500

Weitere Organisationen und Institutionen

BAG und SAMW stellen Modell für Gesundheitliche Vorausplanung vor

Auch bei Urteilsunfähigkeit ­selbstbestimmt bleiben

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20841
Veröffentlichung: 22.06.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(2526):852-853

Manya J. Hendriksa, Sibylle Ackermannb, Lea von Wartburgc, Flurina Näfd

a Dr. sc. med., Projektverantwortliche Ressort Ethik, Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), Bern; b lic. theol., dipl. biol., Leiterin Ressort Ethik, SAMW, Bern; c lic. phil. I, Leiterin Sektion Nationale Gesundheitspolitik, Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bern; d lic. phil. I, Leiterin Koordinationsstelle Plattform Palliative Care, Sektion Nationale Gesundheitspolitik, BAG, Bern

Die vorausschauende Auseinandersetzung mit Situationen der Urteilsunfähigkeit ist eine wichtige Voraussetzung, um ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) und der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) stellt ein Modell vor, um die Gesundheitliche Vorausplanung zu stärken.

Jede Person kann aufgrund einer Krankheit, eines Unfalls oder eines medizinischen Eingriffs in die Situation geraten, dass sie nicht mehr ansprechbar oder urteilsfähig ist, aber trotzdem Therapieentscheide mit potenziell weitreichenden Konsequenzen gefällt werden müssen. Bei der Gesundheitlichen Vorausplanung (GVP) geht es darum, für solche Situationen Handlungsanweisungen festzulegen oder gewisse Massnahmen im Vornherein auszuschliessen. GVP bedeutet also, frühzeitig Gespräche über persönliche Werte, Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die Behandlung und Betreuung bei Krankheit, Unfall oder Pflegebedürftigkeit anzuregen und für den Fall der Urteilsunfähigkeit für Drittpersonen greifbar festzuhalten. Sie trägt dazu bei, dass die Selbstbestimmung auch im Fall der Urteilsunfähigkeit gewahrt bleibt.

fullscreen
Olga Kononenko / Unsplash

In seinem Bericht zum Postulat 18.3384 «Bessere Betreuung und Behandlung von Menschen am Lebensende» zeigt der Bundesrat den Handlungsbedarf auf: Patientenverfügungen, anhand derer jede Person unmissverständlich festlegen kann, welche medizinische Behandlung sie möchte oder ablehnt, sind in der Schweiz wenig vorhanden und häufig nicht rechtzeitig auffindbar [1, 2]. Und selbst wenn sie in der Akutsituation vorliegen, erfüllen sie in der medizinischen Praxis selten ihren Zweck [3]: Patientenverfügungen werden oft zu allgemein, zu unscharf oder zu widersprüchlich formuliert, als dass daraus konkrete Handlungen abgeleitet werden könnten. Schliesslich wird das Lebensende meist als akutes und somit unvorhersehbares Ereignis behandelt – obwohl rund 70 Prozent der Todesfälle in der Schweiz zu erwarten sind und damit frühzeitig und vorausschauend vorbereitet werden könnten [4].

Vor diesem Hintergrund hat der Bundesrat das BAG und die SAMW im Frühjahr 2021 beauftragt, eine nationale Arbeitsgruppe Gesundheitliche Vorausplanung (AG GVP) einzusetzen, die ein möglichst einheitliches Verfahren und praxistaugliche Instrumente erarbeiten soll. Die AG GVP besteht aus Fachpersonen der ­Medizin, Pflege, Palliative Care, Sozialen Arbeit, des Rechts und der Ethik. Eingebunden sind zudem Vertretungen von Betroffenenorganisationen sowie Entscheidungsträgerinnen und -träger aus den nationalen Fach- und Leistungserbringerverbänden. Das gemeinsam erarbeitete Modell zur Umsetzung der GVP steht seit Mitte Mai bis zum 15. Juli 2022 in der öffentlichen Vernehmlassung.

Vernehmlassung

Das Modell Gesundheitliche Vorausplanung steht bis zum 15. Juli 2022 in der öffentlichen Vernehmlassung. Interessierte Organisationen und Personen sind zur Stellungnahme eingeladen. Die Vernehmlassungsunterlagen sind verfügbar unter: samw.ch/vernehmlassung-gvp

Die Kernelemente auf einen Blick

Beginn der Gesundheitlichen Vorausplanung

Die GVP richtet sich an alle Menschen und soll für alle unabhängig von Alter, Behinderung, Herkunft, sozioökonomischem Status, Diagnose und Gesundheitskompetenz zugänglich sein. Sie fokussiert nicht allein aufs Lebensende und beginnt idealerweise frühzeitig. Jede Person kann aufgrund einer Krankheit, eines Unfalls oder eines medizinischen Eingriffs unerwartet in eine Situation geraten, in der sie nicht ansprechbar bzw. urteilsfähig ist, in der aber Therapieentscheide mit zum Teil weitreichenden Konsequenzen gefällt werden müssen. Es hilft den behandelnden Fachpersonen – und insbesondere auch den Angehörigen –, wenn die persönlichen Einstellungen zum Leben, zu schwerer Erkrankung und zum Sterben bereits thematisiert wurden und die Präferenzen schriftlich festgehalten sind.

