Horizonte

Ausstellung im Vögele Kulturzentrum Pfäffikon vom 20. November 2016 bis 26. März 2017

Scheitern

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05230
Veröffentlichung: 18.01.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(03):91

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Misserfolge, Niederlagen, Bruchlandungen, durchfallen, versagen, auf die Schnauze fallen, in den Sand setzen. Wenn ein Holzschiff scheiterte, gingen Mann und Maus unter. Auf das Wort und seine Herkunft baut die Szenographie der Ausstellung im Vögele Kultur Zen­trum in Pfäffikon [1]. Segel, Felsbrocken und das Mobiliar aus dem Restholz früherer Ausstellungen führen durch das Thema: «Ein Knacks im Leben – Wir scheitern … und wie weiter?». In einer Gesellschaft, die den Erfolg zum wichtigsten Massstab macht, ein gewagtes Unternehmen. Eine Grafik abstrahiert den Knacks zu Kästchen und Pfeilen. Der Abstand zwischen Wunsch und erreichtem Ziel definiert das Scheitern. Nicht nur der Betroffene spricht das Urteil, auch das Umfeld bewertet mit. Das Kuratorenteam spricht von einer Kultur des Scheiterns. Eine selbstwertstärkende und produktive Verarbeitung ist gefragt. Pannen führen zum Erfolg. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, ist das zitierte Vorbild: «Ich bin gescheitert. – Ich habe zehntausend Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.» Eine Haltung, die das Handeln betont und Fehlschläge zu etwas Positivem umdeutet. Misserfolge sollen beim Bewerbungsgespräch unbedingt erwähnt werden. Sie zeugen von Widerstandskraft und Ausdauer. Beschworen wird der Sprint zur Innovation, die Umkehrung des Fehlschlags zum neuen Produkt. Wo gemäss Bundesamt für Statistik nach fünf Jahren mehr als die Hälfte aller Neugründungen wieder vom Markt verschwunden sind, startet man einfach neu und profitiert vom aktuellen Konkursrecht auf Kosten der Gläubiger. Oder man trifft sich in Selbsthilfegruppen, bei den Anonymen Insolvenzlern und zelebriert die Niederlage an FuckUp Nights (FUN) in Zürich, Genf und St. Gallen. Ein Clown in eigener Sache, keine Schmerzen, keine Scham. Die Show soll spassig und leicht verdaulich sein.

fullscreen

Ein anderes Thema ist das Scheitern in der Kunst. Künstler inszenieren das Misslingen als potentielle Kraft für neue Ideen. Groteske Versuchsanordnungen, Slapstick und mimische Eleganz bei Roman Signer oder Anna & Bernhard Blume, das Pech des kleinen Mannes bei Chaplin. Musikalische Fehlerpoetik, wenn aus Schrägem und Falschem ein neuer Klang entsteht, und befreiender Verzicht auf einen alten Traum angesichts der absurden Flugversuche des Finnen Janne Lehtinen.

Absturz, Totalschaden, Verletzungen, gescheiterte Hoff­nungen, Scheidungen, Suizide, Krankheit, Tod, gebrochene Herzen, Gewalt. Auch daran erinnert die Ausstellung. Fehlerkultur heisst nicht einfach nur Spasskultur. In einem klugen Beitrag im Begleitheft erinnert Alain de Botton an die antike Tragödie als die «einfühlsame, moralisch komplexe Erzählung von guten Leuten und wie sie in verheerende Situationen geraten können». Die Welt ist ungerecht. Versager und Glücklose als ­Verlierer abzutun lässt ausser Acht, dass niemand vor einem persönlichen Verhängnis sicher ist. Franz-Xaver Hiestand, Superior der Zürcher Jesuitengemeinschaft, weist auf die christliche Tradition und die Sicht der ­Bibel hin. «In ihrer Sprachlosigkeit finden sie [die ­Gescheiterten] vielleicht Wortvorlagen bei biblischen Figuren, die gescheitert sind und dann geklagt haben.» Mit einfachsten Mitteln haben es die Kuratoren verstanden, mittels zahlreicher Beispiele das eigene Nachdenken anzuregen. Nicht zuletzt mit dem Hinweis auf die Poesie des Unperfekten. Eine geflickte Teeschale demonstriert ein asiatisches Lack-Verfahren zur Wiederherstellung beschädigter Keramik. Das Reparieren ist ein künstlerischer Akt, in dem die Bruchstellen, mit Gold betont, aus den kaputten Schalen und Gefässen eine Kostbarkeit machen.

Auch in medizinischen Kreisen ist es oft verpönt, mit realem und vermeintlichem Scheitern umzugehen. Wer sich mit dem Thema vertieft auseinandersetzen möchte, findet in Pfäffikon eine Fundgrube an Informationen, Anregungen und klugen Gedanken.

Credits

© Katharina Wernli Photography

Korrespondenzadresse

erhard.taverna[at]saez.ch

Referenz

1 «Ein Knacks im Leben – Wir scheitern … und wie weiter?»
Vögele Kultur Zentrum, 8808 Pfäffikon,
Ausstellung vom 20.11.2016 bis 26.3.2017.

www.voegelekultur.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close