Briefe / Mitteilungen

Zum Menschenbild in der Medizin

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06785
Veröffentlichung: 30.05.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(22):707

Dr. med. Dr. phil. Ambros Uchtenhagen,
em. Professor für Sozialpsychiatrie an der Universität Zürich

Zum Menschenbild in der Medizin

Brief zu: van Spijk P. Die Medizin:
Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild.
Schweiz Ärztezeitung. 2018:99(19–20):633–4.

Die Ausführungen von Piet van Spijk und die willkommene Einladung zur offenen Diskussion des Themas veranlassen mich, ein paar Gedankensplitter beizutragen.

1. «Der» Mensch ist ein Konstrukt, dem wir nicht als lebendiges Wesen begegnen können. Was uns begegnet, sind Menschen als Indi­viduen, unverwechselbar, mein Nachbar X, meine Tochter, der Kollege Y, die Patientin Z. Sie haben ihr je eigenes Erbgut (sofern nicht geklont), ihre persönliche Lebensgeschichte, Lebenserfahrung, Anliegen, Hoffnungen, Ängste. Und all das nicht im Sinne einer auf genetische Anlagen reduzierten «personalisierten» Medizin, sondern als Ergebnis einer Entwicklung, die sich aus der Interaktion von Erbgut und Umweltfaktoren ergibt (gilt auch für Klone!).

2. Das Konstrukt Mensch eignet sich als ­Objekt für Betrachtungsperspektiven, Forschungsinteressen, Forschungsfragen. Man kann ihn als Organismus auf Struktur und Funktionen befragen oder als Handelnden auf Motivation und Verhalten etc. Die Optionen der Perspektive sind so wenig abschlies­send wie die Erkenntnisse aus der entsprechenden Forschung. Das Konstrukt ist per se work in progress und nie endgültig.

3. Das Leib-Seele ist ein Pseudoproblem, weil es das jeweilige Objekt der Betrachtungsper­spektive als von dieser Perspektive unabhängige Entität missversteht. Hingegen ist es durchaus von Interesse, danach zu fragen, wie einzelne Perspektiven zusammenhängen und wo allenfalls Unterschiede zu beobachten sind. So gibt es etwa aufschlussreiche Bezüge zwischen der systemischen Betrachtung von Lebewesen und ihren Interaktionen mit der Umwelt einerseits, der Familienforschung und Familientherapie anderseits.

4. Auch der Mensch als Individuum ist ein Konstrukt. Forschungsfragen sind etwa, was unsere Individualität ausmacht oder welche Faktoren für die Ausbildung welcher Merkmale relevant sind. Im Unterschied zu anderen Konstrukten wie dem Menschen als Gattungswesen, dem Menschen als Organismus, dem Menschen als Evolutionsergebnis u.a. ist der Mensch als Individuum unserer persön­lichen Alltagserfahrung am nächsten und kann insofern eine besondere Art von Evidenz für sich beanspruchen.

5. Und die Medizin? Es gibt genügend Hinweise darauf, dass Behandlungen nach Manualvorgaben allein weniger wirksam oder nachhaltig sein können als Behandlungen mit Eingehen auf die Besonderheiten des jeweiligen Gegenübers und entsprechender Anpassung der manualisierten Empfehlungen. Das wäre näher auszuführen.

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