Der individuell passende Moment für die Einleitung des GVP-Prozesses ist unterschiedlich, laut Fachpersonen kann er durch Schlüsselsituationen in der Biographie oder durch Schicksalsschläge ausgelöst werden. Spätestens dann, wenn eine diagnostizierte schwere Krankheit vorliegt, eine Zustandsverschlechterung eintritt oder das nahe Lebensende wahrscheinlich ist, sollten sich alle mit der GVP beschäftigen. In diesen Fällen ist es sinnvoll, konkret und krankheitsspezifisch vorauszuplanen.

Sensibilisierung und Information

GVP ist noch wenig etabliert und erfordert eine breite, gemeinde- und bevölkerungsorientierte Sensibilisierung. Es braucht Informationskampagnen, die zielgruppenspezifisch ausgerichtet sind und auf unterschied­liche Lebensorte, -phasen und -situationen Bezug nehmen. Auch individuelle und soziokulturelle Voraussetzungen und Erfahrungen gilt es zu berücksichtigen.

Geradefür Menschen ohne hohe Gesundheitskompetenz – dies betrifft rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung [5] – stellt es eine Herausforderung dar, sich im unübersichtlichen Feld von Angeboten, Dienstleistungen und Formularen zur GVP zurechtzufinden. Um die GVP möglichst breit zu verankern, sind niederschwellige Hilfestellungen nötig.

Gesundheitliche Vorausplanung als Prozess

Da Bedürfnisse und Wertvorstellungen sich im Lauf des Lebens verändern, ist die GVP ein je nach Lebens- und Gesundheitssituation unterschiedlich intensiver Prozess, der durch regelmässige Gespräche zwischen den vorausplanenden Personen, ihren Angehörigen und Fachpersonen begleitet wird. Die GVP ist also nicht ein einmaliges Ereignis, sondern ein kontinuierlicher Vorgang. Sie variiert zu verschiedenen Zeitpunkten in der Ausgestaltung und Konkretisierung. Das vorgeschlagene Modell unterscheidet drei Konkretisierungsmodule, wobei die Übergänge fliessend sind und die einzelnen Module nicht zwingend aufeinander folgen müssen.

Unterstützung durch qualifiziertes Fachpersonal

Zur Festlegung von medizinischen Handlungsanweisungen sind Beratungen durch Fachpersonen notwendig, da aussagekräftige und nachvollziehbare Festlegungen der GVP kaum ohne professionelle Unterstützung möglich sind. Welche fachlichen Kompetenzen für die Unterstützung in welcher Konkretisierungsstufe der GVP notwendig sind, soll im Verlauf der weiteren geplanten themenspezifischen Arbeiten formuliert werden.

Das Wichtigste in Kürze

• Der Bundesrat hat das BAG und die SAMW beauftragt, eine nationale Arbeitsgruppe Gesundheitliche Vorausplanung (AG GVP) einzusetzen, die ein möglichst einheitliches Verfahren und praxistaugliche Instrumente erarbeiten soll, um die Gesundheitliche Vorausplanung zu fördern.

• Hintergrund ist, dass es in der Schweiz nur wenige Patientenverfügungen gibt und diese oft zu unscharf formuliert sind

• Die AG GVP besteht aus Fachpersonen der Medizin, Pflege, Palliative Care, Sozialen Arbeit, des Rechts und der Ethik. Das gemeinsam erarbeitete Modell zur Umsetzung der GVP steht bis zum 15. Juli 2022 in der öffentlichen Vernehmlassung.

Korrespondenzadresse

ethics[at]samw.ch

Literatur

1 Aebi-Müller R. Gutes Sterben = selbstbestimmtes Sterben? Angewandte Gerontologie. 2018;3:11–3.

2 Pautex S, Gamondi C, Philippin Y, Gremaud G, Herrmann F, Camartin C, et al. Advance directives and end-of-life decisions in Switzerland: role of patients, relatives and health professionals. BMJ Support Palliat Care. 2018;8(4):475-–84.

3 Brügger S, Kissman S, Besic S, Sottas B. Gesundheitliche Voraus­planung: Bedürfnisse der Bevölkerung und von Fachpersonen. Schlussbericht. In: Formative works: Bern. 2021;1–73.

4 Bosshard G, Hurst SA, Puhan MA. «Medizinische Entscheidungen am Lebensende sind häufig». Swiss Medical Forum. 2016;16(42):896–8.

5 De Gani SM, Jaks R, Bieri U, Kocher JPH. Health Literacy Survey Schweiz 2019–2021. Schlussbericht im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG. Careum Stiftung; 2021.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close