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Zu guter Letzt

Über das Duzen und das Siezen

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17497
Veröffentlichung: 06.02.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(06):192

Eberhard Wolff

Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft

Als ich vor zwanzig Jahren auf einer sehr dünnen beruflichen Eisscholle aus Deutschland nach Zürich trieb, ­boten mir Kolleginnen und Kollegen, gerade auch höhergestellte, schnell das «Du» an. Das half mir beim Ankommen. Sie taten das aber nicht zuletzt auch mit dem stolzen Hinweis, dass die Hierarchien in der Schweiz eben flacher seien als in Deutschland. Vor allem in den Spitälern, in die damals immer mehr Deutsche kamen. Meine Integration über die Anrede war auch eine Abgrenzung gegenüber «denen» da im Norden.

In der Tat erinnere ich mich an eine komische Situation als junger Stipendiat in einem deutschen Forschungsinstitut mit einem neuen, mir sympathischen Kollegen. Keiner bot dem anderen das «Du» an. Ich, weil er schon promoviert auf einer «richtigen» Stelle sass, und er, weil ich älter war. Wir siezten uns wochenlang, obwohl wir das beide gar nicht wollten. Das Regelsystem war kompliziert, und wir waren beide unsicher. Nach einem Spaziergang sagten wir dann Thomas und Eberhard zueinander.

In vielen Schweizer Arztpraxen dürfte sich von den Ärztinnen und Ärzten über die MPAs bis zu den Lehrlingen das generelle «Du» unter der Belegschaft durchgesetzt haben. Das schafft sicher ein Stück Zusammenhalt, aber es hebt die Hierarchien und Unterschiede nicht einfach auf. Ein globales Schweizer Grossunternehmen führte vor Kurzem das allgemeine «Du» im kollegialen Umgang ein. Die IKEA-Variante sozusagen. Was als Mittel für ein offenes Betriebsklima gedacht war, war aber nicht allen recht. Dem CEO in all seiner Machtfülle einfach Du sagen? Das passe doch nicht recht in die Schweizer Kultur. (Hoppla, denke ich da. Wurde die Schweizer Anredekultur oben nicht ganz anders beschrieben?)

Auf jeden Fall: Das von oben verordnete Duzen kann auch das Gegenteil einer Entspannung bedeuten. Ich selber kenne einige Leute, die ich – bei allem Respekt –lieber sieze als duze.

Anders als meine jüngeren Kollegen sieze ich auch die Studierenden in meinen Uni-Seminaren. Die Distanz, die ich damit aufbaue, ist bewusst eingesetzt. Auch wenn dieses Siezen oft steif tönt, bildet es für mich die vielen ganz realen Unterschiede besser ab als das allgemeine «Du». Darüber hinaus ist es für mich auch ein Zeichen des Respekts den jungen Studierenden gegenüber.

Wolf Biermann, der systemkritische Liedermacher aus dem sozialistischen Ostdeutschland, erzählte in den 1970er Jahren einmal, dass er bei Fans, die damals an seiner Wohnungstür klingelten, schnell erkannte, ob sie aus der DDR oder aus Westdeutschland kämen. Die aus dem Westen sprachen ihn mit «Du» an, die aus dem Osten mit «Sie». Im Osten duzten sich die Genossen. Im Westen begann man mit einem «Sie». In beiden Fällen setzten die Fans als Begrüssung ein kleines Zeichen rebellischer Solidarität gegen die jeweils verordnete, herrschende Praxis in ihren Ländern ab.

In vielen Ländern ist das allgemeine Duzen eine Selbstverständlichkeit. Im Englischen gibt es mit dem «you» nur eine Anredeform. Das bedeutet aber nicht, dass es hier keine Hierarchien beim Ansprechen gibt. In der berühmten Fernsehserie Breaking Bad, in der sich der Chemielehrer Walter White zum Drogenkoch und dann zum Drogenbaron entwickelt, spricht ihn sein junger Kompagnon Jesse Pinkman bis zuletzt mit «Mister White» an: Pinkman ist sein ehemaliger Schüler im Chemie-Unterricht. Und Mr. White nennt ihn beim Vornamen «Jesse».

In den Schweizer Spitälern dürften die Anreden unter den Mitarbeitenden um einiges komplexer sein als in den überschaubaren Arztpraxen. Wenn Sie dort arbeiten, versuchen Sie doch einmal nachzuzeichnen, wo überall Grenzen zum Siezen verlaufen. «Schon» bei den Oberärzten oder «erst» bei den Chefärzten? Wie ist es gegenüber den nichtärztlichen Kolleginnen und Kollegen? Duzen Sie das Reinigungspersonal – und werden Sie von diesen Mitarbeitenden geduzt? Duzen sich die Frauen untereinander schneller als die Männer? Und wie ist das zwischen den Geschlechtern? Eine MTRA erzählte mir von einem nahe­stehenden, geduzten Arztkollegen. Als er später von einer anderen Stelle, nun als Chefarzt, wieder an das alte Spital zurückkehrte und jetzt üblicherweise siezte, stellte das «Du» von früher ein richtiges Pro­blem dar.

Auch wenn wir uns immer mehr duzen: Anreden bleiben aus gutem Grund einfach immer kompliziert, weil unsere Beziehungen untereinander immer kompliziert sind. Dabei habe ich noch nicht einmal die Anrede durch die Patientenschaft (von «Doktor Hefti» bis zur nicht auszutreibenden «Schwester Regula») angesprochen.

Und je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr kann ich dem herkömmlichen «Sie» etwas abgewinnen. Meint Ihr nicht auch, liebe Leser?

Korrespondenzadresse

eberhard.wolff[at]saez.ch

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