FMH

7. MedEd-Symposium des SIWF in Bern

Weiterbildung: ­Die Digitalisierung ruft

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19335
Veröffentlichung: 18.11.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(47):1559-1565

Fabienne Hohl

Texterin

Das diesjährige MedEd-Symposium des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) in Bern war auch in seinem 7. Jahr trotz Corona gut besucht. Erneut bot es dem Publikum zukunftsweisende Analysen und praxistaugliche Anregung sowohl fürs Teaching als auch für die Fortbildung.

Fast 190 Teilnehmende begrüsste SIWF-Präsident Werner Bauer am 23. September 2020 zum «maskierten Gedankenaustausch» über die ärztliche Bildung. Eigentlich hätte er diesmal als Gast am MedEd-Symposium teilnehmen wollen, aber Corona hatte seine Amtszeit unverhofft verlängert. Auch nach zehn Jahren SIWF gebe es für die ärztliche Weiterbildung noch viel zu tun, hielt er fest. Viel Anstoss dazu boten die spannenden Referate und Workshops engagierter Fachpersonen auch dieses Jahr: Eine breite Palette an Erfahrungen und Ideen, um die Wissensvermittlung heute und morgen noch besser mit dem hoch getakteten Berufsalltag zu verbinden und dabei der Freiheit des individuellen Lernens den gebührenden Platz einzuräumen [1].

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Gastgeber Werner Bauer waltet seines Amtes.

Pascal Strupler und der Fax

Nach zehn Jahren bricht auch Pascal Strupler, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), zu neuen beruflichen Ufern auf. In seinem daher letzten traditionsgemässen Grusswort dankte er der Ärzteschaft für ihren grossen Einsatz während der Hochphase der Pandemie. Ferner würdigte der BAG-Direktor den steten, bisweilen für beide Seiten fordernden Dialog, ­insbesondere im Rahmen der Plattform «Zukunft Ärztliche Bildung». Um den Arztberuf zeitgemäss weiterzuentwickeln, plädierte Strupler dafür, dem idealen Task Shifting innerhalb der Gesundheitsberufe Aufmerksamkeit zu schenken und sich dafür an erfolg­reichen ausländischen Beispielen inspirieren zu lassen. Ziel müsse ein Gesundheitsangebot sein, das qualitativ überzeuge und weniger koste. Dass dazu auch die Digitalisierung viel beitragen könne und die Schweiz diesbezüglich Aufholbedarf habe, stand für ihn ausser Frage. «Die Pandemie hat dies ans Tageslicht gebracht, beispielsweise anhand der veralteten Meldesysteme.» In diesem Zusammenhang erläuterte Strupler gerne, dass die Existenz des museumsverdächtigen Faxes im BAG der aktuellen Infrastruktur etlicher Arztpraxen geschuldet sei. «Gute Medizin ist aber sehr viel mehr als Technologie», betonte der BAG-Direktor. Einmal mehr sei es die Bildung, welche die Brücke zu den Pa­tienten schlage. Deshalb müsse die Weiterbildung den veränderten Ansprüchen der jungen Ärztegeneration Rechnung tragen, um attraktiv zu bleiben. «Für junge Ärztinnen und Ärzte ist die Selbstfürsorge an die Stelle der Selbstaufopferung getreten – um gut für andere sorgen zu können.»

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Pascal Struplers traditionelles Grusswort.

Generation Y: anders – aber wie?

