Zu guter Letzt

Pflege von morgen, Mensch und/vs. Roboter?

Herausforderungen der Senioren-Gesundheit

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05832
Veröffentlichung: 16.08.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(33):1054

Jean Martin

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Curaviva, der Verband Heime und Institutionen Schweiz, lud zu seiner Delegiertenversammlung im vergangenen Juni den Philosophen und Publizisten Ludwig Hasler ein. Dieser hielt einen Keynote speech unter dem Titel: «CURA ist gut, VIVA ist besser». Wir leben in einer aus­serordentlichen Zeit, meint Hasler, uns stehe das gesamte Potenzial der Digitalisierung offen. Wo aber steht morgen der Mensch und wo die Maschine, wenn wir mit Robotern arbeiten, die «keine Fehler machen, niemals müde oder betrunken sind und nie verliebt» – in einer Welt, in der es keine Verkehrsunfälle mehr gibt, weil der Mensch nicht mehr am Steuer sitzt …

Wo liegt der Sinn des Alters in einer Gesellschaft, die metaphysisch obdachlos geworden ist? Er entstamme einer Familie mit sechs Kindern, erzählt Hasler; nachdem die Familie die Mutter begleitet und miterlebt hatte, wie sie immer schwächer wurde, um dann dement im Alter von 93 Jahren zu versterben, liess der Wunsch nach einem möglichst langen Leben deutlich nach. Wie wir alle wissen, richten Google und andere ihr Augenmerk auf den Transhumanismus – und letztlich auf die Unsterblichkeit ... In der Zwischenzeit findet die Sterbehilfe jedoch immer breiteren Zuspruch. Andererseits werden wir immer mehr zum Buchhalter unserer Körperzustände. Die Gesundheitsprävention- und Vorsorge ist selbstverständlich gut, doch sollten mögliche hygienische Missstände nicht aus den Augen verloren werden.

Wie andere fordert auch Hasler, dass der Patient – auch und besonders der chronisch kranke – die eigene Gesundheit selbst verwaltet. Schopenhauer: «Glück und Wohlergehen entsteht aus der Nutzung der eigenen Kräfte.» Metapher aus der Welt des Theaters: «Alle drängen zur Bühne. Niemand bleibt hinter den Kulissen.» Ziel (eine Selbstverständlichkeit!) ist es, den Rest des Lebens lebenswert zu gestalten. Dazu sollte der alte Mensch in jedem Augenblick seines Daseins würdevoll leben können – so autonom wie möglich, trotz funktioneller Einschränkungen. Dazu müssen wir weg von «professioneller Bevormundung» im Heim. In diesem Sinne kommt den Pflegenden/Gesundheitsakteuren die Aufgabe des Animateurs, des «Revitalisators» zu. Die Welt muss in die Institutionen eindringen, sie beleben, Interaktionen mit dem Aussen, mit Kindern, Tieren ermöglichen.

Praktisch sind dabei auch – zusammen mit dem Pa­tienten – im Alltag bestimmte Risiken zu tragen. Ein vor allen Risiken bewahrtes Dasein behindert, schliesst ein, macht immer abhängiger («das ewige Sorgen macht die Menschen krank»). Der Mensch hat das Recht auf Risiko (und Scheitern!). Studien zeigen, dass ein Lächeln und ein freundlicher Austausch besonders in Heimen und Institutionen gesundheitsfördernd sind. Dies gilt auch für den Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie. «Es bedarf eines Paradigmenwechsels», so Hasler. Ein Aspekt eines solchen Wandels wäre ein empowerment des Patienten, sein Einbeziehen in Überlegungen und Entscheidungen, auch in den Bereichen Medizin und Pflege.

Eine solche Forderung hört sich gut an aus dem Munde eines charismatischen Redners, aber ist sie auch realistisch? Verfügen unsere Gesundheitsdienste und In­stitutionen (Alten- und Pflegeheime, Spitäler) über genügend menschliche und materielle Ressourcen und über den entsprechenden Willen, diese guten Ratschläge umzusetzen? Die Sachzwänge sind immer vorhanden und gestalten sich immer zwingender. Noch ist unklar, ob Geldgeber und politische Entscheidungsträger (die mitten in einem sehr aktiven und bunten Leben stehen) die Notwendigkeit erkennen, das Leben abhängiger Senioren freudvoller zu gestalten (und damit möglicherweise auch bestimmte Risiken zuzulassen). Es ist nicht gewährleistet, dass alle Pflegenden (im weitesten Sinne) davon überzeugt sind, dass den Heimbewohnern verstärkt die Möglichkeit zur Meinungsäusserung und zum Mitentscheiden zugestanden werden sollte. All dies braucht Zeit, kostbare Zeit! Meinungen von aussen – auch profane, von Menschen, die nicht vom Fach sind – bringen jedenfalls einen frischen Wind.

Mit Blick auf die Roboter stellt sich die Frage, was noch an Substanziellem erreicht werden kann, wenn so viele Aufgaben von Maschinen übernommen werden? Es geht darum, voll und ganz zu leben! Zusammen mit Pflegenden und Begleitpersonen, die – so Hasler – «Spezialisten für das Leben und das Menschsein» sind (geworden sind?). Viele von ihnen praktizieren dies glücklicherweise bereits heute.1

1 L. Hasler erwähnt den Film Ziemlich beste Freunde (2011), der zum meistge­sehenen französischen Film ausserhalb Frankreichs wurde. Er zeigt die Geschichte eines jungen afrikanischen Pflegers, der ausser seiner «Lebens­erfahrung» keine weitere Ausbildung vorweisen kann und zu einem reichen Tetraplegiker kommt. Beiden bietet sich dadurch die Möglichkeit, das Leben auf vielerlei Weise neu zu erfahren!

Korrespondenzadresse

jean.martin[at]saez.ch

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