Horizonte

Der Herz-Virtuose

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2022.20987
Veröffentlichung: 21.09.2022
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(38):80-81

Julia Rippstein

RuhestandEr hat eine ganze Generation von Ärztinnen und Ärzten geprägt und die Kinderherzchirurgie massgeblich vorangetrieben: Ende Juli ist René Prêtre in den Ruhestand getreten. Wir blicken auf eine beeindruckende Karriere zurück.

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René Prêtre ist fasziniert von der Anatomie des Herzens: «Seine innere Architektur ist schön, seine Messungen regelmässig.»

© Eric Deroze / CHUV

Eine Kulisse aus Kartons und Akten. Das Büro von René Prêtre vermittelt den Eindruck vom Ende einer Ära. «Heute habe ich meine letzte pädiatrische Operation durchgeführt», sagt er bewegt. Mit 65 Jahren, nach 40-jähriger Tätigkeit, 6000 operierten Herzen und zehn Jahren an der Spitze der Abteilung für Herzchirurgie des Waadtländer Universitätsspitals (CHUV), tritt der bekannteste Herzchirurg der Schweiz in den wohlverdienten Ruhestand. Ohne Bedauern. «Die Leitung dieser Abteilung hat mir grosse Freude bereitet, aber nun reicht es auch.» Die Verantwortung und die Konzentration, die bei der Operation von Neugeborenen in den ersten vier Lebenswochen nötig sind, fordern ihren Tribut. «Noch operiere ich sehr gut, aber das wird nicht ewig so sein. Ich will keine Last für mein Team werden.» Sein Abschied ist «energisch», wie er sich ausdrückt. Genau wie seine Karriere, die keineswegs vorgezeichnet war.

Der 1957 geborene Bauernsohn aus dem Jura kommt durch Zufall zur Medizin. «Studieren war bei uns kein Thema. Medizin war für mich eine fremde Welt.» René Prêtre besucht ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Eines Tages rennt ein Freund zum Sekretariat. «Die Voreinschreibungsfrist für Medizin endete. Ich habe kurz überlegt und es dann so gemacht wie er.»

Einmal begonnen, kommt mit der Zeit auch die Leidenschaft. «Ich habe erkannt, dass die Medizin unendliche Möglichkeiten bietet.» Die chirurgischen Praktika sind für ihn das Erweckungserlebnis. Das hat auch mit seinen bäuerlichen Wurzeln zu tun. «Die Landwirtschaft ist sehr manuell, man kennt die kleinen Handgriffe.» Die Operationen, bei denen er assistiert, begeistern ihn. «Ich erinnere mich an einen jungen Mann mit Blinddarmentzündung, der sich unstillbar erbrach. Die Symptome hörten nach der Operation auf. Für mich war das Zauberei.»

Das Herz − eine Obsession

Im Bellevue Hospital in New York, wo er 1988 mit 100-Stunden-Wochen seine chirurgische Ausbildung fortsetzt, schätzt man seine geschickten, sorgfältigen Hände und holt ihn in die Herzchirurgie. «Diese Vorstellung fand ich äusserst spannend.» Warum das Herz? Es ist das faszinierendste aller Organe, das Symbol der Liebe und des Lebens. Es mutet geradezu heilig an.» Auch nach so vielen Jahren begeistert sich René Prêtre noch. «Das Herz hat eine wunderschöne innere Architektur, es schlägt in regelmässigen Takten, man könnte meinen, es sei lebendig .»

Nach Stationen in England und Frankreich kehrt der Jurassier in die Schweiz zurück, an das Kinderspital Zürich, wo er sich auf Kinderherzchirurgie spezialisiert. Obwohl er massgeblich zu deren Entwicklung beigetragen hat, spricht er lieber von «kleinen Fortschritten». «Ich habe vor allem bestehende Techniken verbessert. Im Ausland habe ich gelernt, verschiedene Methoden zu kombinieren», erklärt er. Was ist sein Erfolgsgeheimnis? Ein technischer Handgriff pro Tag. «Das ist wie bei einem Musikinstrument: Wenn man nicht mehrere Stunden am Tag übt, wird man nicht zum Virtuosen.»

