FMH

Die Position des Zentralvorstands der FMH

Interprofessionalität

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17278
Veröffentlichung: 31.10.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(44):1522-1523

Zentralvorstand der FMH

In seinem Förderprogramm «Interprofessionalität im Gesundheitswesen 2017–2020» definiert das BAG Interprofessionalität als «Lehre und Tätigkeit, die zustande kommt, wenn Fachleute von mindestens zwei Professionen gemeinsam arbeiten und voneinander lernen im Sinne einer effektiven Kollaboration, welche die Gesundheitsresultate verbessert», da «keine Profession für sich alleine eine umfassende Gesundheitsversorgung leisten kann». Mit dieser Definition stützt sich das BAG auf die Definition der WHO. Die FMH möchte betonen, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Teams der koordinierten Versorgung ist, um die Qualität im Gesundheitswesen zu verbes­sern und gleichzeitig die Effizienz zu steigern. Hierfür braucht es aber klar definierte Rollen und Verantwortlichkeiten. Interprofessionalität trägt das Potenzial in sich, die Versorgungsqualität zu verbessern und eine bessere Nachbetreuung der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Auch kann sie zum Aufbau von fortschrittlichen, hochstehenden Systemen der koordinierten Versorgung beitragen und der Entwicklung gemeinsamer Initiativen im Bereich der öffent­lichen Gesundheit dienen. All dies sind wesentliche Anliegen der FMH. Da uns bei der Entwicklung der Interprofessionalität sowohl auf Ebene der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte als auch auf Ebene der Berufsverbände eine Schlüsselrolle zukommt, ist es der FMH wichtig, sich klar und deutlich zu positionieren. Diese wichtige Aufgabe muss über Berufs- und Bildungspartnerschaften im Bereich der Interprofessionalität angegangen werden. Im Zentrum steht dabei stets das Bestreben, die Behandlung der Patientinnen und Patienten zu verbessern sowie die Synergien zwischen den Angehörigen der Gesundheitsberufe optimal zu nutzen.

Die Ausgangslage

Interprofessionalität im Sinne von beruflicher Zusammenarbeit sowie auch in Form von Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und der Verbesserung der Versorgung gibt es schon lange. Beides dient dem Interesse der Patientinnen und Patienten. Diese Art der Zusammenarbeit mit Angehörigen der Gesund­heitsberufe, Sozialpartnern, Berufsverbänden sowi­e öffentlichen Akteuren muss fortgesetzt und weiterentwickelt werden. Die Interprofessionalität im Schweizer Gesundheitswesen hat in letzter Zeit auch auf poli­tischer Ebene Aktualität erlangt. In der öffentlichen Verwaltung hat das BAG das Förderprogramm «Inter­professionalität im Gesundheitswesen 2017–2020» ins Leben gerufen. Bei öffentlichen und privaten Institu­tionen wiederum werden zahlreiche Pilotprojekte sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich durchgeführt. Im Bereich der Aus- und Weiterbildung bieten mehrere Universitäten und Hochschulen interprofessionelle Fortbildungstage an. Auf Verbands­ebene spielt die «Plattform Interprofessionalität in der primären Gesundheitsversorgung» eine wichtige Rolle. Dort haben sich mehrere Akteure des Gesundheitswesens zusammengeschlossen, die sich dafür einsetzen, die Interprofessionalität in der Schweiz weiterzuentwickeln und konkret umzusetzen. Seit kurzem ist auch die FMH Mitglied. Im Übrigen gibt es trotz der zunehmenden Anzahl an interprofessionellen In­itiativen bislang keine Entschädigungsregelung für die Interprofessionalität – ein Problem, für das eine Lösun­g gefunden werden muss.