Der Wirtschaftspsychologe Rolf Zemp bestätigte in seinem Vortrag, dass die Generation Y der heute 25- bis 40-Jährigen stärker nach Selbstverwirklichung strebt als die Babyboomer. Als Digital Natives nutzen sie so­ziale Medien selbstverständlich und sind fast permanent online. Sie leben als Multitaskingfähige ein Life-Work-Blending: «Digital Natives sind bereit, von zu Hause aus zu arbeiten, wollen aber im Gegenzug auf der Arbeit auch Privates erledigen dürfen», führte der Referent aus. Zudem seien sie von einer demokratischen Erziehung geprägt. Deshalb kommunizierten sie gewohnheitsmässig auch mit Vorgesetzten kritisch und auf Augenhöhe, meldeten ihre Wünsche an und bräuchten viel Wertschätzung und Feedback. Dass der für die Generation Y zentrale Dialog unter dem Zeitdruck der heutigen Arbeitsbedingungen zu oft zu kurz kommt, ist aber unvermeidlich. Ebenso, dass sich Ausbildende an der tendenziell geringen Frustrations­toleranz und Leistungsbereitschaft des Nachwuchses stören. Wie kann Lernen dennoch gelingen? «Ohne grossen Kommunikationsaufwand geht es nicht», betonte Rolf Zemp. Dazu gehöre heute auch klar die permanente Internetverbindung. Der Referent empfahl den aktiven Einbezug der jungen Kolleginnen und Kollegen mittels häufiger, kurzer Gespräche – und digitale Mittel eigenhändig zu nutzen. Es gehe dabei nicht dar­um, die Arbeitsbedingungen komplett den Bedürfnissen der Generation Y anzupassen: Auch der Nachwuchs müsse «beruflich sozialisiert» werden, müsse also Ziele erreichen und mit Kritik umgehen lernen. «Doch wenn wir Leistung wollen, hat auch unsere Generation ihren Beitrag zu leisten.»

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Wie Weiterbildende und die Generation Y miteinander ­können: Rolf Zemp.

«Let the kids play»

Dass die digitale Kommunikation und ihre Vorteile fürs Lernen bei den Weiterbildenden bereits angekommen sind, verdeutlichte die Keynote von Roland Bin­gisser. Der Notfallmediziner zeigte sich offen für eine ungefilterte Integration wissenschaftlicher Online­kanäle in die Weiterbildung wie etwa Twitter. Er sprach sich sogar dafür aus, in jeder ausbildenden Institution eine Fachperson für medizinische Social Media zu etablieren. Im gleichen Zug brach er eine Lanze für die informelle Wissensvermittlung, die er angesichts der stark formalisierten Lehre auch in der Weiterbildung unter ungesundem Druck sieht. Zwar sei das Formal Teaching in seiner Effizienz unverzichtbar, doch es bestehe die Gefahr einer Verschulung ohne Selbstreflexion – zumal «man neun von zehn Dingen am Patientenbett lernt». Sowohl Studierende wie Tutorierende bräuchten die Freiheit, Authentizität in der Ausübung ihres Berufs und in der Haltung gegenüber den Patienten zu entwickeln. Möglich werde dies vor allem durchs Ausprobierenkönnen. «Let the kids play», forderte Roland Bingisser. Dies bedeute jedoch für die Weiterbildenden, ihre Schützlinge reden und Fehler machen zu lassen. «Man darf als Chef nicht zu schnell reingrätschen», mahnte er. Neben zielorientierten Viertel- und Halbjahresgesprächen sowie dem Aufzeigen grösserer Zeiträume für die Spezialisierung («bis 40!») heisst sein Zauberwort für Lernerfolg Mikrointervention oder auch Teachable Moment: sofortiges, fokussiertes Feedback oder Rückfragen, die dem selbständigen Formulieren von Erkenntnissen Raum geben. Dazu gehörten auch bekannte Two-minute observations wie Mini-CEX oder DOPS, deren Dokumentation der Referent unverblümt zu streichen anregte. «Das ist so aufwendig, dass diese Tools meist ‘vergessen’ werden», kommentierte er trocken. Lieber ermunterte Roland Bingisser die Anwesenden, die Jagd nach Teachable Moments zum Sport zu machen.

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Roland Bingisser widmete sein Referat den «teachable ­moments».
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Die Corona-Schutzmassnahmen hielten die Anwesenden nicht von angeregten ­Diskussionen ab.

