FMH

Noch nie in der Geschichte waren die Menschen in der Schweiz so gesund und hatten eine vergleichbare hohe Lebenserwartung. Im Gegensatz zu dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zeigt sich aber zunehmend gravierende soziale Ungleichheit. In diesem Kontext ist es die Aufgabe von Public Health, sich für die Schaffung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Umweltbedingungen und gesundheitlicher Versorgung einzusetzen, unter welchen alle Menschen gesund leben können. Wir begrüssen die Verknüpfung von Sozialwissenschaften und Gesundheitsversorgung an der diesjährigen Swiss Public Health Conference 2018 und freuen uns, Sie zahlreich an der Konferenz begrüssen zu können, und hoffen auf interessante Diskussionen an der FMH-Roundtable-Veranstaltung.

Dr. med. Carlos Beat Quinto, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortlicher Public Health und Gesundheitsberufe

SPHC 2018

Better Health Faster: Die Sozialwissenschaften im Dienst der Gesundheit

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.06874
Veröffentlichung: 27.06.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(2627):878-879

Julia Dratva

Dr. med., MD MPH, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft der Fachärztinnen und -ärzte für Prävention und Gesundheitswesen

Schnell soll heutzutage alles gehen, doch manches geht nicht schnell genug!

Gesundheitliche Ungleichheit ist ein alter Hut, möchte man meinen. Alle Medizinerinnen und Mediziner haben davon im Studium gehört, die medizinische Soziologie- und Public-Health-Forschung bietet etliche Erklärungen und Herleitungen, und dennoch besteht sie weiter, auch in der Schweiz. Die Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft hängt von vielen Faktoren ab: genetischer Veranlagung, Verhalten, Bildung, Umwelt- und Lebensbedingungen sowie Zugang zur Gesundheitsversorgung. Als Mediziner und Medizinerin begegnen wir den Folgen gesundheitlicher Ungleichheit in der Praxis Tag für Tag.

Obwohl die Gesundheitsversorgung nur zu 15 bis 20 Prozent den Gesundheitszustand von Bevölkerungen massgeblich beeinflusst, fliessen die Gesundheitsausgaben fast ausschliesslich in diesen Bereich und im Wesentlichen in die Versorgung von Krankheiten. Mit der Zunahme chronischer Erkrankungen, der demographischen Entwicklung und kostenintensiven medizinischen Therapieoptionen gehen ein stetiger Anstieg an Gesundheitskosten (72% seit 1996) und ein noch stärkerer Anstieg der Krankenkassenprämien (107% seit 1996) einher. Dieser Krankenkassenprämien­anstieg wird für viele Menschen in der Schweiz, vor allem für Familien, zur finanziellen Belastung. Dementsprechend dominieren Gesundheitskosten und nicht der Nutzen die öffentliche Diskussion über die Gesundheitspolitik. Dabei wird zur kurzfristigen Kostenreduktion auch bei Gesundheitsförderung, -erhaltung und Prävention gespart, welche langfristig zur Kostensenkung beitragen könnten. So hat Tabakprävention, inklusive der Verhaeltnisprävention, einen der höchsten «return on Investment».

Die Konferenz geht der Frage nach, welchen Beitrag die Sozialwissenschaften leisten, um eine an Gesundheit orientierte Politik zu fördern.

Ebenso wie Medizinsoziologen beschäftigen sich Sozialwissenschaften mit der individuellen und kollektiven Gesundheit in einem über den biomedizinischen Rahmen hinausgehenden Sinn. Sie helfen zu verstehen, wie das gesellschaftliche Umfeld, konkrete Lebensbedingungen und unser Verhalten die Gesundheit beeinflussen. Aus diesen Erkenntnissen können Handlungsmöglichkeiten für die öffentliche Gesundheit entwickelt werden, die unser Versorgungssystem ergänzen und über kurz oder lang gesundheitliche Ungleich­heit reduzieren können. Für Mediziner und Medi­zinerinnen sind diese Erkenntnisse von grosser Relevanz. Nicht nur erweitern sie unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit, sie bieten Erklärungen für Trends und Veränderungen zum Beispiel im Krankheitsspektrum oder für überfüllte Notfallstationen, und sie werden mittel- bis langfristig Auswirkungen auf den klinischen Arbeitsalltag haben. In diesem Sinn empfiehlt die SGPG nicht nur ihren Mitgliedern, sondern allen Kolleginnen und Kollegen die Konferenzteilnahme wärmstens.

Im ersten Teil der Konferenz werden die neuesten ­Erkenntnisse zu den Einflussfaktoren auf die Gesundheit vorgestellt. Dabei werden die Ziele für nachhaltige Entwicklung in der Agenda 2030 und ihr Einfluss auf die schweizerische Gesundheitsaussenpolitik genauso erörtert wie unser persönliches Verhalten. Der zweite Teil der Konferenz analysiert politische Vorgänge bei der Gesundheitsförderung: Wie können wissenschaftliche Resultate in politische Entscheide einfliessen und dazu beitragen, Lösungen zu entwickeln? Basierend auf erfolgreich gemachten Erfahrungen werden schliesslich im dritten Teil konkrete Handlungs­möglichkeiten auf kantonaler und nationaler Ebene aufgezeigt. Die Konferenzorganisation hat für Sie ein abwechslungsreiches Programm mit Beiträgen aus Forschung, Praxis und Politik zusammengestellt. ­Fester Bestandteil der Konferenz ist auch ein FMH-Roundtable. Diskutieren Sie mit! Sie werden unter den Redner/innen international renommierte Wissenschaftler/innen wie Sir Michael Marmot, nationale Poli­tiker/innen sowie erfahrene Expert/innen aus der Praxis treffen.

Die Konferenz wird von Public Health Schweiz (www.public-health.ch), der Swiss School of Public Health (www.ssphplus.ch) und Partnerorganisationen organisiert. Jedes Jahr übernimmt eine andere akademische Public-Health-Institution in der Schweiz die Rolle des Gastgebers und der wissenschaftlich-thematischen Leitung. Die diesjährige Swiss Public Health Conference zum Thema «Better Health Faster» wird gemeinsam mit dem Institut de droit de la santé der Université de Neuchâtel (www.unine.ch/ids) als Gastgeberin organisiert. Die Schweizerische Gesellschaft der Fach­ärztinnen und -ärzte für Prävention und Gesundheitswesen (www.sgpg.ch) wiederum verantwortet die ärztliche Weiter- und Fortbildung im Bereich Public Health in der Schweiz und engagiert sich für gute Rahmen­bedingungen zugunsten der Gesundheit der Bevölkerung. Die Swiss Public Health Conference stellt eine unserer wichtigsten nationalen Fortbildungsveranstaltungen dar.

Korrespondenzadresse

ZHAW, Departement ­Gesundheit, Institut für Gesundheitswissenschaften
Technikumstrasse 71
Postfach
CH-8401 Winterthur
Tel. +41 58 934 63 72
julia.dratva[at]zhaw.ch

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