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Horizonte

Neuropsychologe und Künstler: für Hennric Jokeit ist die Kontrastumkehr ein Blicköffner

Das, was dunkel ist, erscheint hell

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19230
Veröffentlichung: 14.10.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(42):1381

Ewa Hess

Autorin und Kunstkritikerin Tamedia-Redaktion (Tages-Anzeiger, Sonntagszeitung)

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Das Burghölzli: Bild aus der Ausstellung «Diagnosing Hope», die am 30. Oktober in der Galerie 94 im Badener Merker Areal eröffnet wird.

Ja, diese Bilder sind poetisch. Sie zeigen seltsam verwaiste Orte, Räume, Gegenstände, eine melancholische Natur, die Spuren menschlicher Einwirkung trägt. Sie erzählen auf ihre diskrete Weise Geschichten, sprechen im Zeitalter des Expliziten unsere Sehnsucht nach Geheimnis und Mysterium an.

Doch diese Bilder sind auch unheimlich präzise – und das hängt mit ihrer konsequenten Negativität zusammen. Hennric Jokeit, seines Zeichens Leiter des Instituts für Neuropsychologische Diagnostik und Bild­gebung an der Zürcher EPI-Klinik, hat sich im Verlauf seiner künstlerischen Laufbahn für das Verfahren der Kontrastumkehr-Fotografie entschieden. Die in seinem Frühwerk vorherrschende Methode der «Licht­malerei», bei der er Räume mit verglühenden Taschenlampen ausgeleuchtet und fotografiert hat, führte bald zur Entscheidung, sich gänzlich dem Negativbild zu verschreiben. «Die Kontrastumkehr führt automatisch zu einer Intensivierung des Sehprozesses», sagt Neuropsychologe Jokeit. «Weil Negative schwieriger wahrzunehmen sind, verändern sie die Aufmerksamkeit, was wiederum die Bilder besser im Gedächtnis verankert.» In einer visuell überfrachteten Welt, in der Menschen mit täglich zig Millionen Bildern kon­frontiert werden, kein kleiner Vorteil. Doch auch dieser erklärt den seltsamen Zauber, der von den Negativserien Jokeits ausgeht, noch nicht gänzlich.

Wie viel hochemotionaler Inhalt in den auf den ersten Blick wissenschaftlich unterkühlten Bildern Jokeits steckt, zeigte jüngst etwa die Aufführung seiner Bilderserie «Transit Rhodos» als ein digitales Theaterstück am Neumarkt in Zürich. 2018 verbrachte der Fotokünstler einige Tage im Südwesten der griechischen Insel Rhodos, die nahe an der türkischen Küste liegt. An einem Strand entdeckte und fotografierte er Dutzende von Sandalen und Schuhen, die alle Aufschriften «Made in Syria», «China», «Turkey» oder «South Africa» trugen. Jokeit inszenierte diese schicksalsschweren Funde als Alleinhelden seiner Negativporträts und verhalf ihnen mit seiner spezifischen Röntgenansicht zu einer Tiefe und Bedeutung, welche im oben erwähnten Theaterstück mit Auszügen aus biblischen Texten gepaart wurden. Die alten Schuhe – in Jokeits Bildern zu Hauptdarstellern geworden – brachten den Zuschauern die uralten existentiellen Themen Vertreibung, Emigration und erzwungene Entwurzelung auf eine besonders ­berührende Weise nahe.

Damit wurde auch die philosophische Dimension der Negativfotografie, wie sie Jokeit praktiziert, besonders gut sichtbar. Der Wissenschafter und Künstler will mit der Verbreitung blicköffnender Negativität in seinen Aufnahmen nämlich explizit der um sich greifenden ­gesellschaftlichen Überhöhung des Positiven entgegenwirken. «Die Annahme, dass jedes Problem mit positivem Denken zu lösen ist, ist nicht nur dumm, sie ist auch schädlich», sagt der Künstler. «Es gibt kein ­Positiv ohne das Negativ, genauso wenig, wie es ein Glück geben kann, ohne dass es ein Unglück gibt. Somit ist mein Negativwerk auch ein Statement gegen die Gesellschaft, in der negative Gefühle kein Existenzrecht mehr haben.» ­Jokeits neue Ausstellung in der ­Galerie 94 in Baden, die den Titel «Diagnosing Hope» trägt, rückt diese Erkenntnis mit betörend schönen Bildern in die wissenschaftliche Nähe der Medizin: Auch diese Diszi­plin kann die Hoffnung auf Genesung erst generieren, wenn sie einen offenen Blick für die Negativität des Befundes entwickelt.

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Bild aus dem Zyklus «Transit Rhodos».

Credits

Hennric Jokeit

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