Weitere Organisationen und Institutionen

Ein Working Paper mit Standards und Handlungsempfehlungen

Interprofessionalität will ­gelernt sein

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19394
Veröffentlichung: 16.12.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(5152):1730-1732

Gert Ulricha, Hermann Amstadb, Olivier Glardonc, Sylvia Kaap-Fröhlichd

a Dr. phil., M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Careum Stiftung, Abteilung Bildungsmanagement, Zürich; b Dr. med., MPH, amstad-kor, Basel; c Dr. med. vet., Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, Bern; d Dr. rer. nat., MBA, Careum Stiftung, Leitung der Abteilung Bildungsmanagement, Zürich

In einem Working Paper hat die Careum Stiftung in Zürich die Merkmale einer gelungenen interprofessionellen Ausbildung im Gesundheitswesen zusammengestellt. Das Dokument stützt sich auf die internationale Literatur und auf Gespräche mit Fachleuten aus zahlreichen Ländern. Eine Roadmap zeigt zudem auf, mit welchen Massnahmen in der Schweiz weitere Verbesserungen erzielt werden könnten.

Das Gesundheitssystem der Schweiz zeigt Krankheitssymptome: Bedingt durch den demographischen Wandel, die damit zusammenhängende Zunahme an chronischen Erkrankungen und akzentuiert durch immer komplexere Behandlungen, sind die Kosten massiv ­angestiegen [1]. Gleichzeitig besteht ein markanter Mangel an Gesundheitsfachleuten, der nur dank des Zuzugs ausländischer Spezialisten gemildert wird [2]. Als mögliche Therapie wird vielfach die interprofessionelle Zusammenarbeit der beteiligten Fachpersonen (z.B. Ärzte, Pflegende, Ernährungsberater, Physio- oder Ergotherapeuten) genannt. In Anlehnung an das ­Quadruple Aim-Konzept [3] wird dabei postuliert, dass die ­interprofessionelle Zusammenarbeit erstens die Gesundheit der Bevölkerung und zweitens die Patientenerfahrung verbessern, drittens die Gesundheitskosten pro Kopf verringern sowie viertens die Zufriedenheit der Gesundheitsfachleute steigern könne.

Interprofessionelle Zusammenarbeit entsteht jedoch nicht ohne entsprechenden Nährboden. Unter natio­nalen und internationalen Gesundheitsorganisationen und Fachgesellschaften besteht daher Konsens, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit nur dann funktioniert, wenn die Gesundheitsfachleute über interprofessionelle Kompetenzen verfügen, die sie bereits in der Phase der Ausbildung erwerben sollten [4, 5].

Die Fortschritte, die in der Schweiz im Bereich der ­interprofessionellen Zusammenarbeit und Ausbildung erzielt wurden, sind auch aus einer internationalen Perspektive als bedeutsam einzustufen. Wichtige Player im Gefüge der Interprofessionalität sind das Bundesamt für Gesundheit BAG, die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW, die Bildungsinstitutionen sowie weitere Initiativen, wie etwa die Plattform Interprofessionalität oder der Verein swiss­IPE (Swiss Interprofessional Education Course). Aktuell befindet sich das Förderprogramm ­Interprofessionalität des Bundes, durch das 18 interprofessionelle Forschungsprojekte mit insgesamt 3 Millionen Franken gefördert wurden, vor dem Abschluss [6]. Als Reaktion auf die Dynamiken der letzten Jahre veröffentlichte die SAMW im Herbst 2020 die Charta 2.0 zur interprofessionellen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen [7].

Ein Working Paper als Katalysator

Die Careum Stiftung in Zürich engagiert sich seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Massnahmen zum Thema Interprofessionalität. Vor kurzem hat sie ein Working Paper veröffentlicht, das weitere Akzente zur Zukunft der interprofessionellen Ausbildung in der Schweiz setzen soll [8]. Ausgehend vom Ist-Zustand der interprofessionellen Ausbildung in der Schweiz beschreibt das Dokument auf der Basis einschlägiger Übersichtsarbeiten sowie Interviews mit international renommierten Expertinnen und Experten, aber auch Betroffenen die Merkmale einer gelungenen inter­professionellen Ausbildung. Die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen und Massnahmen wurden anschliessend in einem Expertenworkshop diskutiert und in Form einer Roadmap für die Schweiz konkretisiert.

Durch das Working Paper sollen im Sinne eines Kata­lysators Diskussionen über interprofessionelle Ausbildung in Forschungs-, Bildungs- und Praxisinstitutionen angestossen werden; im Idealfall entstehen daraus weiterführende Initiativen für die gesamte Schweiz.

