Briefe / Mitteilungen

Der Nutzen ist real

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05985
Veröffentlichung: 06.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(36):1141

Dr. phil. Nora Wille, Dr. med. Jürg Schlup

Der Nutzen ist real

Replik auf den Leserbrief von Dr. med. Luzi Dubs

Es freut uns wenn Aussagen zum Nutzenzuwachs auch innerhalb der Ärzteschaft kritisch gewürdigt und kontrovers diskutiert werden. Der Vorwurf einer Vortäuschung von Nutzen ist jedoch unbegründet und die vorgebrachten Argumente sind nicht stichhaltig:

Der Anstieg der Krebs-Neuerkrankungen kann nicht nur in einen «gewissen Zusammenhang» mit der Demographie gebracht werden – letztere ist eindeutig der «Hauptgrund für die Zunahme der Krebsfälle» (1; S. 9). Während z.B. bei 30- bis 34-Jährigen innerhalb eines Jahres 87 Neuerkrankungen auf 100 000 Personen kommen, sind es bei 65- bis 69-Jährigen bereits 1494 Neuerkrankungen. Die Alterung der Bevölkerung zieht somit zwangsläufig deutlich mehr Krebs-Neuerkrankungen nach sich [2]. Eine Betrachtung der altersstandardisierten, also für die Demographie kontrollierten Raten zeigt hingegen ein zwischen 1998 und 2012 nahezu unverändertes Erkrankungsrisiko (1; S. 9).

Bei dem Anstieg von 30 000 Krebs-Neuerkrankungen im Jahr 1996 auf 42 000 im Jahr 2015 handelt es sich um eine Zunahme der Inzidenz, nicht der Prävalenz, wie Sie schreiben. Dieser Unterschied ist wichtig, weil die von Ihnen angesprochene Vorverlagerung des Dia­gnosezeitpunkts die Prävalenz unbestritten erhöhen kann, wenn die Krankheit neu auch bei Patienten im Frühstadium, ergo mehr Personen, bekannt ist. Die Anzahl der Neuerkrankungen ist hingegen nicht vom Zeitpunkt der Diagnose abhängig.

Es ist unbestritten, dass die Überdiagnostik von Erkrankungen, die sonst unentdeckt bleiben würden, Letalitätsangaben positiv ver­zerren kann und dass die Vorverlagerung des Diagnosezeitpunkts eine längere Überlebenszeit vorspiegeln kann. Der in unserem Artikel angesprochene Rückgang der Sterblichkeit (und wir meinen auch genau diese) stellt jedoch einen realen Nutzen in dem von Ihnen angemahnten Sinne dar: Die altersstandardisierten Sterberaten pro 100 000 Einwohner für Krebs sind zwischen 1983 und 2012 bei Männern um 36% und bei Frauen um 27% zurückgegangen [3].

Der Zuwachs der Lebenserwartung der 40- bis 84-Jährigen zwischen 1981 und 2010 ist in den hoch entwickelten Ländern zu über 20% dem Rückgang der Krebsmortalität zu verdanken [4]. Dieser reale Nutzen wird u.a. durch verbesserte Früherkennung und Behandlungsmöglichkeiten ermöglicht – nicht vorgetäuscht!

1 BFS, NICER, SKKR (Hrsg.). Schweizerischer Krebs­bericht 2015. Stand und Entwicklungen. Neuchâtel, 2016.

2 NICER & BFS Tabellen Tool (px-x-1403030300_161) Krebs: Anzahl und jährliche Rate der Neuerkrankungen und Todesfälle nach Sprachregion, Krebslokalisation, Geschlecht und Altersgruppe; publiziert am 27.9.2016.

3 Heusser R, Noseda G (2016). Schweizerischer Krebsbericht 2015: Präsentation von ausgewählten Ergebnissen. Schweizer Krebsbulletin 2/2016;168–72.

4 Cao B et al. Cancer and the limits of longevity. BMJ, 24.6.2017.

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