Horizonte

Perspektivenwechsel

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05737
Veröffentlichung: 12.07.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(2829):927–928

Karl-Peter Jungius

Dr. med., Mitglied der FMH

Paul Kalanithi

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When Breath Becomes Air

New York: Random House 2016

Taschenbuch Englisch, 256 Seiten, 18.90 CHF

ISBN 978-1-78470-199-4

In seinen posthum veröffentlichten Memoiren «When Breath Becomes Air» schildert Paul Kalanithi, der als junger Arzt an einem bei Diagnosestellung bereits weit fortgeschritten Bronchuskarzinom erkrankt war, mit beeindruckender Klarheit, was aus seiner Sicht im ­Leben bedeutsam ist. Diesen Aspekt betont insbesondere auch der Untertitel der inzwischen vorliegenden deutschen Übersetzung: «Was am Ende wirklich zählt». Umrahmt werden die Ausführungen, die in zwei Kapitel und einen diesen vorangestellten Prolog gegliedert sind, von einem Vorwort, das der Arzt und Schriftsteller Abraham Verghese verfasst hat, sowie von Nachwort und Danksagung aus der Feder seiner Witwe Lucy Kalanithi.

Der Prolog widmet sich dem «Turning Point» im Leben des Autors, dem kurzen Zeitraum der Diagnosestellung: Im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Neurochirurgen musste Kalanithi die Seite wechseln. Nun war alles anders. Es bestand kein Zweifel. Er wurde selbst zum Patienten. Lungen, Leber und Teile seines Bewegungssystems waren von Metastasen durchsetzt, als etwa ein halbes Jahr nach Auftreten der ersten Symptome, Gewichtsverlust und Rückenschmerzen, die er selbst wie auch die ihn anfangs betreuende Ärztin zunächst auf die arbeitsbedingten Anforderungen in der Neurochirurgie bezogen hatten, eine CT angefertigt worden war.

Unbeschwerte Jugend

Im ersten Kapitel «In Perfect Health I Begin» beschreibt der in eine indisch-amerikanische Arztfamilie hineingeborene Autor sein Leben als Heranwachsender in einer Kleinstadt in Arizona, die Unbeschwertheit, die er zwischen High School-Abschluss und Studienbeginn genoss und schliesslich seine Zeit als College-Student in Stanford, in deren Fokus Englische Literatur und Humanbiologie standen, sowie seine Suche danach, was das Leben eines Menschen mit Sinn erfüllt. Der Besuch in einem Heim für Menschen mit schwerer Hirnschädigung kurz vor seinem College-Abschluss wurde für ihn ein Schlüsselerlebnis; er beschloss, entgegen seiner ursprünglichen Pläne, Medizin zu studieren und Neurochirurg zu werden. Nach einem Auslandsjahr in Cambridge, England, wo er einen Master in History and Philosophy of Science and Medicine erwarb, studierte er in Yale Medizin. Dort traf er bald auf seine spätere Frau Lucy. Bereits im Medizinstudium wurde für ihn das Spannungsfeld Sinn – Leben – Tod – Würde erfahrbar. Die Überzeugung wuchs, dass ein Arzt um der Patienten und ihrer Würde willen keine Abstumpfung, nicht einmal Gleichgültigkeit zulassen darf.

Hoffnung und Wirklichkeit

Nach dem Studium zogen seine Frau und er, frisch ­verheiratet, nach Kalifornien, wo er in Stanford die Weiterbildung zum Neurochirurgen aufnahm. Er thematisiert das Spannungsfeld zwischen notwendiger Administration und Patientenzentrierung und berichtet in knapp gehaltenen Absätzen chronologisch von prägenden Begegnungen und Ereignissen aus diesen Jahren. Die dem Arztberuf in besonderer Weise innewohnende Ambivalenz von Berufstätigkeit und Berufung behandelt er, indem er aus der Perspektive seines Fachgebiets Therapieverzicht als unter Umständen verantwortbare Option beschreibt. Die Einverständniserklärung deutet er als Bund des Arztes mit einem leidenden Mitmenschen und nicht als möglichst schnell abzuarbeitendes, aus medikolegalen Erwägungen unverzichtbares Prozedere. Die Schwierigkeit, mit einem Patienten über seine Prognose, seine realistische Perspektive zu sprechen, sollte ihn wenig später selbst betreffen.

Im zweiten Kapitel, «Cease Not till Death», wird der unfreiwillige Perspektivenwechsel thematisiert: aus dem dynamischen und selbstbewussten Arzt war ein verunsicherter, ja ängstlicher Patient geworden. Zunächst hatte die Behandlung gut angesprochen, so dass Paul Kalanithi bald wieder in sein Arbeitsumfeld zurückkehren und auch operieren konnte. Er, der in einer tiefgläubigen Familie aufgewachsen war, sich jedoch von der christlichen Religion entfernt und Gott aus seiner Welt verbannt hatte, wandte sich während dieser Zeit wieder den Grundwerten und der Spiritualität der Christlichkeit zu.

Nach einigen Monaten erleidet er einen Rückfall. ­Wenig später wird seine Tochter geboren, der das Buch gewidmet ist. Er schildert im Verlauf dieser zweiten Krankheitsphase, welche Wirkung Gleichgültigkeit, Abstumpfung und Bequemlichkeit, die dazu führen, in einem Patienten nicht den Mitmenschen, sondern lediglich ein Problem zu sehen, haben können; er verschweigt dabei nicht, dass es auch ihm im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit nicht immer gelungen war, diesem Anspruch zu genügen.

Die Zeitspanne des Lebens

Paul Kalanithi, der die moralische Dimension ärztlicher Tätigkeit ins Zentrum seines Denkens und Handelns gestellt hat, hinterlässt auch eine Spur durch literarische und publizistische Werke, die ihn unterstützt haben, ein Verständnis für den Sinn des individuellen Lebens zu entwickeln. Das Buch kann insofern auch als Plädoyer für den bewussten Umgang mit der Zeitspanne, die jedem einzelnen Menschen verbleibt, verstanden werden; denn so ungewiss der Zeitpunkt, so gewiss ist die Tatsache, dass ein jeder Mensch sterben wird. Gegen Ende schreibt Kalanithi, dass die ­Einigkeit im Denken von Darwin und Nietzsche darin bestehe, dass das entscheidende Charakteristikum ­eines lebenden Organismus sein Streben danach sei, fortzubestehen; mit When Breath Becomes Air bleiben er und sein Denken über seinen Tod hinaus präsent.

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