Zu guter Letzt

Verantwortung für die Erkrankung

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06444
Veröffentlichung: 28.02.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(09):292

Samia Hurst

Prof. Dr. med., Mitglied der Redaktion, Institut für Bioethik (iEH2), Medizinische Fakultät, Genf

Patienten, die ihren Behandlungsmassnahmen nicht ordnungsgemäss folgen, verursachen Mehrkosten und sollten bestraft werden. So war es jüngst in der Presse zu lesen. Solche Äusserungen sind immer wieder zu hören. Es liegt im Trend, Verhaltensmuster, die wir als positiv oder negativ für die Gesundheit erachten, mit einem Bonus- oder Malus-Etikett zu kennzeichnen. Andere Länder, deren Systeme totalitärer sind als das unsere, – darunter beispielsweise Ungarn – haben beschlossen, nur den diszipliniertesten Patienten die wirksamsten ­Medikamente zukommen zu lassen. Hier in der Schweiz gab es vor einigen Jahren die Diskussion darüber, antivirale Behandlungen von Hepatitis C nur jenen Patienten zukommen lassen zu wollen, die «keine Schuld» an ihrer Erkrankung tragen.

In einem Umfeld, in dem das Zuweisen von Verantwortung so an der Tagesordnung ist, erstaunt dies nicht allzu sehr. Die Vorstellung von der persönlichen Verantwortung, dem individuellen Verdienst, ist einer der Mythen unserer Kultur. Dieser Mythos zählt zu den ­Fabeln, die uns unsere Gesellschaft erzählt. Ein Ordnung schaffendes Narrativ, das uns dabei helfen soll, die Welt zu verstehen und sie zu rechtfertigen. Ein Narrativ, in dem unsere berufliche und persönliche Situation, unser Vermögen, Einkommen, Glück und selbst unsere Gesundheit in der Hauptsache unser Verdienst sind. Danach ist unser Erfolg vor allem abhängig von unserem Streben danach, und Misserfolge signalisieren eindeutig jene Lebenssituationen, in denen wir nicht unser Bestes gegeben haben.

Dieser Diskurs ist sehr präsent im Gesundheitswesen. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass ein Körnchen Wahrheit darin zu finden ist. Da die häufigsten Erkrankungen mit unserer Art zu leben verknüpft sind, können wir in der Tat ganz sicher etwas für unsere Gesundheit tun. Eine gute Nachricht! Die Empfehlungen zur Prävention können nützlich sein.

Das Problem ist, dass das Narrativ, nach dem wir die volle Verantwortung für unsere Gesundheit tragen, eine Fabel ist. Unsere Fähigkeit, gesund zu leben, hängt von einer Vielfalt von Parametern ab, die wir nicht kontrollieren können. Wer zu einer Zeit gross geworden ist, in der die Tabakwerbung bei Jugendlichen weniger strikt reglementiert war, hat heute vielleicht mehr Probleme damit, sich von einem Suchtmittel zu befreien. Wer lange arbeiten muss, kommt am Arbeitsplatz vielleicht nicht genug in Bewegung. Wenn wir zum Monatsende nur schwer über die Runden kommen, verschieben wir den Kauf bestimmter Medikamente vielleicht auf den nächsten Monat. Die Qualität unserer Ernährung richtet sich möglicherweise auch nach unserer verfügbaren Zeit und unserem Portemonnaie. Wie viel oder wie wenig wir unser Leben kontrollieren können, wirkt sich natürlich unmittelbar auf unsere Gesundheit aus, und es ist nicht bei allen gleich.

Die Verantwortung für unsere Gesundheit ist also nicht inexistent. Davon müssen wir ausgehen. Aber wie sollten wir unter diesen Umständen die «schlechten Kranken» sanktionieren? Sollen wir einen Anteil persönlicher Verantwortung definieren und dazu mildernde Umstände anerkennen? Vor welchem Gericht und nach welchen Regeln? Gilt die Unschuldsvermutung, gibt es einen Anwalt (oder vielleicht einen Arzt), der unsere Verteidigung übernimmt? Wenn die Krankenakte zum Strafregister wird, vergessen wir nur allzu leicht, dass auch die Justiz ihre eigenen Regeln hat.

Korrespondenzadresse

samia.hurst[at]saez.ch

Verpassen Sie keinen Artikel!

close