Briefe / Mitteilungen

Die Medizin des respektvollen Menschen – Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild für die Medizin

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06790
Veröffentlichung: 30.05.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(22):707


Dr. med. Urs Pilgrim, Muri

Die Medizin des respektvollen Menschen – Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild für die Medizin

Brief zu: van Spijk P. Die Medizin: Auf der Suche
nach einem neuen Menschenbild. Schweiz Ärztezeitung. 2018;99(19–20):633.

Das Forum Medizin und Philosophie sucht ein neues Menschenbild. Es soll drei Kriterien erfüllen: Verständlichkeit für Laien, sinnvolle Zielsetzung für die Medizin und Verhinderung von Fehlentwicklungen. Das bisherige Bild des bio-psycho-sozialen Menschen basiert auf der alten Vorstellung der Dualität von Körper und Psyche (Geist, Seele). Diese zweigeteilte Wirklichkeit ist nicht mehr haltbar. Die Neurowissenschaft legt nahe, dass alle psychischen Phänomene auf biochemischen und biophysikalischen Prozessen beruhen.

Mensch werden und Mensch sein ist unsere

Bestimmung

Genetik, Epigenetik und Umweltfaktoren bestimmen die Entwicklung und Entfaltung ­aller Lebewesen. Die Bestimmung einer befruchteten menschlichen Eizelle ist, Mensch zu werden und die immanenten Anlagen 
zu entfalten. Immanuel Kant schrieb: «Die grösste Angelegenheit des Menschen ist, zu wissen, wie er seine Stelle in der Schöpfung gehörig erfülle und recht verstehe, was man sein muss, um ein Mensch zu sein.» Ein prioritäres gemeinsames Anliegen von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Medizin sollte sein, die Entwicklung und Entfaltung des Menschen so zu fördern, dass er individuell und in der menschlichen Gesellschaft in den Genuss einer hohen Lebensqualität gelangt. Die spezifische Aufgabe der Medizin liegt in der Verhinderung und Behandlung von gesundheitlichen Einschränkungen, welche die Lebensqualität vermindern.

Was gehört zum Menschsein, was macht uns Menschen menschlich?

Biologisch gehören wir zur Gattung Menschenaffen. Das Erbgut von Mensch und Schimpanse ist zu 98% identisch. In uns steckt viel Tierisches. Abgesehen vom Körperbau unterscheiden wir uns von anderen Primaten nicht grundsätzlich, sondern graduell: Die kognitive Leistungsfähigkeit unseres Grosshirns ist deutlich höher. Denken, Gedächtnis, zielgerichtetes Handeln, Kreativität, Phantasie und Sprache ermöglichen anspruchsvolle intellektuelle, kulturelle, gesellschaftliche, soziale Leistungen und eine (beschränkte) Kontrolle unserer animalischen Triebe und Instinkte. Unser limbisches System begünstigt ein intensiveres Erleben von Glück und Freude und eine höhere soziale Anpassungsfähigkeit als das limbische System anderer Primaten.

Das neue Menschenbild

Der respektvolle Mensch wäre ein allgemein verständliches Menschenbild, das sinnvolle Zielvorgaben für die Medizin setzt und Fehlentwicklungen vermeidet. Eingefordert wird der Respekt gegenüber dem Homo sapiens mit seinem Erbgut und seinen vielfältigen Anlagen, Respekt gegenüber der menschlichen Gesellschaft, welche die Menschenwürde und die Menschenrechte schützt, Respekt gegenüber der Umwelt, die zur Lebensqualität des Menschen beiträgt. Weshalb könnte die Medizin des respektvollen Menschen nicht einfach menschliche Medizin genannt werden? Auch dieser Begriff wäre für jeden Laien verständlich. Umgangssprachlich wird Menschlichkeit vorwiegend positiv verstanden und mit der Fähigkeit zum empathischen und altruistischen Handeln verknüpft. Negativ bewertet weist Menschlichkeit aber auch auf unsere Beschränktheit hin, unsere Schwächen, unser Kranksein und Sterben. Diese Doppelbedeutung passt zur Medizin: Sie soll empathisch sein und den Menschen helfen. Sie muss aber auch realistisch sein und die Grenzen unseres Menschseins akzeptieren.

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