Mit bis zu 350 operierten Patienten pro Jahr perfektioniert René Prêtre sein Können und vollbringt wahre Meisterleistungen, wie 2004 im Fall dieser Transplantation bei einem 4-jährigen Mädchen mit refraktärem Herzstillstand. Stolz zeigt er ein Poster der Operation. «Soweit wir wissen, konnte erstmals unter derartigen Umständen ein Kunstherz, gefolgt von einer Transplantation, das Leben eines Kindes retten. Ein paar Monate später bekam die Kleine ein echtes Herz.»

Mit dieser und weiteren Premieren erlangt der Jurassier Berühmtheit: Er wird für den Swiss Award 2010 nominiert und zum Schweizer des Jahres gewählt. Seiner Meinung nach ein Zufall. «Ich kannte diesen Preis nicht und hatte damals kaum mit den Medien zu tun; ich habe mich nicht ins Rampenlicht gedrängt», sagt der Chirurg, für den man sich «erst 2007» zu interessieren begann. Fürchtet man sich bei so langjähriger Erfahrung immer noch vor schwierigen Eingriffen? «Das treibt mich durchaus am Vortag um.» Wichtig ist die optimale physische und psychische Vorbereitung. Ausreichend schlafen, den Fall noch einmal durchgehen und am Tag X ruhig bleiben. Dabei hilft die Technologie. «Die Präzisionsbildgebung vermeidet intraoperative Überraschungen. Der Operationsablauf wird weitgehend in den Teamsitzungen festgelegt.»

Das Gefühl der erfüllten Pflicht

Er, der Empathie und Sanftmut ausstrahlt, wird im Operationssaal wieder zum «Vollblutwissenschaftler». «Die Emotionen verschwinden. Ich stehe vor einem Organ, mit dem ich mich auskenne, und weiss, was zu tun ist. Grundsätzlich funktioniert das immer.» Doch manchmal tritt das Schlimmste ein. «So etwas ist schwer zu verkraften und äusserst belastend.» Bisweilen kam ihm durchaus in den Sinn, alles hinzuschmeissen. «Man hat einen Moment genug von allem, rappelt sich dann aber langsam wieder auf.»

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere blickt er auf die rasante Entwicklung der Herzchirurgie zurück. Die grossen Fortschritte ereigneten sich in den 1970er Jahren. «Das war damals absolutes Neuland. Operationen, Prothesen, Reanimation gab es noch nicht.» Was bringt die Zukunft an Innovationen? «Das Kunstherz wird zunehmend wichtiger. Wenn es gelingt, daraus ein zuverlässiges und erschwingliches Geräteimplantat zu machen, kann es vielen Menschen helfen.» René Prêtre spricht auch über minimalinvasive Techniken, mit denen er bei Kindern Pionierarbeit geleistet hat − für eine geringere Schmerzbelastung, bessere kosmetische Ergebnisse und eine schnellere Entlassung nach Hause.

Der Sechzigjährige ist müde. Seit der Ankündigung seiner Pensionierung im Juni ist er nicht zur Ruhe gekommen. «Aus der ganzen Schweiz ging eine Flut von Operationsanfragen ein.» Vor ein paar Tagen operierte er rund um die Uhr. «Wir haben kurz nach Mittag begonnen und waren gegen 2 Uhr morgens fertig. Ich war so müde, dass mir alles weh tat.»

Mit gutem Gewissen, wie «ein Bergsteiger, der alle Achttausender erklommen hat», kann René Prêtre sich nun seiner Familie widmen: Vor zwei Jahren ist er zum dritten Mal Vater geworden. Ganz hört er aber nicht auf: Einige Jahre arbeitet er noch zu 40% in der Erwachsenenchirurgie am CHUV, und mit seiner Stiftung «Le petit cœur» operiert er weiterhin Kinder in Mosambik und Kambodscha.

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