Die Argumente

Herausforderung und Chance zugleich

In den kommenden Jahren wird das Gesundheits­system durch den Personalmangel in allen Bereichen stark belastet. Interprofessionalität ist ein wesent­licher Faktor, der dazu beitragen könnte, dem zukünftigen Personalmangel entgegenzuwirken. Durch die Integration komplementärer Akteure bietet sie zudem Innovationsmöglichkeiten, wodurch eine situations- und fachgerechte Behandlung der Patientinnen und Patienten möglich wird. Die Interprofessionalität stellt eine Chance dar, die Aufteilung der Kompetenzen und Verantwortlichkeiten in der koordinierten Versorgung zu überdenken, damit alle Beteiligten optimal ihre Fähigkeiten in ihren Fachbereichen einbringen können. Sie fördert auch die Weiterbildung, was den Ausbau der Kompetenzen der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte unterstützt und die Behandlung komplexer und chronischer Fälle verbessert. Jeder Chance geht eine Herausforderung voraus: Die Klüfte zwischen den Gesundheitsberufen müssen geschlossen werden, damit eine echte Zusammenarbeit auf Grundlage neuer und verstärkter Synergien entstehen kann und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten gewährleistet ist. Dabei gilt es, in einem klar definierten ethischen Rahmen die Rolle aller Beteiligten festzulegen, dies unter Berücksichtigung der jeweiligen Kompetenzen der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen. Weiter muss die grundlegende Frage der Verantwortlichkeiten klar geregelt werden. Auch aus finanzieller Hinsicht gibt es eine Herausforderung: Es sind erhebliche Investitionen nötig, um die Projekte anzustossen und langfristig die interprofessionelle Arbeit durch faire und anreizbasierte Vergütungsmodelle zu finanzieren. Das Engagement der FMH in diesem Bereich ist unverzichtbar geworden und muss integraler Teil der Diskussion sein, um zur Entwicklung der Versorgung beizutragen und einen Konsens mit den Mitgliedern und fachlichen Partnern zu finden.

Bessere Koordinierung der Versorgung und des Informationsaustauschs

Wir müssen den interprofessionellen Austausch fördern, um die Ressourcen optimal zu nutzen. So lässt sich die Fragmentierung vermeiden, die entsteht, wenn eine grosse Anzahl nicht koordinierter Fachkräfte an der Versorgung eines Patienten oder einer Patientin beteiligt ist. Wir müssen die Nutzung und Einführung leistungsstarker und kompatibler EDV-Systeme fördern, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist und die in der Lage sind, vollständige Patientendossiers einschliesslich gemeinsamer Therapie- und Medikamentenpläne zu übermitteln.

Beteiligung an Kollaborationsprojekten in ­Ausbildung und Lehre

Die interprofessionelle Ausbildung der zukünftigen Fachkräfte des Gesundheitswesens muss gefördert und automatisch an den Universitäten und Hochschulen der Schweiz in Theorie und Praxis einge-führt werden. Diese interprofessionelle Zusammenarbeit muss von Anfang an eine effiziente und effektive Arbeit fördern, um die Behandlungsprozesse zu verbessern, ohne die Arbeit übermässig zu regulieren. Die Herausforderungen der Zukunft machen deutlich: Ein wesentlicher Schritt dieser Entwicklung besteht in der Stärkung der fortschritt­lichen Entscheidungspraktiken bei der Behandlung komplexer und chronischer Fälle. Allerdings erfordert jegliche Übernahme zusätzlicher Verantwortung klar definierte Rahmenbedingungen, sowohl bei der Ausbildung als auch im Hinblick auf die Berufsverbände. Daher ermuntern wir die Berufsverbände, zukunftsweisende und anwendbare interprofessionelle Richtlinien zu entwickeln.

Unsere Forderungen

• Förderung einer umfassenden, wirksamen und qualitativ hochwertigen interprofessionellen Versorgung.

• Klare Festlegung der Rollen aller Beteiligten und der grundlegenden Frage der Verantwortung.

• Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit und Investition in diese sowie Suche nach tragfähigen Vergütungsmodellen für die Arbeit interprofessioneller Teams.

• Förderung gemeinsamer elektronischer Kommunikations- und Dokumentationswerkzeuge, die von verschiedenen Angehörigen der Gesundheitsberufe genutzt werden und einen nachgewiesenen Nutzen bieten.

Korrespondenzadresse

Departement Dienstleistungen und Berufsentwicklung
devprof[at]fmh.ch

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