Zu guter Letzt

Hellsichtig

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05164
Veröffentlichung: 11.01.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(0102):50

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Kristallkugeln und Tarotkarten gehören zu unserer Kultur. Big Data mag für trendige Analysen gut sein, doch wir wüssten gerne ganz konkret, was gestern im Verborgenen geschah oder übermorgen passiert. Als 
in einer Tatort-Folge ein Geistheiler den Ermittlern den entscheidenden Hinweis lieferte, dementierte die ­Luzerner Polizei umgehend diese Praxis. Man würde in keinem Fall esoterische Hilfen beiziehen. Wenn ­Ermittlungen ins Leere laufen und der mediale Druck ­ansteigt, kann es dennoch vorkommen, dass Hellseher beigezogen werden. In den USA ist die Zuhilfenahme eines Psychic Detective häufig, in deutschen Bundes­ländern geschieht das sehr unterschiedlich. In Fällen wie der Entführung Schleyers durch die RAF oder 
den NSU-Morden waren auch Kriminaltelepathen im Spiel. Die spärlich vorhandenen Statistiken belegen ­allerdings keinen Vorteil dieser Zusammenarbeit. Der «Kommissar Zufall» oder eine Methode wie Predictive Policing, wie sie die Hortung von Daten ermöglicht, versprechen die gleiche Trefferquote.

Die besten Kunden übersinnlicher Hilfstruppen sind die Geheimdienste. Die neueste Hoffnung nennt sich Superforecaster. Ausgelöst hat den Boom der Psychologe Philip Tetlock mit seinem Good Judgement-Projekt. 28 000 Personen aller Berufe und Altersstufen sollten die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen eines bestimmen Ereignisses bewerten. Die Vorhersagen wurden mit einem sogenannten Brier-Score bewertet, was, über alle Voraussagen zusammengerechnet, in neunzig Prozent zu einer richtigen Prognose geführt haben soll. Tetlock identifizierte aus dieser gemittelten Schwarmintelligenz die 200 besten Prognostiker und nannte diese Elite Superforecaster. Das Wichtigste: Sie sind keine Experten, nicht ideologisch fixiert, neugierig und offen, lernwillig, kreativ und selbstkritisch. Weltweit soll es inzwischen acht Superteams mit jeweils fünfzehn Mitgliedern geben, die, privat oder staatlich finanziert, den zahlreichen Trendinstituten und Denkfabriken Konkurrenz machen. Geheimdienstexperten halten seither Prognoseturniere ab. Geschulte Prognostiker sollen kurzfristige, geopolitische Überraschungen ausschliessen und heikle Entscheidungen erleichtern. Berufene können an diesen Umfragen teilnehmen. Wer besser ist als 98 von 100 Teilnehmern, wird zum Super ernannt. Tetlocks Arbeit an der Universität von Pennsylvania wird durch eine ­Unterabteilung des IARPA, dem Office for Anticipating Surprise, finanziell grosszügig unterstützt.

Hellsehen als militärische Massnahme hat auch in der Moderne eine lange Tradition. Die Superforecaster erinnern an eine der skurrilsten Episoden des kalten Krieges. Harold Puthoff, ein Physiker und Parapsychologe, arbeitete in den 1970er und 80er Jahren am Stanford Research Institute mit hellsichtigen Menschen. Er war überzeugt, dass überlichtschnelle Wechselwirkungen von subatomaren Teilchen PSI-Phänomene wie ­Telepathie oder Telekinese ermöglichten. Die CIA finanzierte ein Versuchslabor zur praktischen Anwendung von Fernwahrnehmungen, die es Agenten ermög­lichen, solche geheimen Raketenstellungen aussersinnlich wahrzunehmen. Da die Sowjets ein ähnliches Programm, die Psychotronik-Forschung, vorantrieben, schien der Aufwand eine patriotische Notwendigkeit. Remote Viewing sollte für geschulte Spione beliebige Punkte auf der Erde, besser als jeder damalige Über­wachungssatellit, sichtbar machen. Selbst die NASA ­finanzierte das Projekt, das ab 1975 während über zwanzig Jahren vorangetrieben wurde. Millionen von Dollars wurden für okkulte Praktiken in den Sand ­gesetzt. Es liegt nahe, anzunehmen, dass heute ähnlich grosszügig mit Steuergeldern umgegangen wird.

Von vielen afrikanischen Spitälern ist bekannt, dass der Tag der modernen Medizin gehört und die Nacht den Schamanen. Die einheimische Heilerszene ist ohne Hellseher nicht denkbar. Eine Figur wie Mike Shiva erreicht mit seinen Voraussagen über fünf TV-Kanäle ein Riesenpublikum. Doch paranormale Phänomene sind auch für manche europäische Kliniken Forschungsgelder wert. Nahtod-Erfahrungen wie Schwebezustände und andere aussersinnliche Wahrnehmungen sind zwar schon oft mit einfachen Experimenten widerlegt worden, doch die Spekulationen über geheimnisvolle, quantenphysikalische Wirkungen scheinen unwiderstehlich. Eine Kristallkugel für das neue Jahr tut es auch.

Credits

© Leigh Prather | Dreamstime.com

Literatur

Philip Tetlock, Superforecasting – Die Kunst der richtigen Prognose, Fischer, Frankfurt a.M. 2016

– www.goodjudgement.com

– www.gjpopen.com

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