Briefe / Mitteilungen

Diskussion ja, Initiative nein

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17802
Veröffentlichung: 24.04.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(1718):608

Dr. med. Peter Marko, St. Gallen

Diskussion ja, Initiative nein

Brief zu: Frei A, Aemissegger U, Beerli A, Sicher M, Stoffel G. Organspende am Lebensende. Schweiz Ärzteztg. 2019;100(14):508–10.

Hurst S. Das Leben, der Tod und die Übertragung von Leben. Schweiz Ärzteztg. 2019;100(14):534.

Wie die Autoren schreiben, widersprechen ­ihre Ansichten über Schmerzempfindungen nach dem Hirntod «heutiger Lehrmeinung». Es ist der Sockel ihrer weiteren Ausführungen, die ihnen unbenommen bleiben können.

Sie beschreiben ausführlich und suggestiv die Entnahme der Organe nach dem Hirntod. Es ist geeignet, Jugendliche, die einen Beruf im Gesundheitswesen ergreifen wollen, davon abzuschrecken, aber uns, hartgesottene Ärztinnen und Ärzte überzeugt es kaum. Verläuft die Organentnahme immer so dramatisch? Auch bei der Hornhaut-, Nieren- und Leberverpflanzung? Die Angehörigen haben doch die Wahl, wie weit sie dabeibleiben möchten, ähnlich bei einer Geburt, für manche auch kein erbauliches Erlebnis.

Auf einen wichtigen Punkt wies meine Frau in einem gemeinsamen Leserbrief an die NZZ, ähnlich Frau Hurst in ihrem Artikel: Wenn, der Meinung der Autoren nach, die Hirntoten der Schmerzempfindung eventuell fähig sind, ist es ärztlich zu verantworten, sie lange leiden zu lassen? Nein, Berichte von Hirntoten über ihren Zustand und Empfindungen bekommen wir nicht. In solchem Falle genügen indirekte Hinweise, wie sie die Hirnforschung liefert, über die aber die Autoren zweifeln. Sie können in der Lage und Lagerung der Hirn­toten ein paar Tage verbringen, um so zwar nicht echt, aber annähernd zu erfahren, wie es ist, hirntot zu sein. Sowohl meine Frau als auch ich möchten im Zustand des Hirn­todes nicht länger verweilen. Aus verschiedenen Gründen komme ich leider nicht mehr als  Organspender in Frage (völlig vermorscht, darf ich sogar nicht einmal Blut spenden). Wir haben beide unsere Leichen zumindest der Forschung vermacht.

Die Initiative für das Verbot der Organspende am Lebensende liegt quer in der Landschaft. In einem Land mit Recht auf Selbsttötung ist das Verbot der Organspende am Lebensende etwas Seltsames. Es würde die Freiheit der Spender tangieren, die mit der Spende niemandem schaden, eher umgekehrt. Es ist selbstverständlich, dass jemand, der nicht spenden möchte, es auch nicht tun muss. Wenn er trotzdem ein Empfänger sein will, muss er mit seinem Gewissen ins Reine kommen. Die Diskussion über das Thema ist richtig und wichtig, nicht jedoch die Initiative zum Verbot der Organspende am Lebensende.

Verpassen Sie keinen Artikel!

close