Kennzeichen einer gelungenen ­interprofessionellen Ausbildung

Das Working Paper fasst in einem empirischen Teil die Ergebnisse der relevanten Übersichtsarbeiten zur ­interprofessionellen Ausbildung sowie der Interviews mit internationalen Expertinnen und Experten zusammen. Zwischen Literaturauswertung und Expertenbefragung bestand Übereinstimmung, dass den Rahmenbedingungen eine grosse Bedeutung zukommt: Beispielsweise müssen notwendige personelle und finanzielle Ressourcen zugesprochen und Facilitatoren1 als Vorbilder sowie Lernende und Studierende als aktive Mitgestalter der eigenen Ausbildung anerkannt und gefördert werden. Als besonders wichtig wurde die Schulung von Facilitatoren für eine qualitativ hochwertige Implementierung von interprofessioneller Ausbildung angesehen.

Es muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, dass weder in der Literatur noch von den Experten eine einzelne konkrete Methode zur Vermittlung interprofessioneller Kompetenzen empfohlen wird. Die Heterogenität interprofessioneller Lehrformate ermöglicht nämlich erst, in Abhängigkeit bestehender Rahmenbedingungen (Lernziele, Ausbildungsabschnitt, beteiligte Berufsgruppen), die Inhalte flexibel und variantenreich methodisch-didaktisch zu vermitteln. Wichtig ist jedoch, dass es sich dabei um realistische und praxisrelevante Ausbildungsformate handelt – vor diesem Hintergrund nehmen die interprofessionellen klinischen Ausbildungsstationen eine wichtige Position ein.

Eine Roadmap als Zwischenschritt

Auf Basis der Literaturrecherche und der Interviews formuliert das Working Paper sechs Handlungsempfehlungen:

1. Bei der Entwicklung und Implementierung von interprofessionellen Ausbildungsformaten sind die Stakeholder in Bildung, Forschung, Praxis und Politik einzubinden.

2. Es braucht ein gemeinsames Verständnis von interprofessionellen Lernzielen und Kompetenzen.

3. In die Curricula sind interprofessionelle Bildungsinhalte aufzunehmen.

4. Der wichtigen Rolle der Facilitatoren für den Lern­erfolg der Auszubildenden ist Rechnung zu tragen.

5. Die interprofessionelle Ausbildung ist praxisrelevant und effizient zu gestalten.

6. Das Potenzial der Forschung im Bereich interprofessioneller Bildung ist zu nutzen.

Die beschriebenen Handlungsempfehlungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und haben auch keinen «Rezeptcharakter»; sie verstehen sich vielmehr als Ideen und Denkanstösse.

Anfang Juli 2020 diskutierten auf Einladung der Careum Stiftung 24 Schweizer Expertinnen und Experten im Bereich der Interprofessionalität die vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen und die jeweils zuge­ordneten Massnahmen. In drei deutsch- und einem ­französischsprachigen Workshop erstellten sie eine Roadmap zur Zukunft der interprofessionellen Ausbildung in der Schweiz. Tabelle 1 auf der vorangegangenen Seite zeigt einen Ausschnitt aus dieser Roadmap; zu jeder Handlungsempfehlung ist jeweils beispielhaft eine Massnahme (von mehreren) aufgeführt.

