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FMH

Interprofessioneller sektorenübergreifender Behandlungspfad Kolorektalkarzinom

Qualitätskriterien für Patienten­informationsmaterialien

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17889
Veröffentlichung: 15.05.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(20):676-679

Esther Krafta, h, Jürg Nadigb, h, Jürg Pfistererc, h, Ruth Baumann-Hölzled, i, Patrizia Kalbermatten-Casarottie, i, Daniel Gregorowiusf, i, Hildegard Huberg, i

a lic. rer. oec.; b Dr. med., MAE; c Dr. med.; d Dr. theol.; e lic. phil, MAS; f Dr. sc. nat.; g Höfa II / FH, MAS; h SAQM / FMH; i Stiftung Dialog Ethik

Im Rahmen des Pilotprojekts erarbeiteten und verabschiedeten 20 in die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit einem Kolonkarzinom involvierte Fachgesellschaften und Berufsgruppen in einem strukturierten bottom-up-Prozess den interprofessionellen sektorenübergreifenden Behandlungspfad Kolorektalkarzinom mit klar definierten Schlüsselinterventionen. Diese sollen idealerweise mit Patienteninformationsmaterialien hinterlegt sein, welche das Arzt-Patienten-Gespräch unter­stützen. Damit dieser Schritt erfolgen kann, muss vorgängig festgelegt werden, welche Qualitätskriterien die Patienteninformationsmaterialien zu erfüllen haben.

Ausgangslage

Durch die Spezialisierung und die Fortschritte in der Behandlung von Krankheiten sind immer mehr Fachpersonen in die Abklärungs- und Behandlungskette eingebunden. Patientinnen und Patienten werden deshalb während einer Krankheitsphase sequenziell oder parallel von verschiedenen medizinischen und anderen Fachpersonen sowie unterschiedlichen Berufsgruppen behandelt. Die interprofessionelle Zusammen­arbeit und koordinierende Planung nehmen deshalb an Bedeutung zu, um gemeinsam mit dem Patienten definierte Ziele zu erreichen. Um Patientinnen und ­Patienten1 während dem Krankheitsverlauf individuell in medizinische und therapeutische Entscheidungsprozesse einzubinden und kompetent beraten und ­begleiten zu können, sind die Behandlungsabläufe zu koordinieren. Um die Versorgungsqualität im Gesundheitswesen zu verbessern, sind Pa­tienten auf eine funktionierende, transparente interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit angewiesen, ebenso auf zeitnahe Informationen.

Im Rahmen des Pilotprojekts erarbeiteten und verabschiedeten 20 in die Behandlung von Patienten mit einem Kolonkarzinom involvierte Fachgesellschaften und Berufsgruppen in einem struk­turierten Bottom-up-Prozess den interprofessionellen sektorenübergreifenden Behandlungspfad Kolorektalkarzinom mit definierten Schlüsselinterventionen (Abb. 1).

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Abbildung 1: Empfehlungen Behandlungspfad-Schema Kolorektalkarzinom,
Quelle: https://www.fmh.ch/files/pdf22/schema_behandlungspfad1.pdf

Qualitätskriterien für Patienten­informationsmaterialien

Der erarbeitete, verabschiedete und publizierte sektorenübergreifende Behandlungspfad enthält nun die zentralen Informationen für die involvierten Fach­personen. Bereits bei der Projektkonzeption war geplant, sowohl den Behandlungspfad als auch die Schlüsselinterventionen2 mit Patienteninformationsmaterialien zu hinterlegen. Diese sollen das Arzt-Pa­tienten-Gespräch bei der Umsetzung der verschiedenen Behandlungs-, Therapie- und Pflegeprozesse auf dem Behandlungspfad unterstützen.

Schnell wurde klar, dass ein Bedarf an aktuellen evidenzgestützten Patienteninformationsmaterialien besteht, welche sich an aktuellen Forschungsergebnissen orientieren und gleichzeitig für Pa­tienten gut verständlich und nachvollziehbar sind. ­Damit Patienteninformationsmaterialien (Definition vgl. Kasten) in das Behandlungspfadschema integriert werden können, wurde übergeordnet festgelegt, welche allgemeingültigen Qualitätskriterien die Patienteninformationsmaterialien zu erfüllen haben, um im Rahmen des berufs- und sektorenübergreifenden interprofessionellen Behandlungspfades empfohlen zu werden.

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Tabelle 1: Übergeordnete allgemeine Kriterien zur Bewertung von PIM.

Die FMH / SAQM erarbeitete zusammen mit dem Institut der Stiftung Dialog Ethik und einer interprofessionellen Arbeitsgruppe aufgrund der Literatur und unter Einbezug internationaler Expertinnen und Experten übergeordnete und spezifische Kriterien zur Bewertung von Patienten­informationsmaterialien. Diese Qualitätskriterien für die Erstellung von evidenzbasierten Patienteninformationsmaterialien integrieren einerseits Faktenwissen, anderseits auch die Patientenperspektive und deren Wertvorstellungen. Gute Patienteninformationen sollen Patienten bei ihren eigenen Überlegungen und Entscheidungsfindungen sowie bei ihrer Vorbereitung zur Konsultation bei der jeweiligen Fachperson unterstützen und helfen, ihre eigenen Behandlungsziele zu setzen. Auch ist es den Autorinnen und Autoren ein Anliegen, dass die Herausgeber­organisationen von Patienteninformationsmaterialien die Qualitätskriterien bei der Er- und Überarbeitung der Patienteninformationsmaterialien beiziehen und berücksichtigen.

