Zu guter Letzt

Wie viel Mabuse braucht die ­Medizin?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2021.19764
Veröffentlichung: 28.04.2021
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(17):592

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

Dr. Mabuse – sagt Ihnen das etwas? Ja, das ist der Film-Superschurke und Psychoanalytiker, der Menschen manipuliert, um die Welt zu beherrschen. Der legendäre Regisseur Fritz Lang schaffte mit dem ersten ­Mabuse-Film 1922 seinen Durchbruch. Der zweite von 1933 wurde von den Nazis verboten und lief im Ausland in einer französischen Version. In den 1960ern folgten dann noch sechs massentauglichere deutsche Mabuse-Thriller und 1990 ein wenig erfolgreiches Remake (Dr. M.) von Claude Chabrol.

Dr. med. Mabuse – sagt Ihnen das etwas? Nein, das ist kein neuer Star am Epidemiologenhimmel. Es ist der Name der deutschen Zeitschrift für alle Gesundheits­berufe. Sie feiert nach bald einem halben Jahrhundert Existenz gerade ihr 250. Heft [1], und das liefert den ­Anlass für dieses Zu guter Letzt.

Den eigenwilligen Namen hat «der Mabuse» noch aus der Zeit, als 1976 Frankfurter Medizinstudierende die erste Ausgabe herausbrachten. Ihr Titelbild legte einem Arzt im Kollegengespräch den Satz in den Mund: «Lieber Kollege, in unserem Beruf ist das Wichtigste, sich nicht anmerken zu lassen, dass wir oft keine ­Ahnung haben!» Es war die Zeit der «Spontis» und der Satire-Zeitschrift pardon. Die Spontis machten sich zu kleinen Spass-Mabuses. Skurrile Ironie war Teil der Bewegungen, die in den Folgejahren das Medizinsystem als Ganzes anprangerten: zu hierarchisch, zu technizis­tisch, später auch zu «männlich», zu unsozial und die eigene braune Vergangenheit ignorierend. Die eigent­lichen «Mabuses» wurden in der etablierten ­Medizin geortet.

In dieser Medizinkritik kam eine sehr spezielle Koalition zusammen: gegen die «Halbgötter in Weiss», für Interprofessionalität und Patientenrechte, für ein soziales, gerechtes und menschliches Gesundheitssystem, auch gegenüber der «Dritten Welt», für Natur, Alternativmedizin und Umweltschutz sowie gegen das Möglichmachen eines Atomkriegs. Dieser sollte nicht durch das Einüben der eventuellen medizinischen Triage durchführbarer gemacht werden. Hinter all dem stand ein bislang ungekannt breites Verständnis von Medizin und Gesundheit.

Was ist im Zeitraum von 250 Mabuse-Heften passiert? Unsere Gesundheitssysteme wurden nicht auf den Kopf gestellt, aber ein wenig durchgeschüttelt. In Deutschland rekrutierten sich aus den damaligen bewegten «Gesundheitstagen» und «Gesundheitsläden» die ersten grünen und alternativen, meist noch männlichen Vertreter in staatstragenden politischen und ­Exekutivämtern. Heute verwundert es nicht mehr, wenn in der Schweiz etwa eine grüne Alt-Nationalrätin zur FMH-Präsidentin gewählt wird. Vor vierzig Jahren hätte man das noch als Sponti-Aprilscherz gehandelt.

Viele der damaligen medizinkritischen Themen sind zumindest um einiges diskursfähiger geworden. Patientenrechte sind Teil der medizinischen Agenda. Eine gewisse Interprofessionalität ist Grundlage modernen Medizin-Managements. Naturheilkunde hat in der Schweiz Verfassungsrang. Das sind nur ein paar Beispiele, wie auch immer man zu ihnen steht. Die medizinische Welt ist auf jeden Fall nicht mehr so über­sichtlich wie damals. Die «Superschurken» sind noch schwerer zu benennen als früher.

Das Adjektiv «kritisch» führt trotzdem noch die Selbstbeschreibung der Zeitschrift an [2]. Die Kritik ist aber deutlich subtiler geworden und in viele kleine Schauplätze hinein diffundiert. Ich würde die Zeitschrift heute als eine mit der Praxis verbundene Denkfabrik eines erweiterten Gesundheitsbegriffs bezeichnen, wiewohl aus dem Blickwinkel eines links-grünen Weltbilds. Was das konkret heisst? Dazu stöbern Sie am beste­n einmal durch die Inhaltsverzeichnisse der letzten Mabuse-Hefte auf der Website. Das Jubiläumsheft befasst sich mit «gerechter Gesundheit» und streift ­dabei Altenpflegelöhne, Behinderung, Übergriffe im Beruf, Geburtshilfe, Gerontopsychiatrie, Psycho­somatik, Abtreibung, Corona-Impfstoffe, Arzneimittel­versorgung, Lobbyismus und das Thema der globalen ­Gesundheit.

Subversive Ironie hat da nur noch wenig Platz. Vielleicht wäre es an der Zeit, mal wieder in die alte Sponti-Kiste zu greifen. Würde ich heute eine eigene Zeitschrift gründen, würde ich sie vielleicht Die Positivrate nennen. Damit nicht immer alles so negativ ist.

Korrespondenzadresse

eberhard.wolff[at]emh.ch

Literatur

1 www.mabuse-verlag.de

2 «Kritisch – unabhängig – berufsübergreifend – sozial».

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