Kompetenz statt Zahlen: EPAs in der ­Kardiologie

Dem individuellen Lernfortschritt der künftigen Kardiologinnen und Kardiologen hat sich auch Felix C. Tanner verschrieben. Als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie baute er im Rahmen seiner Tätigkeit für die European Society of Cardiology bis 2019 in einem europäischen Konsensprozess das neue Curriculum der Herzspezialisten ganz auf Entrustable Professional Activities (EPAs) auf. «EPAs zeigen genau, wann Weiterzubildende unabhängig arbeiten können», sagte der EPA-Pionier. Die Vorteile der kompetenzorientierten, auf Zutrauen basierenden Vermittlung überwiegen für ihn deutlich gegenüber dem quantitativ belegbaren Training. Die heutigen Trainees seien schon aus dem Studium mit der Methodik vertraut, und sie werde auch in der Fortbildung ihren Platz finden. Zudem böten die fünf klar definierten Kompetenzlevels auch für die benachbarten Disziplinen Transparenz. Den Einwand, dass die Qualität der Ausbildung bei EPA aufgrund der subjektiveren Beurteilung eher anfechtbar sei, liess Felix C. Tanner nicht gelten: «Zahlen allein sagen nichts über Qualität aus – etwa, ob es Komplikationen bei einem Eingriff gegeben hat und wie jemand damit umgegangen ist.» Zudem lasse sich die Qualität auch mit Assessments durch verschiedene Tutorierende gewährleisten. Der Referent bestritt nicht, dass die EPAs die Weiterbildenden gerade zeitlich mehr fordern als die bekannten Lehr­methoden. Jedoch setzte er grosse Hoffnung in digitale Tools, um mehr Raum fürs Teaching zu schaffen. «Denn damit», so seine erklärte Zielvorgabe, «sollte sich die Dokumentation der Lernfortschritte mit ein paar wenigen Klicks erledigen lassen.»

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EPA-Pionier Felix C. Tanner.

Arztsein im Jahr 2030

Zu Beginn des MedEd-Nachmittags fanden parallel die folgenden drei Workshops statt:

– Neue Methoden und ihr Nutzen für die Weiterbildung: von der Medizinalrobotik bis zur künstlichen Intelligenz [2]

– Effizientes Teaching trotz klinischem Zeitdruck! Was, wie und wann? [3]

– Genre et médecine: sexisme et harcèlement sur le lieu de travail, comment prévenir? [4]

Anschliessend nahm der Genfer Internist Arnaud Perri­er die Anwesenden mit auf eine fulminante Tour d’Ho­rizon zur ärztlichen Bildung. Was ist im Jahr 2030 eine gute Ärztin, ein guter Arzt? Mit Sicherheit sollte es jemand sein, der ebenso viele fachliche wie menschliche Qualitäten vereint, wie eine kurze Publikumsbefragung ergab. Entsprechend umfassend charakterisierte der Referent die idealen künftigen Medizinerinnen und Mediziner als interprofessionelle Teamplayer, die ihre Patienten selbstverständlich in die Arbeit einbeziehen. Damit sie dieses Ziel erreichen könnten, brauche es aber eine förderliche Lernumgebung sowie Tutorierende, die als Coaches wirkten und die autonome Wissensaneignung und Selbstreflexion der Trainees unterstützten. Viel Potenzial für den Arztberuf ortete Arnaud Perrier in neuen Berufsbildern wie Spitalärztin bzw. -arzt, in der Digitalisierung sowie im interdisziplinären Lernen über die gesamte medizinische Ausbildung hinweg. Zudem bezeichnete er die Neuverteilung von medizinischen Aufgaben auf andere Berufe als grosse Chance. «Forget about turf wars – welcome to these new professionals!», postulierte er enthusiastisch. Die Aufgabe der Ärzteschaft werde es aber weiterhin bleiben, mit Ungewissheit umzugehen, ja, sie als gute Ausgangslage fürs Lernen zu betrachten. Wer sich diese Mentalität früh zu eigen macht, wird vielleicht eher in der Lage sein, den Entscheid für eine bestimmte Spezialisierung – anders als heute – bereits zu Beginn der Weiterbildung zu fällen. Unter gesellschaftlicher Perspektive sei es essentiell, die jungen Ärztinnen und Ärzte dafür zu motivieren, unterstrich Arnaud Perrier. Denn so bestünde eher die Möglichkeit, ärztlichen Nachwuchs gezielt in den von der Bevölkerung benötigten Spezialitäten auszubilden.

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Arnaud Perrier forderte mehr Selbstreflexion und ­Interdisziplinarität für die Medizin der Zukunft.
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Das Interesse am MedEd-Symposium war auch dieses Jahr gross – und die Maskenpflicht kein Hinderungsgrund für die Teilnahme.

Rezertifizierung: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser?

