Briefe / Mitteilungen

Don’t trust me anymore, I’m a doctor

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06498
Veröffentlichung: 28.02.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(09):268-269

Dr. med. Daniel Schlossberg, Zürich

Don’t trust me anymore, I’m a doctor

Stellungnahme zu den Regeln des Fortbildungsnachweises durch das SIWF (Schweizerisches Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung); Editorial von: Bauer W, Hänggeli C. Trust me, I’m a doctor. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(5):129.

Der Fall des mit gefälschtem Diplom agierenden Sportarztes, der kürzlich durch die Medien publik gemacht wurde, war seit Jahren bekannt. Aus Nachsicht habe man auf eine Strafanzeige seitens der Berner Sportklinik, wo die Berufstätigkeit ausgeübt worden war, verzichtet. Auch ausserhalb der Sportmedizin kursierten Vorwürfe, die nicht hätten ignoriert werden dürfen.

Als ich mein Medizinstudium abgeschlossen habe, haben noch ethische Prinzipien gegolten, die letztlich auf dem Eid des Hippokrates beruhten, auch wenn zu jener Zeit niemand mehr diesen Eid geschworen hatte.

Insbesondere war auch damals unabdingbar, sich ständig medizinisch fortzubilden. Ich glaube, dass die Mehrzahl meiner Generation dieser Obliegenheit mit mehr oder weniger Eifer nachgekommen ist.

Im Grossen und Ganzen ist das gut gegangen, auch ohne Dokumentationszwang. Heute ist es anders! Die Ärzte haben, teils selbstverschuldet, teils im Zuge des Regulierungswahns, in allen gesellschaftlichen Bereichen die von der Politik noch nicht eingeforderte Fortbildungsdokumentation selbst erschaffen. Heute nennt man es proaktives Handeln, zu Zeiten des braven Soldaten Schwejik nannte man es vorauseilenden Gehorsam.

Nun, wo liegt eigentlich das Problem?

Ganz richtig, die Vertrauensbasis, auf der jede Arzt-Patient-Beziehung beruht, ist zunehmend in Frage gestellt und bröckelt. Wohlverstanden nicht unbedingt in dem von uns erfahrenen Praxisalltag, aber auf jeden Fall auf medialer Ebene. In einem Leserbrief der Präsidentin der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz in der NZZ vom 6.2.2018 unter dem Titel «Ärzte müssen Patienten einbeziehen» wird gefordert, Compliance sei durch Adhärenz zu ersetzen, was so viel bedeutet wie ­Erarbeitung gemeinsamer Therapieziele anstelle von Überprüfung der Therapietreue.

Wie geht das genau? Also wir, die Ärzte, erbringen den permanenten Fortbildungsnachweis, der erforderlich ist, um unseren Patienten immer die bestmögliche Medizin auf dem aktuellen Stand des Irrtums anzubieten. Und diese sollen nun auf Augenhöhe, ohne ihrerseits über die notwendigen Kenntnisse zu ­verfügen, mitreden können, welche medizinischen Massnahmen und Behandlungen erforderlich sind. Wären diese Forderungen nicht alle ernst gemeint, man wähnte sich in einem Kabinett gesammelter Absurditäten.

Was bringt der dokumentierte Nachweis der geleisteten Fortbildungspflicht?

Ich sehe in den Hörsälen kopfüber ­eingenickte Kollegen, solche, die gerade während des Referates ihre Börsenaufträge erteilen. All diese und all die anderen, die im entscheidenden Augenblick der Übergabe höchstpersönlich anwesend sind oder Kollegen dafür delegiert haben, erhalten also die Credits. Ob sie etwas von der Fortbildung gespeichert haben oder nicht, spielt keine Rolle. Das ist so nachhaltig wie der vierteljährliche, kostenpflichtige Ringversuch des Praxislabors. Ende Jahr folgt eine Teilnahmebestätigung! Die Messergebnisse interessieren kaum.

Wer an Medizin, seinem Fachgebiet interessiert ist, wird sich auch ohne Zwang fortbilden. Wer sich im Glauben wähnt, dokumentierte Fortbildung habe etwas mit Wissensfortschritt des Dokumentierenden zu tun, der obliegt ­einem Irrtum. Aber heute zählen eben Verpackung und fortwährende Generierung neuer, immer kostenpflichtiger Papiertiger.

Wer mich kennt, weiss, dass ich ein vehementer Befürworter einer guten permanenten Fortbildung bin. Ebenso entschieden wehre ich mich gegen die überbordende Bürokra­tisierung unseres Berufes. Ich komme zum Schluss, dass das geforderte Arztbild eines ­gescheiten, gut gebildeten, immer auf dem neuesten Wissensstand agierenden Arztes, der gleichzeitig ein guter Manager, ein fähiger Arbeitgeber, ein empathischer Philanthrop und ein allen digitalen Herausforderungen gewachsener verhinderter Programmierer sein sollte, eine Chimäre ist. Dies im Wissen aller darum, dass hier an allen Ecken und ­Enden Berater vonnöten sind, die noch einen Teil des Restes des verbliebenen Einkommens für sich abzwacken.

Vermutlich ist es Dr. med. Werner Bauer zu verdanken, dass es nicht weit schlimmer herausgekommen ist mit den Zutaten zur Fort­bildungspflicht. Aber ich wünschte mir, dass alle involvierten Kreise einmal innehalten und überlegen, ob diese Reise in die richtige Richtung geht.

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