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smarter medicine: «Top-5-Liste» für Infektiologie

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19115
Veröffentlichung: 12.08.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(3334):976

Trägerschaft «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland»

Wie andere medizinische Fachgesellschaften unterstützt die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie (SGINF) die Idee der «Choosing Wisely»-Listen. Infektiologinnen und Infektiologen sind im Spital häufig mit älteren Menschen mit komplexen Infektionen konfrontiert.

Immer wichtiger werden Infektionen bei liegenden Fremdkörpern, die oft unter hoher Kostenfolge aus­gebaut und ersetzt werden müssen. Daneben ist die ­Tätigkeit in der Infektionsprävention zentral. Ambulant stehen Patienten mit chronischen Infektionen im Vordergrund. Circa 80% der in der Humanmedizin verbrauchten Antibiotika werden ambulant eingesetzt und oftmals durch Nicht-Infektiologen verschrieben. Dabei ist es gerade die Überbehandlung mit Antibiotika der eher «einfachen» Infektionen wie Harnwegs- oder respiratorischen Infektionen, die zur Selektion von resistenten Organismen, zu ungewollter Koloni­sation und/oder Infektion mit multiresistenten Keimen führt.

Die hier vorgelegte Top-5-Liste ist evidenzbasiert, nachhaltig und effizient. Dabei lehnt sich die SGINF als kleine Fachgesellschaft an bereits von der Infectious Diseases Society of America (IDSA) publizierte Empfehlungen an, bringt aber auch zwei eigene Punkte ein, die den Besonderheiten des schweizerischen Gesundheitswesens Rechnung tragen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie gibt die folgenden fünf Empfehlungen ab:

1. Gegen unkomplizierte Infekte der oberen Luftwege keine Antibiotika verschreiben.

Antibiotika sind im Zeitalter der zunehmenden Antibiotikaresistenz zurückhaltend einzusetzen. Da viele Infektionen der oberen Luftwege viraler Natur sind, nützen Antibiotika nichts.

2. Ohne spezifische Symptome keine Borrelien-Serologie durchführen.

Die Borrelien-Serologie erlaubt keine Aussage über eine allfällige Aktivität der Erkrankung. Patientinnen und Patienten sollten das Risiko von Überdiagnostik und Überbehandlung verstehen, bevor sie sich einem Test unterziehen.

3. Postoperative Antibiotikaprophylaxe 
nicht verlängern.

Eine Verlängerung der postoperativen Antibiotika­prophylaxe verhindert chirurgische Wundinfektionen nicht effektiver als eine kürzere perioperative Prophylaxe. Ausserdem ist eine verlängerte Prophylaxe ein Risikofaktor für erworbene Antibiotikaresistenzen.

4. Urinkatheter bei Inkontinenzbeschwerden oder mit dem alleinigen Zweck der Messung der Urin-Ausscheidung bei nicht-schwerkranken Patienten vermeiden.

Die Notwendigkeit und der Nutzen von Urinkathetern sollten regelmässig mit Patienten diskutiert und vom Gesundheitspersonal hinterfragt werden. Institutionen sollten Richtlinien zu den Indikationen und Strategien für das Absetzen und Auswechseln der Urin­katheter haben.

5. Ohne Symptome nicht für Clostridium difficile testen.

Weil asymptomatisches Trägertum vorkommt, sollten Patienten ohne Durchfall nicht getestet oder behandelt werden. Mikrobiologische Laboratorien sollten Stuhluntersuchungen von geformtem Stuhl ablehnen.

Die Kampagne «smarter medicine»

Der Trägerverein «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland», der nebst medizinischen Fach- und Berufsorganisationen auch von Patienten- und Konsumentenorganisationen unterstützt wird, möchte die Öffentlichkeit für die Themen der Fehl- und Überversorgung sensibilisieren. Die Kampagne knüpft an die amerikanische Initiative «Choosing Wisely» an, die zum Ziel hat, nicht nur «kluge Entscheidungen» herbeizuführen, sondern auch die offene Diskussion zwischen Ärzteschaft, Patientinnen und ­Patienten sowie der Öffentlichkeit zu fördern.

Kernstück der Initiative sind die sogenannten «Top-5-Listen» der medizinischen Fachgesellschaften, die je fünf unnütze Behandlungen in ihrem Fachbereich aufführen. Zudem sind die bisher veröffentlichten Empfehlungen in einer für die Öffentlichkeit ­verständlichen Sprache verfügbar, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Weitere Informationen zum Trägerverein und eine Übersicht über die bestehenden Top-5-Listen sind zu finden unter www.smartermedicine.ch

Korrespondenzadresse

Trägerverein
smarter ­medicine
c/o SGAIM
Monbijoustrasse 43
CH-3001 Bern
smartermedicine[at]sgaim.ch

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