Briefe / Mitteilungen

Eine notwendige Erwiderung 

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17631
Veröffentlichung: 27.02.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(09):298

Dr. med. Stefan Zlot, Bern

Eine notwendige Erwiderung

Brief zu: Scholer M. Was wir brauchen, sind Besserkönner, nicht  Besserwisser. Schweiz Ärzteztg. 2019;100(06):182–-3.

Gibt es nebst der Ärzteschaft eine andere Profession, die sich regelmässig von professionsfremden, oftmals selbsternannten Experten ins Handwerk pfuschen lässt? Zahntechniker, Juristen, Chauffeure, Ingenieure, Kaminfeger, Bäcker etc.? Was will uns Bosshart sagen mit «… Daten ohne ökonomischen Wert werden spekulativ eingesetzt …», «Transparenz ist immer ambivalent» usw.? Er nennt sich Trendforscher. Trends in der Medizin werden durch neue diagnostische und therapeutische ­Möglichkeiten skizziert, welche laufend in die ärztliche Weiterbildung integriert werden.

Scholer stellt die falschen Fragen und beschwört gleich eingangs den notwendigen Wandel im Gesundheitswesen. Der tatsächliche Wandel ist kontinuierlich, unvermeidlich und kaum revolutionär. Scholer spricht jenen Gesundheitsökonomen und -politikern das Wort, das in Bossharts Erwiderung nicht auf sich warten lässt: Reizwort Kostenexplosion. Damit will man uns und der Bevölkerung ­unablässig weismachen, was es mit den steigenden Gesundheitsausgaben auf sich habe. Da ist nichts Explosives, ausser dem politischen Schwarzpulver, das daraus gemacht wird. Dieses dient dann der Wiederwahl des Politikers, der unablässigen Anschwärzung der Ärzteschaft sowie der Beschwörung einer Anspruchshaltung unserer PatientInnen. Scholer verpasst deshalb wie die meisten ­zuständigen Politiker ebenfalls die Chance, wirklich ökonomisch zu denken: Nämlich auch an die Gesundheitsnutzen. Er würde feststellen, dass es volkswirtschaftlich absolut rentiert, in unsere Gesundheitsversorgung, die bekanntermassen immer noch sehr gut ist, zu investieren. Für jeden Franken ­erhielte er ca. 1.30 zurück. Schade, dass sich damit keine Politik machen und auch keine Wahl gewinnen lässt, wo es doch gar nicht so kompliziert ist! In welchem anderen Bereich kann um die 30–40% Gewinn erzielt werden? Warum spricht niemand von der Explosion der Bildungs-, der Entsorgungs-, der Verwaltungs- oder der Transportkosten?

Wozu will uns Bosshart einen «tiefgreifenden Kulturwandel» im Gesundheitswesen verkaufen? Was hat das Wort Kultur hier zu suchen? Was meint er mit folgendem: «Erst wenn wir Transparenz ins Gesundheitssystem bringen, werden wir feststellen, wie viel Unvernunft sich darin angesammelt hat»? Danach die Binsenwahrheit, dass «… den Kantonen als Bindeglied zwischen Bund und Gemeinden eine entscheidende Rolle zukommt». Bosshart stigmatisiert zu Recht die drohende Einführung des Globalbudgets als populistische Keule und aus Ausdruck davon, dass die Gesundheitspolitik versagt und auch Bundesrat Berset betrifft.

Es folgt die Frage, wie der Kulturwandel im Gesundheitswesen eingeläutet werden könne. Was meint er genau mit Kulturwandel, oder wie würde er die «Kultur im Gesundheits­wesen» definieren? Lässt sich ein solcher Wandel a) voraussehen, b) beeinflussen, c) steuern oder messen? Kurz: Kultur ist keine Commodity, kann nicht gekauft werden, kann nicht beschlossen oder direkt gesteuert werden ausser vielleicht in totalitären Systemen. Die Quintessenz von Bossharts Antwort: «Wir müssen das Gesundheitswesen umkrempeln» – warum? Und dann folgt der Satz, der dem Interview den Titel gegeben hat.

Damit outet sich Bosshart definitiv: Er scheint von Medizin und dem schweizerischen Gesundheitswesen nicht mehr zu verstehen als mein Freund von nebenan, doch Bosshart ­formuliert es besser (der besserkönnende Besserwisser). Schade ist Scholer nicht ebenso kritisch wie mein Freund, sonst wäre er Bosshart vielleicht nicht auf den Leim gegangen.

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