an die erfolgreiche amerikanische Initiative «Choosing Wisely» an. Er verfolgt das Ziel, nicht nur «kluge Entscheidungen» herbeizuführen, sondern auch die offene Diskussion zwischen der Ärzteschaft, den Patienten und der Öffentlichkeit zu fördern. Hinter dem Verein stehen neben der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) und der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) auch der Schweizerische Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen (svbg), der Dachverband Schweizerischer Patientenstellen (DVSP) sowie die Konsumentenorganisationen Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), Fédération Romande des Consommateurs (FRC) und Associazione Consumatrici e Consumatori della Svizzera Italiana (acsi). Bis heute sind vierzehn Top-5-Listen zu unnötigen Behandlungen von ärztlichen und pflegerischen Fachgesellschaften veröffentlicht worden. Weitere Fachgesellschaften sind eingeladen, sich der Bewegung anzuschliessen.

Swiss Medical Board

Das Swiss Medical Board ist ein führendes Schweizer Kompetenzzentrum für Health Technology Assessment. Es analysiert und beurteilt präventive und diagnostische Verfahren sowie therapeutische Interventionen aus Sicht der Medizin, der Ökonomie, der Ethik und des Rechts.

Träger des Swiss Medical Board (SMB) ist ein Verein, dem folgende Institutionen und Körperschaften als Mitglieder angehören: Konferenz der kantonalen GesundheitsdirektorInnen (GDK), Schweizerische Aka­demie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), ­Regierung des Fürstentums Liechtenstein, Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz (interpharma), Verbände der Krankenversicherer (santésuisse, cura­futura), Schweizerische Stiftung SPO Pa­tientenschutz und Dachverband Schweizerischer Pa­tientenstellen (DVSP), Dachverband chirurgisch und invasiv tätiger Fachgesellschaften (fmCh).

Korrespondenzadresse

Dr. med. Lars Clarfeld
Geschäftsführer
smarter medicine
Generalsekretär SGAIM
Monbijoustrasse 43
Postfach
CH-3001 Bern
lars.clarfeld[at]sgaim.ch

Literatur

1 Trageser J, Vettori A, Iten R, Crivelli L. Effizienz, Nutzung und Finan­zierung des Gesundheitswesens. Akademien der Wissenschaften Schweiz, Bern 2012.

2 Gerber M, Kraft E, Bosshard C. Overuse – unnötige Behandlungen als Qualitätsproblem. Schweiz Ärzteztg. 2016;97:236–43.

3 https://www.hardingcenter.de/de/projekte-und-kooperationen/faktenboxen

4 Loizeau AJ, et al. Fact Box decision support tools reduce decisional conflict about antibiotics for pneumonia and artificial hydration in advanced dementia: A randomized controlled trail. Age and Ageing. 2019;48:67–74.

5 http://www.nfp74.ch/de/projekte/sektor-uebergreifende-versorgung/projekt-schwenkglenks

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