Tabelle 1: Roadmap zu den sechs Handlungsempfehlungen des Working Papers (Auszug).
HandlungsempfehlungBeispielhafte MassnahmeNächste SchritteAkteureBis wann?
1. Bei der Entwicklung und Implementierung interprofessioneller Ausbildungsformate sind die Stakeholder in Bildung, Forschung, Praxis und Politik settingspezifisch einzubinden.Aufbau eines nationalen Netzwerks aus Forschungs-, Praxis- und Bildungsinstitutionen zu Interprofessionalität und Vernetzung mit lokalen interinstitutionellen Netzwerken– Gründung eines Komitees mit internationaler Beteiligung, das die Schaffung eines nationalen Netzwerks in die Wege leitet (Patronat: BAG, SBFI, SAMW, Careum Stiftung)– Verantwortliche für ärzt­liche, pflegerische, therapeutische und medizinisch-technische Bildungsgänge in Aus-, Weiter- und Fortbildung
– Patientenvertretende
– Vertretende von diversen 
Versorgungssettings
Ende 2021
2. Erarbeiten eines gemeinsamen Verständnisses von Lernzielen und Kompetenzen für eine interprofessionelle PatientenversorgungErstellung und Implementierung von landesweit gültigen interprofessionellen Lernzielen und Kompetenzen in allen ­Bildungsgängen– Erstellen eines Inventars der bestehenden internationalen Lernziele und Kompetenzen– ggf. Careum StiftungMitte 2021
– Formulierung von landesweit gültigen Lern­zielen und Kompetenzen im Kontext der interprofessionellen Versorgungssituation in der Schweiz– nationales Netzwerk (siehe Massnahmen zu Handlungsempfehlung 1)Ende 2022
3. In die Curricula sind interprofessionelle ­Bildungsinhalte auf­zunehmen.Ausloten von Möglichkeiten zur nachhaltigen und integrativen curricularen Verankerung von multi- und interprofessionellen Ausbildungsinhalten, um durch theoretische und praktische ­Ausbildung einen Kulturwandel anzustossen– Starten einer Stakeholderdiskussion (Patronat: SAMW, BAG, SBFI, ­Careum Stiftung)– Bildungsinstitutionen vor Ort
– bildungsstufenspezifische Interessensverbände
2020/21
4. Die Rolle des Facilitators1 wird von allen ­Gesundheits- und ­Medizinalberufen in der Bildungs- und Versorgungspraxis aktiv ­gelebt.Konzipierung und Umsetzung einer Facilitatoren-Toolbox zur Unterstützung der Ausbildungsqualität und Bildung einer ­Community of Practice– Erstellung einer Publikation zur ­Begriffsklärung des Facilitators inklusive Praxisbeispielen– Workshop-TeilnehmendeAnfang 2021
– Konzipierung einer Facilitator-Toolbox als ­Prototyp– Ggf. Careum StiftungMitte 2021
– Bildung einer Community of Practice der ­Facilitatoren– Ggf. Careum Stiftung als EnablerEnde 2021
5. Die interprofessionelle Ausbildung ist praxisrelevant und ­effizient zu gestalten.Patient as Teacher bzw. Patienten/Betroffene bei der Durchführung interprofessioneller Lehrveranstaltungen mitein­beziehen (ggf. unter Einbezug von Patientenorganisationen)– Analyse und Identifikation bereits bestehender Settings und Schulungskonzepte zum Thema Patient as Teacher in der Schweiz– Careum Stiftung2021
– Professionalisierung bzw. Schaffung von Strukturen zur Unterstützung von Patient as Teacher hinsichtlich Finanzierung, Schulung sowie ­Rollen- und Aufgabenklärung– Bildungsinstitutionen
– Patientenorganisation
– Institut für Medizinische Lehre der Universität Bern
– Careum Stiftung
2022
6. Das Potenzial der Forschung im Bereich interprofessioneller Bildung ist zu nutzen.Langfristige Etablierung multi­institutioneller, interprofessioneller ­Forschungsgruppen– Förderung innovativer multiinstitutioneller ­Settings zur Umsetzung ­interprofessioneller Forschungs­projekte (z.B. Schwerpunkt der ­ambulatorischen Forschung) unter Klärung der Mitfinanzierung durch weitere Geldgeber (z.B. Versicherungen)– EDI im Rahmen der ­Gesundheitsstrategie 20302023
BAG: Bundesamt für Gesundheit; EDI: Eidgenössisches Departement des Innern; SAMW: Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften; SBFI: Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.

Die Careum Stiftung steht als Partnerin zur Verfügung

Interprofessionalität in der Schweiz ist ein äusserst ­dynamisches Feld mit vielfältigen Akteuren. Zwar wurde nun der Versuch unternommen, die aufgestellten Handlungsempfehlungen und Massnahmen in Form einer Roadmap zu konkretisieren und potenzielle Akteure zu benennen. Die Arbeit ist jedoch nicht abgeschlossen, denn es kommt nun darauf an, die Roadmap umzusetzen. Die Careum Stiftung bietet sich als Partnerin an, um mit diversen Akteuren konkrete Projekte zu prüfen und zu lancieren.

1 In der einschlägigen Literatur hat sich zur interprofessionellen Begleitung von Auszubildenden neben den Begriffen «Supervisor», «Coach», «Trainer» oder «Tutor» der Begriff des «Facilitators» etabliert. Damit soll eher weniger die Rolle eines Lehrenden, sondern eher die eines Lernbegleiters verdeutlicht werden.

Korrespondenzadresse

gert.ulrich[at]careum.ch

Literatur

1 SAMW. Nachhaltige Entwicklung des Gesundheitssystems – ­Positionspapier der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Swiss Academies Communication. 2019;14(2).

2 Merçay C, Burla L, Widmer M. Gesundheitspersonal in der Schweiz. Bestandsaufnahme und Prognosen bis 2030 (Obsan Bericht 71). Neuenburg: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium; 2016.

3 Bodenheimer T, Sinsky C. From triple to quadruple aim: Care of the patient requires care of the provider. Ann Fam Med. 2014;12(6):573–6.

4 World Health Organization. Framework for action on interprofessional education and collaborative practice. 2010. http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/70185/1/WHO_HRH_HPN_10.3_eng.pdf

5 BAG. Bericht der Themengruppe «Interprofessionalität»; 2013. www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/berufe-gesundheitswesen/medizinalberufe/plattform-zukunft-aerztliche-bildung/bericht-interprofessionalitaet-anhaenge.pdf.download.pdf/­bericht-interprofessionalitaet-anhaenge.pdf

6 BAG. Förderprogramm Interprofessionalität im Gesundheits­wesen – Jahresbericht 2019. 2020. www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/publikationen/taetigkeitsberichte/jahresberichte-­foerderprogramm-interprofessionalitaet-im-gesundh.html

7 SAMW. Charta 2.0 Interprofessionelle Zusammenarbeit im ­Gesundheitswesen. 2020. doi.org/10.5281/zenodo.3865147

8 www.careum.ch/documents/20181/75972/Careum_Working_Paper_9_de.pdf

Verpassen Sie keinen Artikel!

close