Briefe / Mitteilungen

Von der Dienerin zur Herrin: Die Ökonomie tobt sich aus in der Psychiatrie

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06195
Veröffentlichung: 15.11.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(46):1540

Bruno Facci, Präsident a. i. 
des Dachverbandes der Vereinigungen 
von Angehörigen psychisch Kranker

Von der Dienerin zur Herrin: Die Ökonomie tobt sich aus in der Psychiatrie

Mit einer dürren Mitteilung hat der Bundesrat am 26. Oktober 2017 seine am Vortag beschlossene Genehmigung der neuen Tarifstruktur für die stationäre Psychiatrie (TARPSY) bekanntgegeben. Diese massive Änderung bei der Finanzierung der stationären Psychiatrie ist unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich gegangen. Nun, den Technokraten von SWISSDRG und BAG war es recht. So konnten sie in aller Ruhe ihr Bürokratiemonster entwickeln. Die in der Statistik von 2015 aufgeführten knapp 100 000 psychiatrischen Hospitalisa­tionen zeigen deutlich, dass sehr viele Kranke betroffen sind. Und nicht nur diese, nein, auch die Angehörigen und ihr soziales Umfeld werden unter TARPSY zu leiden haben.

Die klinische Psychiatrie liess sich von der Ökonomie übertölpeln. Letztere hat in Zukunft das Sagen. Beispiel gefällig? Die Psychiatrischen Dienste Aargau AG haben in ihren News Nr. 1 von 2017 zum Thema TARPSY Folgendes verbreitet (Zitat): «Wir stellen fest, dass ein Fall sehr schlecht finanziert ist, der im TARPSY-Modell in der Gruppe ‹Verhaltensstörung bei Missbrauch von Alkohol› geführt wird und eine Aufenthaltsdauer von über zwanzig Tagen aufweist. Wir überlegen, ob und wie wir den Aufenthalt kürzen können», erklärt Stefan Bernhard, Leiter Bereich Finanzen und Informatik. «Aufgrund von solchen Beispielen werden bis zur Einführung von TARPSY Prozesse im stationären Bereich überprüft, die künftige Organisation der abrechnungsrelevanten Diagnose-Codierung geklärt sowie IT-Systeme und Controlling/Reporting-Instrumente angepasst» (Zitatende).

Das ist die schöne neue stationäre Psychia­trie. Patienten werden zu Fällen. Wenn einer davon zu wenig abwirft, wird die im obigen Zitat geschilderte bürokratisch-technokratische Maschinerie angeworfen. Der Maschinenführer ist ein Ökonom und IT-Mensch. Das Behandlungsteam wird wohl kuschen müssen ob der von Einnahmen getriebenen Dynamik. Der zum Fall degradierte Patient wird nicht gefragt und dessen Angehörige schon gar nicht. Die Psychiatrie als einstige soziale Medizin kann abdanken. Das Szepter übernimmt die Ökonomie mit ihrem ständig wachsenden Heer von mit Krämerseelen ausgestatteten Technokraten. Zu verdanken haben wir dies dem Bundesrat, der trotz vielfältiger Interventionen aus Fachkreisen und Angehörigen­institutionen den unsäglichen TARPSY durchgewinkt hat.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close