Briefe / Mitteilungen

Karikatur Doppelblindstudie

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.05987
Veröffentlichung: 06.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(36):1141–1142

Dr. med. Stefan Zlot, Bern

Karikatur Doppelblindstudie

Brief zum Cartoon in SÄZ Nr. 34

Sehr geehrter Herr Bendimerad

Ihre Karikatur «Doppelblind Studie» in der Nummer 34 der Schweizerischen Ärztezeitung vom 23.8.2017 befremdet mich! Sollte ich sie persönlich nehmen, so wäre sie gar verletzend. Ich liebe Karikaturen und verwende solche regelmäßig auch in Fortbildungen und Vorträgen. Das Befremdende an Ihrer Zeichnung – welche vom Stil her durchaus attraktiv ist – hat damit zu tun, dass Sie damit ein traditionelles gesellschaftliches Vorurteil schüren, dem man kaum Herr werden kann. Dass die Psychiatrie und deren Vertreter, seit es diese gibt, eher Ängste und Befremden auslösen und es in unserer Kultur nach wie vor als beschämend oder gar anrüchig gilt, sich mit ­einer Fachperson um sein «Innenleben» zu kümmern, hat kurz zusammengefasst damit zu tun, dass ich, zumal als Psychoanalytiker und Psychiater, das verkörpere, um dessen Verständnis wir uns bemühen – das Unbewusste. Sigmund Freud hatte von der dritten großen Kränkung der Menschheit gesprochen: Festzustellen, dass wir nicht Herr im ­eigenen Haus sind, dass wir in unserem täg­lichen Denken und Handeln von vielen unbewussten Motiven geleitet werden und uns unser konflikthaftes Innenleben immer wieder Dinge tun lässt, welche eben nicht rational sind. Wie erwähnt arbeite ich als Psycho­analytiker – genau: mit Couch und allem, was dazugehört. Mehrheitlich arbeite ich als Kaderarzt an einem bedeutenden Regionalspital und verbringe dabei die meiste Zeit auf den verschiedenen «somatischen» Abteilungen, von der Intensivmedizin über die Geburtshilfe, Chirurgie und Medizin bis zur Palliativmedizin. Regelmäßig schaue ich mir auch die EKGs der Patienten und Patientinnen an, für deren Behandlung ich zugezogen werde, und ich kann Ihnen versichern, dass wir diese nicht wie eine Karikatur überfliegen … Psychiater und Psychiaterinnen sind in erster Linie Ärzte und Ärztinnen, mit allem, was dazu­gehört. Will ich als solcher die mir anvertrau-
ten Patienten ganzheitlich zu verstehen versuchen, so versteht es sich von selbst, dass ich mich auch für Laborwerte, Röntgenbilder u. a. m. interessiere. Kurz: Ihre Karikatur zeugt von Unkenntnis. Sie scheinen nicht zu wissen, dass durchschnittlich in jedem 6. Spitalbett ein Patient liegt, der u.a. auch ein relevantes psychiatrisches Leiden hat, welches zumeist nicht erkannt und oft ungenügend oder unkorrekt behandelt wird. Sie wissen ebenfalls nicht, dass im Bereich der Psychiatrie ein enormer Nachwuchsmangel besteht, was z. T. mit der immer weiter abnehmenden Attraktivität dieses Fachgebietes zu tun hat (auch der ökonomischen!), wo doch erwiesen ist, dass gerade in unserer hochentwickelten Gesellschaft psychisches Leiden im Zunehmen begriffen ist. Es würde mich freuen, wenn Sie in zukünftigen Karikaturen zur Psychiatrie versuchen würden, das Interesse und Verständnis für diese zu wecken.

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