Briefe / Mitteilungen

Die liebe Mühe mit den Patienten

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05593
Veröffentlichung: 26.04.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(17):529–530

Dr. med. Peter Marko, St. Gallen

Die liebe Mühe mit den Patienten

Brief zu Wolff E. Über Patientenschelte. Schweiz Ärztezeitung. 2017;98(13):422.

Es ist tröstlich, dass schon Generationen von Ärzten ihre liebe Mühe mit Patienten hatten, da diese ihren Vorschlägen und Verordnungen nicht folgten. Lange Zeit, Jahrhunderte, war es ihre private Angelegenheit, da sie für die Kosten aufkamen. In den letzten Jahrzehnten änderte und ändert sich hierzulande zunehmend und wesentlich die Situation:

– Der Anteil des Lebensstils an der Entstehung und dem Verlauf der Krankheiten steigt. Damit direkt auch die Verantwortung des Patienten und indirekt der Ärzte dafür.

– Die diagnostischen und therapeutischen Verfahren werden immer besser, aber auch kostspieliger.

– Die Kosten tragen zum grössten Teil nicht mehr direkt die Patienten, sondern über die Versicherungen und Kranken­kassen die Allgemeinheit, «der Staat». Diese Akteure haben Aufgabe, Interesse und Recht (?), die Kosten tief zu halten, und in diesem Sinne üben sie Druck auf Ärzte und Patienten.

Es gibt also gute Gründe, dass der Frust über das unzweckmässige Verhalten der Patienten bei den Ärzten steigt. Ein Beispiel: Der über­gewichtige Diabetiker mit hohem Blutdruck nach einem Herzinfarkt beklagt sich über zu viele Tabletten, die er nicht konsequent nimmt, verweigert auch eine samte Ernährungsumstellung (weniger einfache Zucker und Kochsalz), bewegt sich trotz wiederholten Erklärungen nicht vermehrt, aber verlangt nach der letzten Fernsehgesundheitssendung eine neue, kostspielige Untersuchung. Der Vorschlag des Urvaters aller FMH-Präsidenten, Jakob Laurenz Sondereggers (1825–1896), sich an Stelle des Patienten zu denken, ist nicht schlecht, aber zweischneidig – was, wenn der Arzt in diesem Falle ein asketischer Marathonläufer ist? Er sollte uns also nicht hindern, auch andere Wege dafür zu suchen.

Selbstverständlich plädiere ich nicht für eine offene und öffentliche Schelte des einzelnen Patienten, aber den Zustand analysieren soll man schon. Sonst kann man ihn nicht ­ändern.

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