Horizonte

Buchbesprechungen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19476
Veröffentlichung: 24.02.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(08):308-309

Über selbstbestimmtes Sterben. Zwischen Freiheit, Verantwortung und Überforderung

Heinz Rüegger,

Roland Kunz

Zürich: rüffer & rub; 2020

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Sachbuch

Ein Theologe und ein Arzt, beide mit Schwerpunkt Gerontologie, laden mit diesem Buch ein zu einem gleichermassen nüchternen wie einfühlsamen Nachdenken über das Sterben. Sie möchten zum einen dazu beitragen, selbst­bestimmtes Sterben als Ausdruck von Freiheit wahrzunehmen, und plädieren zum anderen für eine offenere Haltung der Medizin gegenüber dem Lebensende. Der Auftrag des Arztes ist es nicht nur zu heilen, sondern auch beim Sterben zu helfen. Die Autoren streben dabei gerade nicht nach dem hohen Ideal eines «guten und richtigen Sterbens», das alle Beteiligten überfordert. Selbstbestimmung darf nicht zum moralischen Zwang werden, und beim Sterben muss man sich nicht in einem besonderen Sinne «würdig» verhalten. Es darf einfach sein.

Die Autoren werben für eine Ars Moriendi, was auch heissen kann zu überlegen, welcher Krankheit man erlaubt, tödlich zu sein. Dies eingebettet in Palliative Care und Gespräche darüber, was den Sterbenden im Leben und Sterben tragen könnte. Konkrete Fragen wie «Konnte ich in meinem Leben lebenssatt ­werden?» oder «Was würde mir das jetzige Sterben erleichtern?» helfen, die Selbstbestimmtheit in ihrer aktiven wie passiven ­Dimension auszuloten. Was kann und will ich noch aktiv entscheiden, und wo verzichte ich bewusst und lasse das Sterben zu?

Die beiden Autoren plädieren so für die Wiederentdeckung der Kunst des Lebens und des Sterbens als Zugewinn an Freiheit und Selbstbestimmung, die nicht überfordert, sondern auf die totale Kontrolle verzichten kann. Sie tun dies nicht nur fachlich kompetent, ­sondern auch auf eine sehr sympathische und sowohl für medizinische Fachleute als auch für Laien gewinnbringende Art und Weise.

Prof. Dr. theol. Christina 
Aus der Au, Mitglied der Redaktion

christina.ausderau[at]phtg.ch

Wie Krankheiten Geschichte machen. Von der Antike bis heute

Ronald D. Gerste

Stuttgart: Klett-Cotta; 2019

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Sachbuch

Wie hätte sich Europas Geschichte wohl verändert, wenn Mary Tudor nicht, wie die Historiker vermuten, an einem Prolaktinom gelitten hätte? Eigentlich wollte die Regentin mit ihrem Mann, König Philipp II. von Spanien, England wieder in den Schoss der katholischen Kirche zurückführen. Infolge ihrer Erkrankung blieb die Herrscherin kinderlos und verstarb nach nur fünf Jahren Regentschaft. Ihre Halbschwester Elizabeth übernahm nach Marys Tod den Thron, und ein goldenes Zeitalter brach an, während dem unter anderem Werke von William Shakespeare und Christopher Marlowe entstanden, welche sich über die ganze Welt verbreiteten. Und um wie viele Musikwerke wäre unsere Gesellschaft wohl reicher, wenn Johann Sebastian Bach nicht von einem durch die Lande ziehenden «Starstecher» operiert worden wäre und kurze Zeit darauf an hohem Fieber erkrankte und verstarb?

Wie sehr Krankheiten das Leben, die Kultur, aber auch das Bewusstsein von Völkern verändern können, zeigt der Arzt und Historiker Ronald D. Gerste in seinem gut geschriebenen Werk auf. Neben Einzelschicksalen geht der Autor zudem auf die Auswirkungen globaler Krankheitsgeschehen wie der Pest, Cholera, Syphilis und Aids ein. Das mit historischen Bildern angereicherte Buch nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine spannende Reise zu medizinischen Wegmarken. In einigen Jahren kann das Werk wohl mit einem ­Kapitel über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie erweitert werden – aktueller könnte ein Buch mit historischem Rückblick kaum sein.

