Zu guter Letzt

C5/C6 – es braucht eine gute Geschichte

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06664
Veröffentlichung: 01.05.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(18):06664

Rouven Porz

PD Dr. phil., dipl. biol., Leiter der Fachstelle für klinische Ethik der Insel Gruppe AG (Bern), Gastwissenschaftler der VU Amsterdam, Präsident der European Association of Centres of Medical Ethics (EACME) und Mitglied der Redaktion Ethik der SÄZ

Ich habe mir einen Bandscheibenvorfall zugezogen. Arztbesuch, Bildgebung, Therapieplanung, soweit alles okay. Ich traue meinem Arzt. Da sprach mich mein Nachbar vor dem Haus auf meinen zögerlichen, leicht gebückten Gang an. «Ja» sagte ich, «ich habe einen Bandscheibenvorfall». «Ja, wie, wo denn genau»? «Ähm, irgendwo im Nacken, oder Schulter, so da her­um.» Er schaute mich fassungslos an. Er beharrte noch zwei-, dreimal darauf, es genauer wissen zu wollen und warf mit Buchstaben und Zahlen um sich. Ich flüchtete mich mit einer Ausrede in den Hausflur. Komisch, ich dachte, er sei Schreiner, jetzt plötzlich dieses Medizininteresse. Ich betrat die Wohnung und fragte meine liebe Frau: «Du, wo habe ich eigentlich den Bandscheibenvorfall»? «C5/C6» kam zurück. Aha, das hätte mein Nachbar wohl hören wollen.

Tags drauf traf ich einen Arbeitskollegen. Er fragte mich, wie es geht, und schon wieder schoss es aus meinem Mund heraus: «Ich habe einen Bandscheibenvorfall». Mist, dachte ich, wollte ich doch gar nicht mehr erzählen. «Wo genau?» kam es direkt zurück, wie aus der Pistole geschossen. «C5/C6» sagte ich leicht überheblich. Für mich als Nicht-Mediziner fand ich das schon ein gewagtes Schussduell. «Und hast Du schon mit Sport angefangen?» «Äh, wie?» Ich verstand die Frage nicht ganz und versuchte es mit Ironie: «Ja, habe mich gerade zu einem Kite-Surfing Kurs auf der Aare angemeldet.» Ich musste wirklich mein Lachen kurz unterdrücken, dann gefror meine eigene Ironie aber innerlich, denn mein Gegenüber fand das weder lustig noch ironisch. Nach fünf Minuten Belehrung über den Nutzen von Sport und Physiotherapie bei Bandscheibenproblemen durfte ich weitergehen. Klar, Physiotherapie, das hätte ich gewusst, da hätte ich antworten können, aber Sport! Puh.

Abends traf ich in der Physiotherapie eine Leidensgenossin. Sie Bandscheibenvorfall, ich Bandscheibenvorfall. Der Small-Talk im Wartezimmer lief ganz gut. «Ja, bei mir ist es C5/C6» hörte ich mich sagen. Ja, genau, Physiotherapie muss jetzt sein. Und klar, Sport allgemein ist jetzt anzustreben. Langsam kam ich rein ins Reden über meine Krankheit. Dann erzählte ich, dass mir ein lieber Arzt eine ganz lange Spritze genau an die Stelle des Bandscheibenvorfalles in meinen Nacken gesteckt hat. Ich hatte Angst vor der Spritze gehabt. Der Arzt hat aber nett mit mir geredet und das fand ich toll. «Wie eine Spritze? Haben Sie eine Infiltration mit Cortison bekommen?» Ich nickte zögerlich, unsicher. Ob man erst ein richtiger Patient ist, wenn man seine eigene Krankheit mit unverständlichen Fachbegriffen erklären kann. Ich konnte der Situation im Wartezimmer jetzt nicht entfliehen. Der Small Talk ging weiter. «Ja, und lassen Sie sich jetzt weiter nur konservativ ­behandeln oder OP, Herr Porz?» – Äh, wie bitte? Konser­vativ? OP?

Abends musste wieder meine Frau herhalten. Der Leser merkt langsam: meine Frau kennt sich aus. «Du lässt Dich jetzt zuerst mal konservativ behandelt, dann, wenn das nix nützt, dann denken wir über Operation nach.» Okay, meine Frau ist Ärztin, die darf so reden, aber warum reden alle Laien auch so geschwollen? Da müsste man mal in Ruhe drüber nachdenken. Müssen die so reden? Oder machen sich unsere Ärzte und Ärztinnen vielleicht nicht genug Mühe, ihren Fachjargon mal abzulegen und Patienten in einfachen Worten zu erklären, wo der Schuh drückt. Da klingelt es plötzlich an der Haustür. Ein anderer Nachbar fragt mich, ob ich kurz bei seiner neuen Möbeltruhe mit angreifen kann. Er kann sie nicht alleine aus dem Auto heben. «Nein» sage ich, «dummerweise Bandscheibenvorfall». Er schaut mich mit grossen Augen an. «C5/C6» höre ich mich sagen, «hatte Infiltration, versuche es jetzt konservativ mit Physio.» Er schaut zufrieden. Er wünscht mir alles Gute, keine Belehrungen, keine Detailnachfragen. Kein Bestürzen. Alles ruhig geblieben. Gut, denke ich. Gut, dass ich jetzt meine eigene Geschichte kenne. Ich muss lächeln. Eine gute Krankheit braucht scheinbar eine medizinische Geschichte.

Korrespondenzadresse

rouven.porz[at]saez.ch

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