Zu guter Letzt

Greise Mäuse

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06051
Veröffentlichung: 18.10.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(42):1390

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Das erste Epos der Menschheitsgeschichte handelt von der Suche nach Unsterblichkeit. Gilgamesch findet die sagenhafte Pflanze, doch eine Schlange frisst sie ihm weg. Nach ihm wird Hippokrates zum Vater der Anti-Aging-Medizin. Seine Diätetik-Ratschläge sollen ihm eine Lebensspanne von über 100 Jahren eingetragen haben. Goethe trank ein bis zwei Flaschen Wein täglich, spätere Zeitgenossen injizierten sich Hundehoden oder fanden ewige Jugend in der Sauermilch. Der Chirurg Voronoff implantierte in der 1920ern seinen Pa­tienten Affenhoden und Paul Niehans (1882–1971) entwickelte die Frischzellentherapie. In seinem Institut in Montreux spritzte er ab der 1930er-Jahren Zellen aus Organen von Schafföten und neugeborenen Lämmern. Laut Swisshealth, der Vermarktungsplattform für Medizintourismus in der Schweiz, lassen sich jährlich bis 10 000 Chinesen am Genfersee revitalisieren (2014). Vertreter der Radical Life Extension Bewegung propagieren in den USA eine Lebenserwartung von 1000 Jahren.

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Allen Versuchen gemeinsam ist die Einverleibung eines vermeintlichen Elixiers, wobei jede Methode das Wissen der Zeit widerspiegelt. Eine Nachricht des renommierten Wissenschaftsmagazin Nature vom April 2017 dürfte viele Altersforscher beflügelt haben. Human umbilical cord plasma proteins revitalize hippocampal function in aged mice, so die frohe Kunde. Ein Protein namens Timp-2 aus dem Nabelschnurblut bringt vergreiste Mäuse wieder auf Trab. Schon vorgängige Versuche sollen gezeigt haben, dass ein direktes Anschlies­sen an den jungen Kreislauf alle Organe verjüngt. Das Ereignis wurde von den Medien als Urknall einer Reise zur Lebensverlängerung gefeiert. Bereits bieten einzelne Privatkliniken in den USA betuchten Greisen Frischbluttransfusionen von jungen Spendern an. Und wenn es dann doch einmal wahr wäre und Novartis ein potentes Verjüngungsmittel auf den Markt brächte? Billig wäre es kaum zu haben. Also willkommen in der Welt der Reichen, der gesunden und fitten 150-Jährigen, die mittels technologischer Überlegenheit aus abgeschirmten Wohlstandsinseln die verarmten Menschenmassen in Schach halten. Alle Fantasien dieser Art münden in Dystopien. Blut als Lebenssaft ist ein bevorzugtes Thema der Popliteratur und Filmwelt. Blutsauger, wie unseren Liebling Dracula, kennen alle Kulturen. Jangshi oder Kyonchi in China oder Japan saugen ihren Opfern die Energie Chi aus dem Leib. Afrika kennt Hunderte von Dämonen, wie Adze, der ausser Palmöl und Kokosmilch mit Vorliebe Kinderblut trinkt. Über 200 Filme, allein in diesem Jahrhundert, variieren obsessiv das Thema der Blutsauger oder fleischfressenden Zombies. Wer kennt nicht die Untoten, die tagsüber in ihren Särgen liegen und nachts den Hals einer hübschen, jungen Frau perforieren. Gruseliger noch sind jene Horden, die torkelnden Schrittes den Friedhöfen entsteigen und Jagd auf die Lebenden machen. Die Horrorfilme sind ideale Projektionsflächen für Ängste aller Art. Für Aids, für Seuchen und den Wunsch nach Unsterblichkeit. Vampire und Zombies verlängern ihre Existenz auf Kosten lebender Mitbürger. Zwar bekämpft man sie mit allen Mitteln, aber sie faszinieren auch durch ihren Lebenswillen und ihre unausrottbare Macht. Sie sind das ewig Böse in einer manichäischen Welt, das Gegenstück zum Abendmahl, wo die Einnahme von Brot und Wein die Gläubigen an die Auferstehung und das Ewige Leben binden. Die Popkultur enthält immer etwas Wahres, das auch die Absichten der Wissenschaft reflektiert. Der Forschung mit Fruchtfliegen und Labormäusen, den Gen- und Stammzellexperimenten haftet etwas Zwiespältiges an. Sie sollen Krankheiten heilen und mehr nicht. Aber sie tun natürlich weit mehr, wenn sie menschliche Fähigkeiten verbessern oder Gesunden das Leben verlängern wollen. Hoffnung und Furcht liegen nahe beieinander. Wer nicht sterben kann, hat in der Literatur eine schlechte Presse. Ein Fluch lastet auf Ahasver und dem fliegenden Holländer, die einsam durch die Jahrhunderte irren. Wieder andere, die ihr Leben ungebührlich verlängern, verblöden oder regredieren zu affenähnlichen Wesen, die man wegsperren muss. Märchen und Mythen erinnern ­daran, dass es um mehr als die Konservierung unserer Organe geht. Meerjungfrauen, die sich in Menschen verlieben, opfern ihre Unsterblichkeit, um eine Seele zu erlangen. Der Mensch hat gemäss diesen Darstellungen etwas, das Elementargeister nicht haben, etwas Unstoffliches, das seinen hinfälligen Körper mit einer übergeordneten Welt verbindet.

Die Maus im Laborkäfig wird vielleicht weitere Spritzen erhalten und sich immer neu verjüngen. Sie kann ewig fressen und ewig kopulieren, doch ihren Gitterstäben wird sie nie entkommen.

Credits

© Erhard Taverna

Korrespondenzadresse

erhard.taverna[at]saez.ch

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