Horizonte

Gesundheit – Götzen und Götter

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05833
Veröffentlichung: 16.08.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(33):1050–1051

Jann P. Schwarzenbach

Dr. med., Facharzt für Allgemeinmedizin, Mitglied FMH

Die Menschen haben von jeher an Irrationalem Halt und Orientierung gesucht, und das ist auch in unserer sogenannt aufgeklärten Gesellschaft nicht anders. ­Magisches Denken, Götterverehrung und tiefverwurzelter Glaube an etwas Allumfassendes haben sich bis in die heutige Zeit durchaus erhalten. Dies gilt auch für verschiedene normalerweise von strenger Wissenschaftlichkeit geprägte Gebiete. Ich werde dies zuerst kurz anhand einiger Beispiele aus unserem täglichen ärztlichen Umfeld erläutern, in dessen Zusammenhang sich – falls man seinen Spass daran hat – allerhand mystische Elemente aufweisen lassen. Anschlies­send möchte ich anhand der Gottesbilder von Plato und Aristoteles versuchen, das Thema auf mehr oder weniger ernsthafter, medizinisch-philosophischer Ebene zu vertiefen.

Die Gretchenfrage

Unschwer erkennt man im blinden Vertrauen in technische Apparate und pharmakologische Erzeugnisse Parallelen zu althergebrachter Ehrfurcht vor Elementarereignissen oder heilversprechenden Gegenständen. Statt Blitz und Donner zieht heute beispielsweise der Laser­strahl die Menschen in seinen Bann. Vom gebündelten Licht werden mannigfache Anwendungsbereiche erhofft, die dessen Grundeigenschaft als lokalen Hitzespender bei Weitem übertreffen. So tritt denn die Gretchenfrage «Machen Sie es mit dem Laser?» in manchen Arztpraxen auf, und die neue Technik erleichtert, nebst verschiedenen Eingriffen, auch das patienten­eigene Portemonnaie. Ungebrochen ist, wie vorher angedeutet, ebenfalls der Fetischglaube, der sich in seiner modernen Form von Totempfählen und Kruzifixen gelöst hat, und sich nun unter anderem als Vertrauen in die Wirkungskraft verschiedenster chemischer Produkte manifestiert. Auch die Verehrung mythologischer Divinitäten hat sich im ärztlichen Umfeld durchaus erhalten. Die fachspezifischen Koryphäen sind zwar nicht mehr unbedingt die sprichwörtlichen Götter in Weiss und auch nicht unsterblich. Im Gegenteil, ihr olympischer Ruhm verblasst oft unerbittlich im schnelllebigen wissenschaftlichen Umfeld oder spätestens nach Erreichen des Pensionsalters. Trotzdem nehmen viele Patienten für einen spezialärztlichen Termin überlange Wartezeiten in Kauf, und auch die Ärzteschaft lässt sich allgemein von verschiedenen illustren Expertenmeinungen gerne blenden, was dann beim Marketing in breiter Form ausgenützt wird.

Gott als Baumeister der Welt

In Platos Philosophie macht die hergebrachte Mythologie dem rationalen Denken und dessen absolutem Anspruch auf Wahrheit Platz. Er benutzt zwar an verschiedenen Orten ebenfalls gleichnishafte Erzählungen, diese dienen aber eher zur Illustration der geistig gewonnen Erkenntnisse. Eine solche mythologische Figur stellt der Demiurg dar, die Gottgestalt Platos, die er als Baumeister der Welt sieht. Dieser verbindet die sogenannten Ideen, diese unveränderlichen, nur dem Denken zugänglichen Grundinhalte und Werte aller Dinge, mit der ihnen zugehörigen Materie. So lässt er alles Vergängliche und den Sinnen Zugängliche entstehen. Ausgehend von geistig vorgegebenen Mustern schafft er unsere Welt, als eine Art Cocktail, aus grundsätzlich höchsten Wertmassstäben gerecht werdenden idealen, aber leider auch möglicherweise verwerflichen, materiellen Elementen.