Zum Abschluss stellten sich Urs Kaufmann, Past-President der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie, und BAG-Vizedirektor Stefan Spycher dem Thema der Rezertifizierung in der Fortbildung. Die kritischen Fragen des MedEd-bewährten «Challengers» Iwan Rickenbacher zeigten, dass sowohl Behörden wie Ärzteschaft die Wichtigkeit verbindlicher Standards in der Fortbildung anstreben und die gemeinsamen diesbezüglichen Anstrengungen des SIWF und der Fachgesellschaften begrüssen. Nur über die Art der Kontrolle durch die Kantone bestehen unterschiedliche Positionen. Während Stefan Spycher eine Erneuerung der Berufsausübungsbewilligung im 10-Jahres-Rhythmus wie im Kanton Zürich positiv beurteilte, standen fürs Urs Kaufmann konkrete Fragen wie gegenwärtig kaum praktizierte Sanktionen oder Rekursmöglichkeiten im Vordergrund. Inwieweit man den Mitgliedern «irgendwo einfach vertrauen muss, dass sie die nötigen Fortbildungen wählen», wie er es formulierte, oder wie diesbezüglich eine pragmatische, akzeptable Weisung durch die Fachgesellschaften aussehen könnte, gilt es noch zu erarbeiten. Zuversicht auch auf diesem Weg dürfte einmal mehr der kanadische Mediziner Sir William Osler verbreiten, den Werner Bauer zu Beginn des Symposiums erwartungsgemäss gerne zitiert hatte: «Medicine is a science of uncertainty and an art of probability.»

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Wie viel Kontrolle braucht die Fortbildung? Stefan Spycher (l.) und Urs Kaufmann (r.) stellen sich Iwan Rickenbachers ­kritischen Fragen.

SIWF-Award 2020: Die Ausgezeichneten

Im Rahmen des 7. MedEd-Symposiums wurden auch die Trägerinnen und Träger des SIWF-Award 2020 für besonderes Engagement in der Weiterbildung bekanntgegeben. Diese Auszeichnung erfolgt aufgrund der Nomination durch ehemalige Assistenzärztinnen und -ärzte. Folgende Weiterbildende und Teams erhielten dieses Jahr eine Auszeichnung:

Einzelpersonen: Pr Dr méd. Christian Candrian, Dr. med. Roman Eberhard, Dr. med. Martin Egger, Pr Dr méd. Thierry Fumeaux, Dr. med. Priska Grünig, Dr. med. Barbara Jung, Dr. med. Gregory Mansella, Prof. Dr. med. Christoph Nissen, Dr. med. Olariu Radu, Dr. med. Stefan Rennhard, Dr. med. Vital Schreiber, Dr. med. Christian Warzecha, PD Dr. med. Lars Wöckel

Teams: Kinder- und Jugendpraxis Schlieren – Brigitta Thomann und Andreas Geiser; Institut für Anästhesiologie Universitäts­Spital Zürich; Medizinische Klinik Kantonsspital Münsterlingen

Credits

© Medworld AG

Korrespondenzadresse

fabienne.hohl[at]wirktext.ch

Literatur

1 Die Präsentationen der Referate und Seminare sind einsehbar ­unter www.siwf.ch → Projekte → MedEd-Symposium

2 Leitung: Prof. Dr. med. Giatgen Spinas, Vizepräsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF), Bern / Prof. Roger Gassert, ETH Zürich, Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie, Zürich / PD Dr. Christian Schmied, Leitender Arzt, Kardiologische Poliklinik, UniversitätsSpital, Zürich

3 Leitung: Dr. med. Martin Perrig, MME, Chefarzt, Leiter Bettenstationen, Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin, Inselspital Bern / Dr. med. Christine Roten, MME, Spitalfachärztin, Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin, Inselspital Bern / Dr. med. Sonia Frick, MME, Chefarzt-Stellvertreterin, Spital Limmattal / Dr. med. Felix Nohl, MME, Stv. Chefarzt, Spital Emmental, Burgdorf, Dr. med. Ursula Hebeisen, Assistenzärztin

4 Leitung: Dr méd. Nadia Bajwa, MHPE, Hôpitaux Universitaires de Genève, Université de Genève, Faculté de Médecine / Dr méd. Melissa Dominicé Dao, Hôpitaux Universitaires de Genève, Université de Genève, Faculté de Médecine / méd. pract. Silja Leiser, Membre de Comité ASMAV et médecin assistante à Unisanté, Lausanne / Dr méd. Jennifer Socquet, Hôpitaux Universitaires de Genève, ­Re­présentante de MedFEM

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