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Briefe / Mitteilungen

Das Leiden und die SAMW Richtlinien

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17144
Veröffentlichung: 19.09.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(38):1274-1275

Dr. med. Ursula Knirsch, Zürich

Das Leiden und die SAMW-Richtlinien

Unerträglich sind sie mir, die neuen SAMW-Richtlinien zu Sterben und Tod. Mit der Einführung des «unerträglichen Leids» im Kontext vom assistierten Suizid steht ein bemerkenswerter Begriff vor uns. Die SAMW weitet den Anwendungsbereich auf nahezu alle Menschen jeder Altersgruppe aus, wenn sie in der Erkrankung, Störung oder Behinderung das Kriterium des «unerträglichen Leids» ­erfüllen und als urteilsfähig begutachtet wurden. Doch wer definiert eigentlich «uner­trägliches Leid»? Schon sind Befürworter der neuen «Leid»-Idee unterwegs und wollen der Schwammigkeit des Begriffs Abhilfe ver­schaffen. Definitionskriterien sollen her, ein Score, der uns dann sagen soll, ab welchem «cut off» der Lebensfaden zu kappen ist? Der Begriff wird dadurch nicht annehmbarer und der Vorgang nicht zumutbarer.

Leid ist in unserer ärztlichen Tätigkeit eine Lebenswahrheit, der wir uns fast täglich zu stellen haben. Das Lindern und in glücklichen Fällen Abwenden von Leid ist eine unserer Kernaufgaben. Die Verknüpfung des Leidens mit dem Begriff «unerträglich» ist eine fatale Kombination. Man könnte fast meinen, dass «unerträgliches Leiden» ein strategischer Begriff ist, der uns weg vom Mitgefühl, hin zu einem falschen ausweglosen Mitleid geleitet?

Noch nie aber hat die Beseitigung von Leidenden das Leid auf unserer Welt vermindert.

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