Horizonte

Ärztinnen und Ärzte als Patienten

«Astride, l’ange descendu du ciel»

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17075
Veröffentlichung: 03.10.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(40):1384-1385

Thomas von Briel

Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Medizinische Onkologie, Mitglied der FMH

Der 13.12.2016 ist ein Tag, den ich wahrscheinlich nie mehr vergessen werde. Noch etwas erschöpft von den Arbeitstagen zuvor, nach der ersten Nacht im Hotel und nach einem üppigen Frühstück schulterten wir unsere Skier und machten uns auf den Weg zum Mont Fort. Es brauchte ein paar Bahnen und Lifte, einige kürzere Abfahrten bis wir schlussendlich mit der wuchtigen Seilbahn auf dem höchsten Gipfel des Skigebietes von Verbier ankamen. Es war kalt, die Sonne schien, das Panorama war herrlich. Schnee hatte es wenig. Die Schneekanonen und die Pistenfahrzeuge schafften ­Abhilfe.

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Abbildung 1: Blick vom Gipfel des Mont Fort auf den Start der Piste, unmittelbar vor der Abfahrt.

Ein kurzer Imbiss vor der Abfahrt über die bucklige Piste, die Freude war gross. Doch dann, nur wenig ­unterhalb des Gipfels, auf der Traverse zum Steilhang, geschah das Unglück. Die Skikanten hielten auf dem Gletschereis nicht. Meine Beine flogen nach rechts weg, und meine linke Hüfte prallte ungebremst auf den ­harten Untergrund. Ich spürte, wie sich mein Knochen verschob, ein ekliges Gefühl. Da lag ich nun wie ein ­Käfer auf dem Rücken am Boden. Erst nach dem Sturz löste die geringste Bewegung unsägliche Schmerzen aus. Tatsächlich, ich wusste bereits ohne Röntgenbild, dass ich mir eine pertrochantere Femurfraktur links zugezogen habe. So strandete ich einem Wal gleich ­leider nicht am Sandstrand, sondern auf einem 3200 m hohen Gletscher und die Kälte drang durch meine Kleider. Angst machte sich breit. Wie um alles in der Welt komme ich von hier weg? Mit dem Rettungsschlitten über die Buckelpiste, ein Horror. Nach wenigen Minuten war der Rettunspatrouilleur bei uns. Zum Glück, ich bin in der Schweiz, und wir verfügen über ein gutes Netz von Rettungshelikoptern. Und so kam es, dass ich etwa 20 Minuten nach meinem Sturz, ich war bereits am Schlottern, das Motorengeräusch des Heli näherkommen hörte.

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Abbildung 2: Die Rettung, der Helikopter von Air-Glaciers ­(Aufnahme von Air-Glaciers / Richard Chapuis, Symbolbild).

Und da kam sie, hinabgestiegen vom Himmel, einem Engel gleich. Sie fragte mich: «Comment vous vous ­appelez?» Um es uns einfach zu machen, zog ich meinen Vornamen vor und antwortete mit: «Thomas». Sie lächelte und quittierte das mit: «Je m’appelle Astride.» Sie war unglaublich schnell. Auf Anhieb schaffte sie, trotz Kälte und meinem Schlottern, an einer kleinen Vene meines Handrückens einen venösen Zugang. Im Nu spritzte sie mir Fentanyl, und sehr rasch spürte ich, wie die Schmerzen abflachten. Sie wehrte sich gegen die Idee, mich sofort auf die Rettungsbahre zu hieven. Sie liess das erst zu, nachdem sie mir noch Ketalar verabreicht hatte. Jetzt wurde es mir in den Händen meines Engels Astride geradezu wohlig. Sie begegnete mir mit so viel Empathie, dass ich es plötzlich schön fand, das alles erleben zu dürfen. Zusammen mit Astride wurde ich am Seil in die Luft gehoben. Der Flug war nicht spektakulär. Eingebettet in eine starre Bahre sah ich über mir nur den Heli, die Wölkchen und zu meinem Glück ab und zu das Gesicht von Astride, die mir zurief: «Thomas du musst atmen.» Nach einem kurzen Zwischenhalt an einer flachen Stelle wurden wir beide in den Helikopter aufgenommen, und die Reise führte uns ins Spital Sion. Auch hier war die Behandlung ­tadellos. Schnell und professionell wurde ich versorgt und vor allem, das war mir weitaus das Wichtigste, ich wurde von allen Mitarbeitern als ein Mensch in einer unangenehmen Lage wahrgenommen. Und Astride, sie kam nach der ersten Versorgung nochmals bei mir vorbei, um mir alles Gute zu wünschen. Einfach perfekt, was für eine Betreuung.

Zwei Tage nach dem Unfall lag ich zusammengeflickt in einem Bett meiner Klinik in Zürich und wartete auf das Mittagessen. Dezember 2016 war die Zeit, in der Aleppo zertrümmert wurde. Die Fernsehkanäle waren voll von schrecklichen Bildern. Drastisch wurde mir vor Augen geführt, wie gut es mir geht. Was wäre mit diesem Unfall in Aleppo aus mir geworden? Aus wohliger Wärme und gut genährt sah ich diese armen Menschen in ihrer zerbombten Stadt, denen es an allem mangelte.

Am 23.5.2018 wurde ich von Nagel und Schrauben befreit. Mein Chirurg Markus Amgwerd hat mich perfekt zusammengeflickt. Ich gehe wieder, als wäre nie etwas geschehen.

Liebe Astride, es sind nun mehr als 1½ Jahre vergangen, seitdem Du mich vom Berg geholt hast. Ich werde Dich nie vergessen und möchte Dir und allen anderen Helfern bei Air-Glaciers und im Spital Sion, die meine ­Rettung und die erste Versorgung ermöglichten, danken. Mein Dank geht auch an Markus Amgwerd, der meine zertrümmerte Hüfte repariert hat. Ich konnte an meiner eigenen Haut erfahren, wie wichtig es ist, dass wir, die im Gesundheitswesen tätig sind, den ­Pa­tienten Empathie entgegenbringen. Und auch, wie ­perfektioniert unser Gesundheitswesen ist, zu dem wir grosse Sorge tragen sollten.

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Abbildung 3: 1½ Jahre nach dem Unfall. Unbenützte Unfallskier und das entfernte Metall.

«Ärztinnen und Ärzte als Patienten»

Haben Sie sich als Ärztin oder Arzt auch schon unversehens in der Patientenrolle wiedergefunden? Wie haben Sie diesen Per­spektivenwechsel erlebt? Wenn Sie finden, dass Ihre Erfahrungen für die Leserschaft der SÄZ interessant sein könnten, möchten wir Sie dazu animieren, uns dazu einen Artikel von maximal 8000 Zeichen Umfang an redaktion.saez[at]emh.ch einzureichen. Ihr Manuskript wird dann von der Redaktion geprüft und bei positi­ver Beurteilung im Rahmen der Serie «Ärztinnen und Ärzte als Patienten» publiziert.

Credits

Abbildungen 1 und 3: Thomas von Briel

Abbildung 2: zVg von Richard Chapuis / Air-Glaciers

Korrespondenzadresse

Dr. med. Thomas von Briel
Onkozentrum Hirslanden
Witellikerstrasse 40
CH-8032 Zürich

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