Tribüne

Interview mit Roland Sigrist, Leiter Cybathlon

«Es gibt keinen vergleichbaren Wettkampf»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2020.19396
Veröffentlichung: 09.12.2020
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(50):1694-1696

Das Interview führte: Julia Rippstein

Treppen und Rampen mit einem Exoskelett überwinden, Marmeladengläser mit Armprothesen öffnen: Am Cybathlon lösen Menschen mit Behinderung Alltagsaufgaben mit Hilfe modernster Techno­logien. Dieser einzigartige Wettkampf soll Innovation und Forschung fördern. Mitte November fand er erstmals online statt.

fullscreen
Roland Sigrist leitet den Cybathlon.

Roland Sigrist, was ist der Cybathlon?

Dieser einzigartige Wettkampf ist eine Initiative der ETH Zürich. Am zweitägigen Event meistern Menschen mit Behinderung Alltagsübungen mit Hilfe innovativer Entwicklungen und Geräte. Der Cybathlon ist also mehr als nur ein Wettkampf: Er fördert die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung in unser Alltagsleben. Ziel ist es, Forschung und Entwicklung im Bereich von Assistenzsystemen für die Betroffenen voranzutreiben. Zudem dient der Cybathlon als Plattform, die aufzeigt, was bereits existiert und wo noch Potenzial vorhanden ist. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt.

Wie ist die Idee dieses Wettkampfes entstanden?

Einerseits gibt es an technischen Hochschulen weltweit viele Forschungsprojekte rund um Assistenzsysteme, andererseits finden diese Entwicklungen selten Anwendungen im Alltag. Der ­Cybathlon soll Forschung und Menschen mit Behinderung zusammenbringen und eine intensivere Zusammenarbeit fördern.

Welche Technologien werden am Cybathlon gezeigt?

Jedes Team entwickelt eigene Technologien für den Wettkampf. Ein Beispiel: Teilnehmende am Rollstuhlrennen haben verschiedene Einschränkungen, und nicht alle brauchen das gleiche Steuerungssystem. Am Cybathlon werden daher sehr diverse Ansätze eingesetzt. Unter den Innovationen können kommerzielle Geräte sein, die angepasst wurden. Es können aber auch komplett neue Lösungen sein, die vorher nicht existierten. Es gibt zum Beispiel Armprothesen, die in der Lage sind, den Bewegungswunsch automatisch vom Menschen auf die Prothese zu übertragen. Andere Prothesen können sogar einen Tastsinn beim Anfassen von Gegenständen vermitteln.

Was bedeutet ein Sieg für ein Team? Dass die entsprechende Technologie besser als die der anderen ist?

Wenn ein Team gewinnt, heisst es nicht, dass dessen Entwicklung Vorrang in der Forschung hat. Unser Ziel ist es, den verschiedenen Technologien eine Plattform zu geben, damit jeder Mensch mit einer Behinderung die passende Lösung für seinen oder ihren täglichen Gebrauch finden kann.

Der Cybathlon 2020 hätte im Mai in Zürich statt­finden sollen. Wegen der Pandemie wurde zuerst der Event verschoben, dann das Format komplett überarbeitet. Wie konnte das Publikum am 13. und 14. November den Wettkampf mitverfolgen?

Mit den über 50 Teams aus 20 Ländern ist der ­Cybathlon ein internationaler Anlass. Aufgrund der Coronakrise war es unmöglich, die Teilnehmenden nach Zürich einzuladen. Wir haben uns gefragt, wie der Anlass trotzdem durchgeführt werden könnte. So ist die Idee entstanden, dass alle Teams den Wettkampf im eigenen Land bestreiten könnten. Wir als Organi­satoren führten das Ganze in einem Liveprogramm ­zusammen. Die Disziplinen und Aufgaben blieben die gleichen, nur der Standort war anders.

Welche Herausforderungen mussten Sie 
dabei meistern?

Das Organisationsteam muss alles aus Distanz steuer­n und koordinieren: Es müssen zum Beispiel Spiel­leitungen gefunden werden, die sicherstellen, dass das Regelwerk umgesetzt wird. Die Schiedsrichter und -richterinnen mussten wir vor Ort rekrutieren und ausbilden – per Videokonferenzen. Technische und medizinische Prüfungen werden gemacht in einer Kombination von Experten vor Ort und Experten von uns am Laptop zu­geschaltet. Im Vorfeld haben wir unzählige Online-Meetings durchgeführt, damit alle Teams über die Regeln der Wettkämpfe und den Ablauf des Events Bescheid wissen. Durch die digi­talen Konferenzen konnten aber auch der Austausch und die Begeisterung innerhalb der Community gepflegt werden.

Mussten die Aufgaben angepasst werden?

Ja, zum Teil wurden sie angepasst. Ein Beispiel dafür ist das Fahrradrennen. Bei dieser Disziplin starteten die Teilnehmenden auf einem Smart-Trainer, da wir die Rennbahnen nicht auf der ganzen Welt gleich aufbauen konnten. Die Strecke war also stationär, aber länger und daher intensiver. Beim Cybathlon wird zudem das Regelwerk alle vier Jahre erneuert: Da der Wettkampf erstmals 2016 stattgefunden hat, gilt in diesem Jahr ein neues Regelwerk. Die ­Aufgaben blieben ähnlich, enthielten aber zum Teil zusätzliche Schwierigkeiten – das soll die Innovation fördern.

