Zu guter Letzt
Zoom-Regeln
Prof. Dr., Medizinethik und ärztliche Weiterbildung, Insel Gruppe, Inselspital Bern
Führen Sie auch Ihre Videokonferenzen in der Jogginghose durch? Nein? Ich auch nicht. Ich halte nichts davon. Ich kann mich in meiner Berufskleidung viel besser konzentrieren. Macht der Gewohnheit, wahrscheinlich. Cisco Webex, Zoom, Microsoft Teams, Skype und wie sie alle heissen, eigentlich ein Erfolg der Pandemie. Wir können weiterhin zusammenarbeiten, vernetzt bleiben und haben nebenbei noch gelernt, dass man nicht für jedes internationale Meeting durch die Welt fliegen muss. Aus ethischer Sicht ist das interessant, denn die Errungenschaft der Gruppenvideoanrufe ist uns allen kulturell relativ neu. Der Wert der Videokonferenzen ist unbestritten, aber ihre Durchführungsregeln sind gesellschaftlich noch nicht fix etabliert. Die «Normen» sind noch unklar. Wir alle erinnern uns noch, wie linkisch und unsicher wir letztes Jahr unseren ersten «Online-Unterricht» oder unser erstes «Online-Meeting» durchgeführt haben. Mittlerweile haben wir mehr Praxis, die Normen schwimmen trotzdem noch etwas. Ich möchte dazu sieben Punkte skizzieren – augenzwinkernd –, denn in ein paar Jahren wird solch eine Kolumne keinen Sinn mehr machen, dann sind die Anstandsregeln für Telekonferenzen sicherlich Schulstoff.
1. Beinkleidung: Wie schon angedeutet. Man kann sicherlich Jogginghosen tragen, insbesondere dann, wenn man in einem nationalen oder internationalen Topkader eines Sportteams eine leitende Position innehat.
2. Oberbekleidung: Krawatten scheinen mir aktuell ziemlich verpönt. Schade eigentlich. Die meisten Videocalls werden tendenziell legerer durchgeführt, so scheint es mir. Aber ist das jetzt schon eine Norm? Ärztinnen und Ärzte treffe ich in Online-Konferenzen auch oft im weissen Kittel an. Das überrascht mich manchmal. Müsste ja nicht sein, ist ja kein direkter Patientenkontakt. Hygiene? Ich tippe eher auf die Gewohnheit.
3. Kinder und Hunde: Schwieriges Thema. Ich liebe Hunde, manche Kinder auch. Aber in Videomeetings? Irgendetwas macht mich hier stutzig. Genau benennen kann ich noch nicht, was mich stört. Muss ich ja auch nicht, ist gesellschaftlich ja noch neu. Lassen wir noch ein paar Monate auf uns wirken.
4. Hintergrund: Was habe ich im letzten Jahr an Küchenzeilen, Wohnzimmer-Bücherregalen und Kunstdrucken an den Wänden im Hintergrund von fremden Menschen gesehen. War mir manchmal etwas zu intim. So einen Bürohintergrund eines alltäglichen Arbeitszimmers finde ich da etwas beruhigender, weniger ablenkend. Man kann den Hintergrund ja in allen Systemen auch verpixeln oder virtuelle Hintergrundbilder setzen. Ich glaube, das wird zum Standard werden (und nicht die Küchenzeilen oder die eigenen Wohnzimmerregale).
5. Uhrzeit: Zu viele Videokonferenzen werden – zumindest in meinem Bereich – zunehmend auf den Abend angesetzt. Das irritiert mich. Wenn das Thema so «unwichtig» ist, dass es tagsüber keinen Platz in der Agenda der Leute findet, ist es dann so «wichtig», dass es abends durchgeführt werden muss?
6. Durchführung: Das ist wahrscheinlich die grösste Herausforderung. Der Prozess der Videokonferenz. Noch stärker als in persönlichen Meetings scheint mir die Rolle einer Moderatorin oder eines Moderators unumgänglich. Jede Konferenz sollte – so finde ich – am Anfang mit dem klaren Bekenntnis beginnen, was man erreichen will und wer die Prozessverantwortung trägt. Das wird sich sicherlich als Regel durchsetzen.
7. Ende: Der unsicherste Moment liegt aus meiner Sicht oft im Endpunkt der Telekonferenz. In den letzten 10 Sekunden. In persönlichen Meetings sind wir es gewohnt, die Jacken anzuziehen, einige Floskeln zu äussern, dann verlässt man den Raum oder das Klassenzimmer. Und jetzt? Jetzt klicken wir auf «Meeting verlassen», und plötzlich sind wir wieder allein am Rechner. Ich weiss nicht, hier müsste sich eine bessere Online-Abschiedskultur entwickeln.
Dies hier ist zwar keine Telefonkonferenz und unterliegt daher nicht Punkt sieben, dennoch wünsche ich Ihnen weiterhin einen angenehmen Tag.
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