FMH

Über den Gartenzaun

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06799
Veröffentlichung: 30.05.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(22):691

Yvonne Gilli

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortliche Digitalisierung / eHealth

Im Mai 2018 wurde am Deutschen Ärztetag der Weg für die ausschliesslichen Fernbehandlungen in ganz Deutschland geöffnet. Die Aufhebung des Verbots von Fernbehandlungen ohne vorherigen direkten physischen Arzt-Patienten-Kontakt soll nun in den Landesärztekammern umgesetzt werden. Zuvor hatte Baden-Württemberg als Vorreiter die Möglichkeit zur Fernbehandlung in Form von Modellprojekten mit wissenschaftlicher Evaluation in die Berufsordnung aufgenommen. Bis anhin war der Zugang zu telemedizinischen Behandlungen für deutsche Patientinnen und Patienten nur über kostenpflichtige Anbieter im Ausland möglich. Auch wenn die ausschliessliche Fernbehandlung in Deutschland nicht möglich war, so sind es heute in der Schweiz oft deutsche Ärztinnen und Ärzte, welche telemedizinische Behandlungen durchführen.

Die Schweiz blickt im Bereich telemedizinische Beratungsleistungen auf eine langjährige Geschichte zurück, die mit der versuchsweisen Einführung von ­alternativen Versicherungsmodellen im Krankenver­sicherungsgesetz 1996 ihren Anfang nahm. Seither hat eine medizinische, ökonomische, aber auch kulturelle Entwicklung stattgefunden, die wir als Ökonomisierung des Gesundheitswesens verstehen. Nur wenige Jahre nach Inkrafttreten des KVG hat das erste telemedizinische Zentrum in der Schweiz den Betrieb aufgenommen. Heute entstehen telemedizinische Kioske, welche Patientinnen nahezu rund um die Uhr aufsuchen können, um Beratungen von nichtärztlichem medizinischem Personal in Anspruch zu nehmen. Über Videokameras können Ärztinnen und Ärzte verschiedenster Fachrichtungen virtuell zugeschaltet werden. Solche Entwicklungen aus den USA treffen nur mit Verzögerung bei uns ein.

Grund genug für die deutsche Ärzteschaft, über den Gartenzaun zu blicken und sich mit der Schweizer Ärzteschaft über telemedizinische Entwicklungen auszutauschen. Im April fand ein erstes Treffen zwischen dem Departement für Digitalisierung und eHealth und dem Dezernat Telemedizin der Bundesärztekammer in Berlin statt, dem noch weitere folgen sollen.

Neben dem aktuellen Stand und der Entwicklung der Telemedizin in der Schweiz war ein weiteres Diskussionsthema die Umsetzung von eHealth-Anwendungen, deren Verlauf und Ergebnis in beiden Ländern trotz der unterschiedlichen Strategie und Legiferierung ähnlich ist. In Deutschland wurde im eHealth-Gesetz der Anspruch der Patientinnen und Patienten auf die Aktualisierung ihres Medikationsplans durch ihre Hausärztinnen oder betreuenden Fachärzte verankert. Etwa 37% der Patientinnen und Patienten sollen laut einer Studie heute über einen Medikationsplan verfügen. Getreu den Worten des Pharmakologen Gustav ­Kuschinsky1 hat der Medikationsplan als «Nebenwirkung» die Inkompatibilitäten von Arzneimittelinformationssystemen offenbart, was zu Behandlungsfehlern führte. Ein Problem, welches in der Schweiz aufgrund der Überschaubarkeit der Anbieter nicht auftreten dürfte.

Künftig soll der Medikationsplan auf der Gesundheitskarte gespeichert werden. Jedoch ist elektronische Speicherung für den Versicherten freiwillig und löst die Papierversion nicht ab. Gerade dort hat sich die Problematik eines Medikationsplans auf Papier in der Diskussion gezeigt: Patientinnen und Patienten müssen das Papier von Arzt zu Arzt mitnehmen. Mit der Einführung des Medikationsplans übernehmen sie «unbemerkt» mehr Verantwortung, und nur durch eine fachgerechte Aufklärung können sie ihre Eigenverantwortung besser wahrnehmen. Im Fall der kommenden telemedizinischen Entwicklungen schauen wir in die USA. In anderen Fällen reicht auch der Blick über den Gartenzaun.

1 «Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat.»

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