Zu guter Letzt

Vorbilder sind wir immer – so oder so

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20831
Veröffentlichung: 15.06.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(24):834

Werner Bauer

Dr. med., ehem. Präsident des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF

«So will ich nicht werden.» Erst auf den zweiten Blick passt dieser Gedanke zu einigen Überlegungen, die ich zum Thema des Stellenwerts von Vorbildern in der ärztlichen Bildung anstellen möchte.

Im Laufe der Visitationen von Weiterbildungsstätten wird die Rolle von Vorbildern nicht regelmässig, aber doch immer einmal wieder angesprochen: Sei es, dass leitende Ärztinnen und Ärzte die Hoffnung oder eine Verpflichtung äussern, als Vorbilder wahrgenommen zu werden; sei es, dass Assistenzärztinnen oder -ärzte sich wünschen, Vorbilder zu finden, die sie auf ihrem Weg in die berufliche Kompetenz begleiten.

Mich verwundert ein bisschen, dass es zwar eine fundierte Diskussion und Forschung über verschiedenste Aspekte der ärztlichen Bildung gibt, angefangen bei ­didaktischen Methoden und der zeitgemässen Formulierung von Lernzielen über Feedback und Assessments bis zum Stellenwert des digitalen Lernens mit Blick auf eine kompetenzbasierte ärztliche Bildung. Über die Frage aber, welche Bedeutung einer Vorbildrolle der vorgesetzten Ärztinnen und Ärzte zukommt, wird eigentlich wenig gesprochen. Möglicherweise werden die denkbaren Antworten zu den Charakteristika und zum Stellenwert von Vorbildern als zu nebulös eingeschätzt.

Ein kurzer Blick in die Literatur fällt dann doch auf eine Reihe von Artikeln, welche die Wichtigkeit des Kontakts mit prägenden Persönlichkeiten während des Studiums und der Weiterbildung betonen. So wird über eine ­Studie von Scott M. Wright [1] zu den Kriterien, die zum Vorbild machen, berichtet: «They found that the most important qualities in role models were a positive attitude to junior colleagues, compassion for ­patients and integrity. Clinical competence, enthusiasm for their subject, and teaching ability were also important, but research achievement and academic status were much less so. Compared with colleagues, physicians who were identified as excellent role models spent more time teaching and conducting rounds and were more likely to stress the importance of the doctor–patient relationship.»

In einer Göttinger Dissertation zum Thema der Vorbilder und prägenden Personen im Medizinstudium stellt Jenny Katharina Bücken [2] fest, dass eine Wirkung von Vorbildern auf Studierende deutlich erkennbar ist. Vielen Akteuren vor allem in Spitälern scheine aber gar nicht bewusst zu sein, dass sie Vorbildfunk­tionen haben und zur beruflichen Sozialisation der Lernenden beitragen. Im Idealfall haben Vorbilder eine hohe berufliche Kompetenz, sie leben Werte vor und geben Orientierung. Besonderen Einfluss scheinen begeisterte und überzeugende «role models» auf die Wahl eines Fachgebiets innerhalb der Medizin zu ­haben und einen besonderen Beitrag können sie bei der Vermittlung der allgemeinen Lernziele leisten, die im Spitalalltag oft zu wenig berücksichtigt werden: Kommunikation, Ethik, Verhalten gegenüber den Pa­tientinnen und Patienten und im Team.

Damit komme ich zurück auf meinen einleitenden Satz: «So will ich nicht werden.» Bis zu einem gewissen Grad können eben auch schlechte Vorbilder eine konstruktive Wirkung haben, indem das, was sie tun, sagen und sind, als nicht modellhaft erlebt wird. Dies bedeutet aber, dass sich alle, die für Führung und Lehre Verantwortung tragen, darüber im Klaren sein müssen, dass sie auf ihre Vorbildfunktion hin beobachtet werden: hilfreich und wertvoll, wenn sie als positiv wahrgenommen wird; bedauerlich, aber eben auch nicht ohne Wirkung im «hidden curriculum», wenn sie nicht genügt.

Ich selbst mag mich gut an meine ersten Chefärzte erinnern. Sie hatten, was man von markanten Menschen erwarten kann: viele Charakteristika eines Vorbilds, aber auch einige Persönlichkeitsaspekte, die ich nicht übernehmen wollte. Dass sie mich in meiner Haltung zum Arztberuf geprägt haben, steht fest. Die Begeis­terung für die Medizin, das Pflichtbewusstsein und der Wunsch, immer wieder dazuzulernen, waren Vor­bildelemente meines ersten Chefs, wogegen seine manchmal barsche Art der Kommunikation mich ­immer wieder denken liess: so nicht!

Worauf es mir ankommt: Ärztinnen und Ärzte mit ­einer Führungs- und Bildungsfunktion müssen sich bewusst sein, dass sie für die Mitglieder ihres Teams immer in der einen oder anderen Art Vorbilder sind. Sind sie es im positiven Sinn, vermitteln sie nicht bloss einzelne Lernziele, sondern eine berufliche Haltung und die bleibende Freude an einem der schönsten ­Berufe, die es gibt. Der Kreis möglicher Vorbilder bleibt aber durchaus nicht auf ärztliche Vorgesetzte beschränkt. Auch andere Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten können für die Persönlichkeitsentwicklung von uns Ärztinnen und Ärzten Vorbildcharakter haben: «So will ich ­werden!» oder dann eben «So nie!»

Literatur

Vollständige Literaturliste unter www.saez.ch oder via QR-Code

Korrespondenzadresse

werner.bauer[at]hin.ch

Literatur

1 Paice E, Heard S, Moss F. How important are role models in making good doctors? BMJ (Clinical research ed.) 2002. 325. 707–10. 10.1136/bmj.325.7366.707.

2 Bücken J. Vorbilder und prägende Personen im Medizinstudium. Dissertation an der Georg-August-Universität zu Göttingen. Göttingen: 2016.

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