Nicht alles, was möglich ist, ist also ethisch zugleich unbezweifelbar, und dies gilt auch im Gesundheitswesen. Als Demiurgen könnte man hier den gesamten medizinischen Apparat bezeichnen, mit seinen gebündelten menschlichen und technischen Kräften. Er ist prinzipiell wohl an das Ideal einer allgemeinen Gesundheit gebunden, in seinen einzelnen konkret-materiellen Manifestationen besteht dann aber trotzdem die Gefahr der moralischen Fragwürdigkeit alles Mach­baren. Probleme wie technische Verlängerung des ­Lebens, institutionalisierte Sterbehilfe, unreflektierte Abtreibung oder Genmanipulation bilden in diesem Zusammenhang nur die Spitze des Eisbergs.

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In der Vorstellung von Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) stiftet Gott gemäss dem ­Prinzip von Ursache und Wirkung in der Welt Sinn.

Gott als sinnleitender Weltbeweger

Aristoteles beschreibt eine völlig andere Art von Gottheit, die im Gegensatz zu Platos Demiurgen keinen direkten Einfluss auf die Welt nimmt. Sie kümmert sich nicht um das, was in der Letzteren geschieht, oder wie in den grossen Weltreligionen um das Schicksal oder gar das Seelenheil des Menschen. Die Struktur des Irdischen wird nicht mehr als göttliches Design verstanden, sondern als Folge verschiedener Ursachen des Zusammenfindens von Materie und Form, aus deren Verbindung alles Gegenständliche geschaffen wird. So könnte man, am Beispiel einer in der Apotheke zubereiteten Magistralrezeptur, die aktive Substanz und die Grundlage als materielle und die Verschreibung des Arztes als formale Ursache des Heilmittels ansehen. Des Weitern beschreibt Aristoteles auch eine Wirk­ursache, also in unserem Fall die konkrete Leistung des Apothekers, der die Verbindung der Materialien nach Vorschrift effektiv zustande bringt. Und schlussendlich soll das fertiggestellte Produkt zur Linderung von Krankheitssymptomen dienen und so seinem spezifischen Zweck gerecht werden. Dieser Wunsch nach Verwirklichung der eigenen Sinnhaftigkeit liegt als poten­tielle Kraft in der inneren Natur aller Dinge, und Aristoteles erkennt in ihr neben Materie, Form und Wirkung die vierte Ursache alles Weltlichen. Derartig verstandene Zweckmässigkeit kommt aber nicht nur dem Einzelnen zu, sondern erfasst einheitlich alles Geschaffene, und das Streben nach einem Gesamt- oder Endsinn wird so zum letztursächlichen Motor allen Entstehens und Vergehens. In diesem Zusammenhang findet Aristoteles seinen Gott, der als Ziel aller individueller sinnvoller Verwirklichung die Welt bewegt, so ähnlich wie Eros die Liebenden, ohne selber direkt in die einzelnen Geschehnisse einzugreifen. Dieses umfassende philosophische System lässt sich mit etwas Phantasie gut auf die Gesundheitsmaschinerie anwenden, die jeden Morgen mit neuer Kraft in Gang gesetzt wird. Die Patienten und ihre Krankheiten kann man durchaus als ihre materielle und das medizinische Wissen mit seinen Algorithmen als ihre formale Ursache bezeichnen. Die verschiedenen Akteure bewirken die erbrachten Leistungen, und die Gesundheit ist der angestrebte Sinn und letzte Grund aller medizinisch-technischen Aktivität. Der Gott von Aristoteles ist an sich weder gut noch böse, er ist das Endziel, auf das sich alles, seiner eigenen Natur nach, sinnvoll ausrichtet, und so treten in diesem Zusammenhang auch keine moralischen Fragen auf. Dies trifft für die Heilkunde mit ihrer Gottgestalt Gesundheit leider nicht immer zu, können doch einzelne Medizinalpersonen, sowie auch ganze Branchen, diese durchaus zeitweilig aus den Augen verlieren. Man denke an die immer gewagteren chirurgischen Eingriffe, selbst noch im hohen Alter, und an mannigfache onkologische Behandlungen mit fragwürdigem Verhältnis zwischen Nutzen und Risi­ko. Richtig problematisch wird die Situation aber dann, wenn die Gesundheit zugunsten eines Strebens nach Gewinn endgültig in den Hintergrund tritt, der Ersatzgott Mammon als Sinn und Ziel des ganzen medi­zinisch-technischen Karussells auftritt und dieses zum biblischen Tanz ums goldene Kalb verkommen lässt.

Credits

Wikipedia: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Aristotle_Altemps_Inv8575.jpg

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Jann P. Schwarzenbach
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