Matthias Scholer, 
Chefredaktor

matthias.scholer[at]emh.ch

Superärzte

Dieter Gärtner

München:

Idea; 2020

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Roman

Der renommierte Autor Dr. med. Dieter Gärtner legt seinen neuen Roman Superärzte vor. Er beschreibt die Arbeitsbedingungen junger Ärzte in deutschen Kliniken. Weil sich D. Gärtner auch als Medizinhistoriker versteht, thematisiert er auch die unmittelbare Geschichte des deutschen Medizinalwesens. Man könnte sein Werk auch als eine Doku-Geschichte verstehen, die in eine Kriminalstory mit über­raschendem Ausgang eingebettet ist.

Es werden zwei unterschiedliche Arztkarrieren geschildert, die miteinander verflochten sind. So werden das Milieu und die Arbeitsweisen deutscher Ärzte der Nazi-Zeit (KZ-Ärzte, Menschenversuche, Euthanasie) in Beziehung zu den heutigen Verhältnissen gesetzt. Der Autor hält sich sehr genau an historische Fakten, der Text wirkt deshalb authentisch. 

Der Erzählduktus wählt die Ich-Form, womit Gärtner auf Erlebnisse in der eigenen Ausbildung anspielt. Die Episoden und Erlebnisse sind intensiv im Tatsächlichen verankert, das fiktionale Element ist nur zuweilen eingearbeitet. Damit gewinnt der Roman hohe Plastizität und Authentizität. Entstanden ist eine gleichsam spannende wie interessante Arztgeschichte, die durchaus auch als Ethikschule für Medizinerinnen und Mediziner taugt.

Das Werk ist sowohl für Ärztinnen und Ärzte als auch für die sich mit dem Metier Befassenden von hohem Interesse und liefert einen Einblick in medizinhistorische Entwicklungen.

Alain Arten-des Granges, 
Lese- und Literatur-Förder-Verein e.V.

kontakt[at]lese-literatur-förderverein.de

Paracelsus. Auf der Suche nach der unsterblichen Seele

Eva-Isabel Schmid

München:

Piper; 2020

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Historischer Roman

Zwei Medizinstudenten wollen die Existenz der Seele im menschlichen Körper beweisen. Ein heikles Unterfangen im Basel des ausgehenden Mittelalters, als es Ärzten noch nicht erlaubt war, Hand an das Innere eines Menschen zu legen. Ihre Sondergenehmigung zum Sezieren von Leichen wird denn auch ­widerrufen, und die beiden jungen Männer geraten ins Visier der Inquisition. Paracelsus kann jedoch nicht von seinem Vorhaben ­ablassen und begibt sich selbst und seinen Freund dabei in tödliche Gefahr.

Paracelsus erzählt die fiktionale Geschichte des gleichnamigen Mediziners. Der Schweizer gilt als einer der berühmtesten europäischen Ärzte und kritisierte die zu seiner Zeit gängige medizinische Lehre der vier Körpersäfte.

Eva-Isabel Schmid, eine in Zürich tätige Ärztin, ist mit Paracelsus ein packendes Erstlingswerk gelungen. Die gekonnten Perspektivenwechsel nach jedem Kapitel erinnern an Schnitte beim Film. Sie erzeugen Spannung und lassen die Lesenden die politischen und konfessionellen Unruhen in Basel zu Beginn der Renaissance aus verschiedenen Blickwinkeln erleben. Im April 2021 erscheint bereits die Fortsetzung des Romans: Paracelsus. Die Fragen der Toten. Dieser steht auf jeden Fall auf meiner Leseliste.

Nina Abbühl, 
Junior-Redaktorin SÄZ

nina.abbuehl[at]emh.ch

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