Zu guter Letzt

Wirtschaft bringt Gesundheit – wirklich?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06019
Veröffentlichung: 27.09.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(39):1274

Anna Sax

Lic. oec. publ., MHA, Mitglied der Redaktion

«Lieber reich und gesund als arm und krank», mit diesem Spruch neckten wir uns schon als Kinder gegenseitig. Doch wir ahnten bereits, dass dahinter mehr steckt als eine flotte Redensart. Seither wurde in vielen Ländern intensiv über die Zusammenhänge zwischen Bildung, sozialer Lage und Gesundheit geforscht. Wir verstehen Gesundheitsförderung und Prävention heute als disziplinenübergreifende Aufgaben. «Health in All Policies» nennt die WHO die Verpflichtung, alle politischen Entscheidungen auch im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und auf die gesundheitliche Chancengleichheit zu prüfen. Gesundheitspolitik umfasst also weit mehr als die Organisation und die Finanzierung von Dienstleistungen des Gesundheitswesens.

In der Schweiz übersteigt die statistische Lebenserwartung eines 30-jährigen Akademikers diejenige eines gleichaltrigen ungelernten Arbeiters um viereinhalb Jahre. Gut gebildete Frauen und Männer fühlen sich im Durchschnitt auch subjektiv gesünder als Menschen mit einem kleinen Bildungsrucksack, wie die Gesundheitsbefragungen zeigen. Aber wie genau funktionieren diese Zusammenhänge? Sind die Kausalitäten so eindeutig, wie sie uns auf den ersten Blick erscheinen? Wer sich mit Statistik beschäftigt hat, weiss: Dass Leute mit wenig Geld häufiger mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, beweist noch nicht, dass Armut krank macht. Es zeigt allenfalls, dass man mit Geld bessere Chancen hat auf ein gesundes Leben.

Der Leiter Gesundheitspolitik des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse wartet in dieser Ausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung angesichts der komplexen Fragestellungen mit einem erstaunlich einfachen Rezept auf: Je reicher ein Land, desto gesünder seine Bevölkerung, deklariert er und setzt folgerichtig Wirtschaftswachstum zuoberst auf die gesundheitspoli­tische Prioritätenliste. «Wahrscheinlich», so Fridolin Marty, «verhindert ein hohes Wirtschaftswachstum sogar mehr Krankheiten als die meisten Arten der klassischen Krankheitsprävention.» Das ist eine reichlich kühne These eines Ökonomen, der sich bisher nicht als Experte für Prävention hervorgetan hat. Man kann Marty aber nicht vorwerfen, dass er sich der Bedeutung der Bildung für die Gesundheit nicht bewusst wäre – auch bei ihm ist nachzulesen, dass Bildungs­politik für die Chancengleichheit und damit für die ­Gesundheit zentral sei. Deshalb ist die argumentative Abkürzung, die vom Wirtschaftswachstum direkt zu mehr Gesundheit führt, umso erstaunlicher.

Marty führt Griechenland als Beispiel dafür an, wie eine schrumpfende Wirtschaft zu Kürzungen im Gesundheitssektor führt. Tatsächlich hat in Griechenland die Gesundheitsversorgung im Nachgang zur Finanzkrise von 2008 einen dramatischen Einbruch erlebt, was zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden für die Bevölkerung führte. Die Grafik von Marty zeigt, dass die Gesundheitsausgaben prozentual deutlich stärker eingebrochen sind als die Wirtschaft insgesamt. Die griechische Regierung schonte mit ihren Sparmassnahmen weder Bildung noch Gesundheit. Es gibt andere Beispiele von Ländern, die stark von der Eurokrise betroffen waren und trotzdem keine Abstriche bei der Gesundheit machten, etwa Spanien, das den Anteil seiner Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandprodukt zwischen 2007 und 2015 von 7,8 auf 9,2 Prozent steigern konnte. Die Spanierinnen und Spanier belegen übrigens zusammen mit der Schweiz den ersten Platz bei der Lebenserwartung, trotz deutlich schwächerer Wirtschaftslage. Hingegen sind die Gesundheitsindikatoren in den USA, einem der reichsten Länder der Welt, gar nicht rosig.

Wirtschaftsförderung ist noch keine Public-Health-Strategie, und Wirtschaftswachstum führt ohne flankierende Massnahmen nicht zu mehr Chancen­gleichheit. Wirtschaftsförderung, in der Lesart von economie­suisse, heisst «bessere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft», also weniger Steuern, weniger Sozial­abgaben, weniger Umweltauflagen, flexiblere Anstellungsbedingungen. Mag sein, dass «die Wirtschaft» – wer oder was immer genau damit gemeint ist – davon profitiert. Der Bevölkerung nützt es aber nichts, wenn der öffentlichen Hand gleichzeitig Mittel entzogen werden, die sie für mehr Bildung und soziale Sicherheit einsetzen könnte.

Korrespondenzadresse

anna.sax[at]saez.ch

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