Können Sie Beispiele neu definierter Aufgaben nennen?

Beim Rollstuhlrennen musste eine Tür mit einem robotischen Arm geöffnet werden. Vorher durfte dafür die eigene Muskelkraft angewandt werden. Einige Menschen im Rollstuhl können jedoch ihre Arme nicht mehr so gut bewegen, deswegen haben wir diesen Task angepasst. Beim Armprothesen-Wettkampf mussten die Teilnehmenden Gegenstände erfühlen. Das soll die Entwicklung von sensorischen Prothesen ­fördern.

fullscreen
Der Parcours mit Exoskeletten besteht aus Alltagsaktivitäten, wie dem Überwinden von Treppen, Rampen und Gefällen oder dem Aufstehen von einem Sofa. Diese Stützstrukturen sind noch wenig verbreitet und werden fast ausschliesslich in Spitälern und Rehakliniken in der Physiotherapie eingesetzt.

Wer definiert die Aufgaben?

Das Organisationsteam entscheidet schlussendlich über das Regelwerk, aber zuvor stehen wir in intensivem Austausch mit unserer Community, die sich aus Menschen mit Behinderung und den Expertinnen und Experten aus der Forschung zusammensetzt. Nur sie wissen, welche Aufgaben relevant sind. Das macht den Dialog zwischen den Betroffenen und uns Organisa­toren so wichtig – denn wir wissen nicht immer, mit welchen Herausforderungen Menschen mit Behinderung konfrontiert sind.

Mit dem Online-Format konnten Sie ein viel ­grösseres Publikum erreichen.

Ja, das sahen wir als grossen Vorteil. In den letzten ­Wochen vor dem Wettkampf haben wir alles darangesetzt, um die Online-Übertragung zu optimieren, damit das Programm möglichst überall und allen zugänglich war. Die Auf­teilung des Wettkampfes auf mehrere Standorte ge­nerierte auch mehr Aufmerksamkeit im Ausland: Die ­lokale Presse konnte den Anlass vor Ort besser mitverfolgen, was die Qualität der Berichterstattung steigerte. Daraus ergab sich eine neue Dynamik an diesen Wettkampf-Standorten.

Wieso wurde der Cybathlon nicht ins nächste Jahr verschoben? Wäre das nicht einfacher gewesen?

Der Wettkampf musste noch dieses Jahr stattfinden, um den Teams eine Plattform für ihre Errungenschaften zu geben. Ansonsten bestand die Gefahr, dass sie nicht mehr finanziert oder nicht mehr zusammenarbeiten würden. Uns war es wichtig zu zeigen, was die Teams entwickelt haben, was der Stand der Forschung ist und wo noch Optimierungsbedarf besteht. Ab 2021 wird es zudem eine neue Cybathlon-Periode mit neuen und teilweise schwierigeren Herausforderungen geben. So werden weitere innovative Technologien entwickelt, und die Forschung wird vorangetrieben. Würden wir diesen neuen Projektzyklus hinausschieben, würde die Entwicklung stehenbleiben – das wollen wir nicht. Ausserdem wäre es eine grosse Enttäuschung für alle Teilnehmenden gewesen. Sie arbeiten ja jahrelang am Wettkampf, von der Entwicklung der Geräte bis zum Testen und Trainieren. Und man weiss natürlich nicht, wie lange die Pandemie noch andauert.

Wird es nächstes Jahr einen ähnlichen Anlass geben?

Ja, das Projekt wird in den nächsten Jahren an der ETH weitergeführt. Die neue Periode 2021–2024 mit dem neuen Regelwerk wird demnächst eingeläutet. Wir ­planen, das Projekt CYBATHLON[at]school auszubauen, und können uns weitere Anlässe vorstellen – auch dezentrale Wettkämpfe. Beim Schulprojekt bieten wir Unterrichtsmodule rund um die Themen Inklusion und Robotik in verschiedenen Fächern an. Das Haupt­event wird voraussichtlich 2024 stattfinden.

Medical Checks

Bevor die Teilnehmenden starten dürfen, müssen sie sich einem Medical Check unterziehen. Für die medizinische Vorbereitung und Durchführung dieser Tests ist ein Team unter der Leitung von zwei Neurologen der Schulthess Klinik verantwortlich. Die Experten beurteilen alle Teilnehmenden remote, werden jedoch meist durch eine Spezialistin vor Ort unterstützt. Die Fachpersonen werden im Vorfeld sorgfältig rekrutiert und für die Untersuchung instruiert. Je nach Disziplin prüft das medizinische Team andere Aspekte und führt beispielsweise neurologische Tests durch. Das Ziel der Medical Checks ist es, die Sicherheit der Teilnehmenden sicherzustellen und faire Ausgangsbedingungen zu gewährleisten. Es wird beispielsweise kontrolliert, ob jemand wirklich gelähmt ist oder ob ein Gerät ungefährlich ist.

Die FMH ist Patronatsgeberin: Als ideellere Partnerin stellt sie ihr Logo zur Verfügung. Mehr Infos zum Cybathlon: https://cybathlon.ethz.ch/de

Credits

Alessandro Della Bella

Korrespondenzadresse

julia.rippstein[at]emh.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close