Briefe / Mitteilungen

Vorschlag für ein neues System

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2016.05212
Veröffentlichung: 30.11.2016
Schweiz Ärzteztg. 2016;97(48):0

Dr. med. Donato Gerber, Bellinzona

Vorschlag für ein neues System

Brief zu: Stalder H. Erhöhung der Franchise. Schweiz Ärztezeitung. 2016;97(46):1634.

Ich bin sehr mit den Äusserungen von Prof. Stalder einverstanden. Das aktuelle System der Wahlfranchisen, das auf Anhieb eine attrak­tive Möglichkeit darstellen sollte, Eigen­verantwortung zu übernehmen und dafür ­belohnt zu werden, basiert im Grunde genommen auf der felsenfesten Annahme, dass «der Patient» eine Tendenz hätte, leichtfertig wegen «jedem Bobo» zum Arzt zu rennen und ungebührlicherweise, auf Kosten der Kollek­tivität (in Wahrheit auf Kosten der Krankenkassen), sich ein Gut anzueignen, das sich als substanzlos erweist. Diese Annahme ist grundsätzlich zynisch und eigentlich menschenunwürdig. Erstens steht der Tendenz, den vielleicht übertriebenen Ängsten mit ­einem unmittelbaren Arztbesuch zu antworten, die Tendenz entgegen, sich nicht mit der Eventualität einer schweren Krankheit, die sich in ersten Symptomen zeigt, konfrontieren zu wollen und eben gerade nicht zum Arzt zu gehen, im Sinne der Verneinung; zweitens wird mit dieser Annahme der vom Arzt aus­gesprochenen Versicherung, es handle sich um nichts Schlimmes, wirklich keinerlei therapeutischer Sinn zugeordnet. Dem Konzept der Prävention oder besser der Früherkennung und den unbestrittenen, auch unter ­finanziellen Aspekten, Vorteilen der Früh­behandlung wird in keiner Weise Rechnung getragen.

Die Erhöhung der Wahlfranchise wird als Standardmöglichkeit angepriesen, die erdrückenden Prämien einzudämmen, was aber nur im Falle eines guten Gesundheitszustandes funktionieren könnte; es bleibt aber ohnehin eine Art Glücksspiel, in dem der eventuellen Ersparnis im Krankheitsfall eine noch grössere finanzielle Belastung entgegensteht. Die gesundheitliche Kondition ist sozusagen die Karte, die wir für dieses Glücksspiel erhalten haben, was schicksalshaften Charakter hat. Gerade finanziell schlecht gestellte Personen können die gesparten Prämien nicht beiseite tun und befinden sich im Krankheitsfall in der Klemme. Mit ihnen auch der behandelnde Arzt, der entweder auf notwendige Massnahmen verzichtet oder «gütig» auf die eigene Entlöhnung. Beides entspricht nicht einer ­verantwortungsvollen und paritätischen Arzt-Patienten-Beziehung.

Dazu kommt der perverse Effekt, dass der ­Patient, der hohe Kosten bis zum Erreichen der Franchise selbst hat übernehmen müssen, verständlicherweise keine Vorbehalte mehr in Bezug auf zusätzliche Leistungen hat, ganz im Gegenteil, er ist dazu verführt, diese zu fordern, und wäre es, um die investierte Franchise zu «amortisieren». Der Konflikt mit dem Arzt ist geradezu programmiert, da er angehalten ist, Kosten einzudämmen, also dem ­Patienten die Leistungen abspricht. Dies ist dem Arzt-Patienten-Verhältnis nicht zuträglich und induziert schon gar nicht eine ­verantwortungsvolle Haltung des Patienten. Ganz abgesehen davon, dass ebendiese zusätz­lichen Leistungen, insofern sie nicht unabdingbar sind, dann effektiv nicht mehr viel bringen, aber grosse Kosten verursachen.

Eine Erhöhung der Grundfranchise verschärft diese Situation nur und ist nur ein «Mehr vom Selben», als Lösungsansatz sicher nicht operativ, eher primitiv und unkreativ.

Um einen kreativen Beitrag zur Diskussion 
zu leisten, schwebt mir ein Vorschlag vor, den ich in die Diskussionsrunde bringen möchte: 
ein System, das keine Franchise vorsieht, sich aber eher auf eine grössere Kostenbeteiligung abstützt, die wahlweise erhöht werden könnte, gegen eine Prämienvergünstigung. Dies bis zu einem Grenzbetrag, um schwerkranke Patienten vor finanziellen Desastern zu schützen. Damit wäre diese unseelige Problematik des Hinausschiebens ausgemerzt; die Eigenverantwortung von Anfang an ausgeglichen eingefügt und vor allem nicht abgemurkst, nämlich wenn die Franchise erreicht ist. Der Eigenverantwortung wäre dann ein Platz zugeordnet, wenn sie angebracht ist, nämlich wenn es ­darum geht, weiteren Untersuchungen oder anderen therapeutischen Massnahmen ein Ende zu setzen. Eigentlich frage ich mich, wieso die Heerscharen von Ökonomen die offensichtliche ökonomische Absurdität nie in Frage gestellt haben …

Verpassen Sie keinen Artikel!

close