Briefe / Mitteilungen

Suizidwunsch lässt zwischenmenschlichen Bezug erkennen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17139
Veröffentlichung: 19.09.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(38):1274

Dr. med. Johannes Irsiegler, Gräslikon

Suizidwunsch lässt zwischenmenschlichen Bezug erkennen

Brief zu: Ducor P, Kiefer B. Grundsatz der Autonomie: ein letztes Sakrament? Schweiz Ärzteztg. 2018;99(28–29):910–2.

Nach dem Richtlinienentwurf der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) «Umgang mit Sterben und Tod» soll der Beihilfe zum Suizid, unabhängig von Krankheit oder nahe bevorstehendem Lebensende, der Status einer möglichen ärztlichen Tätigkeit zugesprochen und damit ins Standesrecht aufgenommen werden. Das Kriterium der Todesnähe fällt weg. Der Geltungsbereich wird ausgeweitet, auch auf Kinder und Jugendliche, geistig und schwer mehrfachbehinderte Menschen und gesunde alte Menschen. Das allein schon ist doch ein Grund, diesen Richtlinienentwurf abzulehnen. Kinder und Jugendliche, geistig und mehrfachbehinderte Menschen sind besonders vulnerabel und bedürfen unserer Fürsorge und unseres Schutzes ihrer Interessen in besonderem Masse. Sie sind leicht beeinflussbar durch Stimmungen, durch Peers, durch die Medienwelt usw. Hier braucht es eine klare Haltung für das Leben, das diese Menschen noch vor sich haben, mit allen Höhen und Tiefen. Es geht immer darum, einen Weg zu finden, die anstehenden Probleme zu überwinden, oder aber, wenn dies auch nicht immer möglich ist, trotz der Probleme Lebensfreude leben zu können.

Alte Menschen stehen in einer Gesellschaft, in der im Rahmen eines ökonomistischen Zeitgeists Menschen immer mehr nach ihren Leistungen und ihrem Nutzen bewertet werden, oft unter dem Druck, eine Belastung für die anderen darzustellen. Wenn die SAMW als ein Eingangskriterium für die Beihilfe zum Suizid fordert, dass der Suizidwunsch ohne äusseren Druck entstanden sein soll, stellt sich die Frage: Was heisst denn ohne Druck? In einer Gesellschaft, in der alten Menschen medial immer wieder vor Augen geführt wird, dass sie zu teuer sind, oder dass sie nur noch etwas gelten, wenn sie jung, kräftig und voller Tatendrang sind, wie steht es da mit dem Druck? Wenn sich ein Patient gedrängt fühlt, seinen Angehörigen und der Allgemeinheit nicht weiter zur Last zu fallen. Wenn Angehörige, die sich überfordert und auch alleine fühlen, den Pflegebedürftigen unbewusst subtil zu dieser «Lösung» drängen. Solche Fälle gibt es bereits. Kann hier noch von einem Entscheid ohne äusseren Druck gesprochen werden? Ist ein gesellschaftlihes Klima, das stark auf die Kosten fokussiert, welche ein kranker Mensch verursacht, nicht schon Druck genug?

Jeder Psychiater weiss, dass der Suizidwunsch einen zwischenmenschlichen Bezug erkennen lässt. Wenn ein Wunsch nach assistiertem Suizid geäussert wird, wollen die Menschen erst einmal entgegengenommen werden und menschliche Zuwendung erfahren. Der Wunsch nach assistiertem Suizid ist ein Hilferuf. Die grosse Mehrzahl der suizidalen Patienten ist nach adäquater Hilfeleistung froh, dass sie weiterleben können. In der adäquaten Behandlung geht es vor allem darum, durch ein gutes, tragfähiges, verbindliches Arzt-Patient-Verhältnis die Einengung in der zwischenmenschlichen Beziehung zu durchbrechen und gemeinsam Lösungen für die anstehenden Probleme zu entwickeln. Das ist unsere Aufgabe.

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