FMH

Interprofessionalität oder Loblied auf eine gemeinsame Kultur

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2018.17312
Veröffentlichung: 31.10.2018
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(44):1521

Michel Matter

Dr. med., Mitglied des FMH-Zentralvorstandes, Departementsverantwortlicher Dienstleistungen und Berufsentwicklung

Die WHO definiert Interprofessionalität als «Lehre und Tätigkeit, die zustande kommt, wenn Fachleute von mindestens zwei Professionen gemeinsam arbeiten und voneinander lernen im Sinne einer effektiven Kollaboration, welche die Gesundheitsresultate verbessert», da «keine Profession für sich alleine eine umfassende Gesundheitsversorgung leisten kann». In dieser Definition ist jedes einzelne Wort wichtig. Die Interprofessionalität bleibt eine enorme Herausforderung, da sie bedeutet, dass das «Gärtchendenken», in dem jede Profession für sich arbeitet, zugunsten einer kollaborativen, umfassenden Betreuung der Patientin oder des Patienten aufgegeben werden muss. Das Überbrücken der bestehenden Klüfte ist eine Aufgabe, die einen langen Atem erfordert, und solange eine interprofessionelle Gesundheitsversorgung nicht proaktiv gefördert wird, mit dem Ziel qualitativ hochwertiger Medizin auf Grundlage einer gemeinsamen Kultur, bei der effi­ziente Versorgung und Patientensicherheit im Mittelpunkt stehen, wird die Fragmentierung der Gesundheitsversorgung andauern.

Wenn eine gemeinsame Kultur entwickelt werden soll, gilt es, Vorurteile, Missverständnisse, das simple Anhäufen von Kompetenzen und das Vertreten politisch engstirniger Positionen, in denen jeder Berufsstand nur seine eigenen Interessen verfolgt, zu überwinden. Die Angehörigen der Gesundheitsberufe müssen sich zum Wohl der Patientinnen und Patienten stärker zusammenschliessen. Es ist an der Zeit, eine Kultur des konstruktiven Dialogs, der koordinierten Gesundheitsversorgung, der Teamarbeit, gemeinsamer IT-Tools, der Anerkennung der fachlichen ­Qualitäten und Kompetenzen des anderen sowie der Offenheit für eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, um zu Transparenz, Respekt und gegenseitigem Verständnis zu gelangen. Dazu ist eine gemeinsame Klärung der Rollen erforderlich, bei der der grundlegende Begriff der Verantwortung im Mittelpunkt steht.

Eine gemeinsame Kultur entwickelt sich aus gemeinsamen Erfahrungen und gemeinsamen Grundlagen. In diesem Geist entstehen an Schweizer Universitäten und Spitälern eine Vielzahl von Projekten: CAIPE in Bern, CIS in Genf, Careum Center in Zürich. Um die Entwicklung interprofessioneller Aus- und Weiterbildung zu organisieren und zu konzipieren, sind die Bereitschaft zu Transparenz, Kommunikation, Teamarbeit, Führungsdefinition und gegenseitiger Unterstützung sowie eine strenge Qualitätskontrolle auf Grundlage vergleichender Analysen von Daten und Pflegepro­zessen erforderlich. Solche Aus- und Weiterbildungsmodelle werden von den Studierenden sehr gut an­genommen. Der Anspruch von Interprofessionalität muss sein: «Learn with, from and about each other.» Solche wahrhaft interprofessionellen Lehrpläne müssen gemeinsame Wissensgrundlagen schaffen, die in Modelle bewährter Praktiken eingebettet sind.

Ohne eine klare Finanzierung innovativer Projekte im Bereich der Interprofessionalität und ohne Tarifposi­tionen, die eine Vergütung für die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Fachleuten der jeweiligen Fachgebiete ermöglichen, sind die Entwicklung und die Einbindung in die unmittelbare Patientenversorgung nicht möglich. Eine solche Entwicklung beinhaltet zudem die Schaffung von Zeitfenstern und Plätzen in den universitären Lehrplänen, welche die Inter­professionalität fördern. Diese Herausforderung muss in naher Zukunft angegangen werden, da sich im Gesundheitswesen ein Personalmangel abzeichnet. Laut mehreren Studien trägt Interprofessionalität dazu bei, ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf zu ver­meiden, da in einem effizienten Arbeitsumfeld weniger Konflikte entstehen, die Mitarbeiterzufriedenheit steigt und die verfügbaren Ressourcen optimal genutzt werden.

Interprofessionalität muss im Mittelpunkt aller Gesundheitsberufe stehen: die optimale und umfassende Betreuung der Patientinnen und Patienten in all ihrer Vielfalt mit Hilfe einer gemeinsamen Kultur.

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