FMH

ReMed unterstützt, wenn die Pensionierung unerreichbar scheint

«Keiner will meine Praxis»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2017.06198
Veröffentlichung: 21.11.2017
Schweiz Ärzteztg. 2017;98(47):1572–1573

Mirjam Tannera, Peter Christenb

a Dr. med., Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie;b Dr.med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, MAS systemische Therapie ZFH, ­Leitungsausschuss ReMed

Viele Hausärztinnen und Hausärzte im Pensionsalter finden keine Nachfolger und führen ihre Praxen wohl oder übel weiter. Entsprechend kräfteraubend kann die Nachfolgersuche werden, wie der folgende Bericht1 zeigt. Die Autoren sind Mitglied des Leitungsausschusses von ReMed, dem Unterstützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte, das in solch schwierigen Prozessen wertvolle Orientierung bieten kann.

Der 67-jährige Kollege wendet sich an ReMed mit der Frage, ob wir ihn unterstützen können bei der Suche nach einem Nachfolger für seine ländliche Hausarzt-Einzelpraxis. Nachdem er sich nun schon fünf Jahre lang erfolglos um eine Nachfolge bemüht hat, ist er am Ende seines Lateins angekommen. Am Telefon berichtet er, was er dafür alles schon unternommen hat: ­Suche im Kollegenkreis, an Spitalfortbildungen, im Ärztenetzwerk, bei früheren Ausbildungsassistenten, mit Inseraten in der Schweizerischen Ärztezeitung – nichts, was er unversucht gelassen hätte. Da ReMed über keine Plattform zur Vermittlung von Arztpraxen verfügt, haben auch wir keine einfache, pragmatische ­Lösung bereit.

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Wenn die erfolglose Suche nach einer Praxisnachfolgerin, einem Praxisnachfolger zur Belastung wird, kann das Team von ReMed zuhören. Auf Wunsch vermittelt das Unter­stützungsnetzwerk für Ärztinnen und Ärzte auch weitere ­Beratung und Begleitung (Symbolbild).

Ganz nebenbei erwähnt der Kollege, dass er auch an ­gesundheitlichen Problemen leide, und eine grosse Verzweiflung ist für einen kurzen Moment deutlich zu spüren. Die ReMed-Beraterin versucht, ihr Verständnis für diese Verzweiflung auszudrücken und auch dem Ohnmachtsgefühl, mit dem er zu kämpfen scheint, sorg­fältig mehr Raum zu geben. Nach und nach wird die prekäre Lage des Kollegen immer deutlicher. Sie ist kein Einzelschicksal, sondern gegenwärtig eine häufige Herausforderung für Hausärzte, die ihre Praxen – manchmal mit Elan und Freude, manchmal aber auch gezwungenermassen – noch im Pensionsalter weiter führen.

Knackpunkt Kulturwandel

Wie viele andere Hausärzte in vergleichbarer Situation hat der Kollege bald einsehen müssen, dass seine Einzelpraxis kaum in derselben unternehmerischen Weise und mit dem gleichen Herzblut weitergeführt werden würde wie durch ihn. Er hatte verschiedene Varianten in Erwägung gezogen. Mit einem jüngeren Kollegen, der eine Gruppenpraxis vorsah, hatte er eine fliessende Übergabe geplant. Doch der nötige Kulturwandel mit einer ganz anderen Einstellung zum Arztberuf, die Umstrukturierung in eine AG, eine Anstellung im Teilzeitpensum und der Wechsel auf eine elektronisch geführte Krankengeschichte waren Diskussionspunkte, an denen dieses Projekt schliesslich scheiterte. Der Kollege sieht sich nun einem finanziellen Engpass gegenüber, ohne genügende berufliche Vorsorge und mit der Befürchtung, seine Praxis keinem Nachfolger verkaufen zu können. Zunehmend machen sich Existenzängste und depressive Symptome bemerkbar. Er behilft sich mit Selbstmedikation und vermehrtem Alkoholkonsum und vermeidet dadurch eine gezielte Auseinandersetzung mit seiner inneren Not.

Mit ReMed zur richtigen Unterstützung

Mit wem sollte er seine Sorgen auch teilen? Verzweifelt muss er feststellen, dass er ein typischer Einzelkämpfer geworden ist, ohne Freundschaftsnetz und Hobbys. Der ausserdem seit sieben Jahren in einer belastenden und ausweglos erscheinenden Ehekrise steckt. Wie soll er unter solchen Umständen sein Lebenswerk nun einfach beenden und ein neues Leben ohne Verantwortung für Praxis und Patienten beginnen? Worin soll er plötzlich einen neuen Lebenssinn finden? Seine Frau hat ihm geraten, einen befreundeten Psychiater aufzusuchen. Er, der sich ein Berufsleben lang für seine Patienten einsetzte, Rat wusste, allseits respektiert wurde, er soll zum Psychiater gehen? Für ihn ist dies unvorstellbar.

ReMed kann versuchen, Kollegen in dieser Situation nicht allein zu lassen. Gemeinsam lässt sich erörtern, welche Form von Unterstützung hilfreich sein kann. ReMed bietet kostenlos eine zweistündige Beratung an. Falls erwünscht und nötig, kann ReMed einen vertrauenswürdigen Hausarzt, einen Coach oder einen Psychiater ausserhalb des Einzugsgebiets vermitteln. Neu bietet ReMed auch regionale Coachinggruppen2 in den Räumen Bern, Zürich und St. Gallen an. In den Coachinggruppen kommen Ärztinnen und Ärzte unter fachlich kompetenter Anleitung in ein kollegiales und unterstützendes Gespräch und bestärken sich gegenseitig für den herausfordernden Berufsalltag und seine spezifischen Belastungen.

ReMed: Hilfe in Krisensituationen

ReMed meldet sich bei jeder Kontaktaufnahme innerhalb von 72 Stunden und bespricht unverbindlich und vertraulich die persönliche Situation und individuellen Handlungsmöglichkeiten. ReMed ist an das Arztgeheimnis gebunden. Benötigen Sie Unterstützung? Oder eine Ärztin, ein Arzt aus Ihrem Umfeld? Dann kontaktieren Sie ReMed: 24-Stunden-Hotline 0800 0 73633, info[at]swiss-remed.ch, www.swiss-remed.ch

1 anonymisiert

2 Weitere Informationen
zu den Coaching-Gruppen von ReMed siehe
www.swiss-remed.ch → Unterstützung → Coaching-Gruppen;
in der Westschweiz und im Tessin existieren zurzeit noch keine Coaching-Gruppen.

Bildnachweis

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mirjam.tanner[at]hin.ch
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