Zu guter Letzt

Zeit, Bilanz zu ziehen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19395
Veröffentlichung: 16.12.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(5152):1762

Matthias Scholer

Chefredaktor SÄZ

Was für ein Jahr! Für mich persönlich begann 2020 mit einer notfallmässigen Spitaleinweisung. Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern, als zwei Pflegefachfrauen auf ihrer letzten Runde auch bei mir am Bett haltmachten. Wie üblich scherzten wir über dies und das, und ich zeigte den beiden eine Fotomontage, die mir ein Freund geschickt hatte. Das Bild zeigte eine Gruppe Bierflaschen eines amerikanischen Herstellers – alle mit Mundschutz. Ihnen gegenüber stand eine ­Corona-Bierflasche ohne Mundschutz. Die Bedrohung durch «das Virus aus Wuhan» war im Januar zwar zunehmend in den Medien präsent, für uns im Spitalzimmer jedoch bloss ein Lacher vor dem Lichterlöschen wert. Als ich das Spital einen Monat später verlassen konnte, hatte sich das Bild bereits eingetrübt. Alle im Eingangsbereich für die Besucher bereitgestellten ­Masken waren weggeräumt, die Schlagzeilen über das Coronavirus wurden lauter und bedrohlicher.

Die aufziehende Krise machte sich auch immer mehr im Umfeld des Schweizerischen Ärzteverlags EMH bemerkbar. Die Buchung von Anzeigen ging dramatisch zurück. Als Sofortmassnahme mussten wir sämtliche Mitarbeitenden auf Kurzarbeit setzen. Die Schweizerische Ärztezeitung (SÄZ) erschien für fast ein halbes Jahr nur alle zwei Wochen, und viele Aktivitäten rund um das 100-Jahr-Jubiläum der SÄZ wurden eingestellt – die «Party» war zu Ende, bevor sie überhaupt ­begonnen hatte. Was blieb, sind die drei informativen Schwerpunkthefte [1–3]. Es waren spannende, eindrückliche, aber auch belustigende Momente, die wir bei der Durchsicht der alten SÄZ-Ausgaben erleben durften, als wir Material für die historischen Rückblicke sammelten. Wie schnell sich doch das Rad der Zeit dreht. So schrieb vor 40 Jahren der Zentralpräsident der FMH: «In letzter Zeit tauchen immer wieder Inserate auf, die für Arztcomputer oder Praxiscomputer werben. Viele Ärzte werden sich durch Inserate verunsichert fühlen und sich fragen, ob sie ihre Praxisadministration mit konventionellen Mitteln oder mit Hilfe der Ärztekasse noch optimal gestalten können.»

Doch wo stehen wir heute, 100 Jahre nach dem Erscheinen der ersten SÄZ? Um diese Frage beantworten zu können, lancierten wir im Mai eine Leserumfrage. Die Resultate zeigen eindrücklich, dass die SÄZ eine führende Rolle einnimmt, wenn es darum geht, sich eine eigene Meinung zu standes- und gesundheitspolitischen Fragen zu bilden. Und: Die Zeitschrift wird als wichtige Diskussionsplattform der Basis verstanden [4]. In einigen Bereichen müssen wir uns aber weiterentwickeln, um einerseits die wechselnden Bedürfnisse unserer Leserschaft abdecken zu können und ­andererseits den Wegfall der Abonnementsbeiträge seitens der FMH-Mitglieder mit neuen Einnahme­quellen und Produkten abfedern zu können. Wir ­haben dafür Anfang Jahr einen Strategieprozess lanciert, und es ist beeindruckend zu sehen, wie rasch dieser Innovationsprozess fortschreitet.

Neue Impulse sind auch seitens der FMH und des SIWF zu erwarten. Mit Yvonne Gilli und Monika Brodmann präsidieren nun zwei Frauen die beiden Institutionen. Ein historischer Moment – passend zum dritten Schwerpunktheft zum 100-Jahr-Jubiläum der SÄZ. In diesem schildert die Historikerin Verena Müller eindrücklich, wie sich die Frauen hierzulande ihren Platz in der Medizin erkämpfen mussten [3]. Heute studieren in der Schweiz mehr Frauen als Männer Medizin. Die Wahl der beiden Präsidentinnen steht damit ganz im Zeichen dieser Entwicklung. Doch nicht nur die Wahl von Frau Gilli und Frau Brodmann sind ein Meilenstein, sondern auch die Tatsache, dass die Ärztekammer infolge der zweiten Pandemiewelle im virtuellen Raum stattfinden musste. Womit wir wieder beim alles dominierenden Thema dieses Jahres angelangt sind: SARS-CoV-2.

Und welche Bilanz kann ich nun Ende Jahr persönlich ziehen? Der gemeinsame Nenner 2020 war für mich die unerwartete Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit – zuerst aus gesundheitlichen, später aus pandemischen Gründen. In diesen Zeiten musste ich wieder lernen, was ich unbemerkt im Laufe der Zeit immer mehr verloren hatte: Achtsamkeit und Dankbarkeit für die kleinen Dinge im Alltag. Und, ja, manchmal ist weniger mehr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, besinnliche Festtage und einen optimalen Start ins neue Jahr.

Korrespondenzadresse

matthias.scholer[at]emh.ch

Literatur

1 Schweiz Ärzteztg. 2020;101(1–2):32–9.

2 Schweiz Ärzteztg. 2020;101(17–18):590–601.

3 Schweiz Ärzteztg. 2020;101(45):1504–16.

4 Schweiz Ärzteztg. 2020;101(48):1624–27.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close