Weiteres Vorgehen/Ausblick

Mit der Verabschiedung und Publikation des sekto­renübergreifenden Behandlungspfads Kolorektalkarzinom ist der SAQM und den 20 beteiligten Organi­sationen ein erster Meilenstein gelungen, der auch internationale Beachtung fand.

Als weiterer Projektschritt wird das vorliegende Behandlungspfadschema mit den hinterlegten Guide­lines und Empfehlungen regelmässig auf die Aktua­lität hin geprüft, evaluiert und angepasst. Neben den Guidelines und Empfehlungen, die den Behandlungsstandard für die Leistungserbringer beschreiben, ­sollen die Schlüsselinterventionen und der Behandlungspfad mit qualitativ hochstehenden Patienteninformationsmaterialen ergänzt werden, die die Betroffenen und ihre Angehörigen oder Bezugspersonen bei ihrer Entscheidungsfindung unterstützen können. Hierzu werden die erarbeiteten und veröffentlichten Kriterien in einem ersten Schritt in einer Testphase zusammen mit Herausgeberorganisationen von PIM geprüft, ob diese bei der Er-/Überarbeitung anwendbar und ob allenfalls wichtige Kriterien zu ergänzen bzw. zu präzisieren sind. Nach erfolgter Prüfung werden die Qualitätskriterien idealerweise von den verschiedenen Herausgeberorganisationen angewendet, so dass der Behandlungspfad mit qualitativ hoch­stehenden Patienteninformationsmaterialen ergänzt werden kann, im Hinblick auf eine partizipative Entscheidungsfindung.

In einem weiteren Schritt soll der Nutzen bei der ­Anwendung des Behandlungspfadschemas durch die ärztlichen und medizinisch-therapeutischen Leistungserbringer in ihrer täglichen Arbeit mit den Betroffenen evaluiert werden. Hierfür sind Pilotregionen zu definieren, in denen Aufwand und Mehrwert durch die Behandlung gemäss dem Behandlungspfad im Rahmen einer Begleitstudie erforscht werden sollen. Die Resultate dieser Begleitforschung sind zentral für eine allfällige Erarbeitung weiterer Behandlungspfade.

Definition Patienteninformations­materialien

Patienteninformationsmaterialien (PIM) sind an Patienten, Pa­tientinnen und Angehörige gerichtete Informationsträger, deren Inhalt krankheits- und auch gesundheitsbezogen ist. Sie beschreiben allgemein verständlich einen möglichen Krankheitsverlauf und Interventionsmöglichkeiten (Screening, Diagnostik, Therapie, Prävention, Betreuung und Nachsorge) gemäss dem «State of the Art» des jeweiligen Fachgebietes. Sie beinhalten auch den Hinweis, auf medizinische Massnahmen verzichten zu können. Die PIM ermöglichen Patientinnen, Patienten und An­gehörigen Zugang zu gesundheits- und krankheitsrelevantem Sachwissen. Die PIM können unabhängig vom theoretischen Referenzmodell, mit dem die Betreuungsbeziehung gestaltet ist, verwendet werden. Das Referenzmodell kann dabei die Form ­einer reinen Informationsvermittlung bis hin zu einer gemeinsamen Entscheidungsfindung haben. Patienteninformationsmaterialien (PIM) werden mit Reflexions- und Entscheidungshilfen zur PIM+ ergänzt.

Die Arzt-Patienten-Kommunikation, ergänzt mit sachdienlichen Angaben zu Krankheit, Diagnostik, Screening und Behandlung, kann die Qualität der Entscheidungsfindung massgeblich beeinflussen. Valide, aktuelle und verständlich aufbereitete Patienteninformationsmaterialien entlang des Behandlungspfads tragen zu einer besseren Verständlichkeit der eigenen Situation bei. Sie erleichtern es ausserdem, mögliche Risiken und Vorteile einer Behandlung und die verfügbaren und geplanten Behandlungsoptionen besser abzuschätzen. Für die persönlichen Anpassungsprozesse der Patientinnen und Patienten wurden zusätzlich Orientierungs- und Entscheidungshilfen entwickelt. Sie tragen zu einem besseren Verständnis und zur Einordnung von Gesundheit und Krankheit in die persönliche Lebenssituation bei.

Die Tabellen 1 und 2 enthalten die von der Arbeitsgruppe zusam­mengetragenen übergeordneten allgemeinen Bewertungskriterien für PIM sowie die inhaltlichen Kriterien für die PIM zu den einzelnen Stationen auf dem Behandlungspfad. Die Matrix zu den allgemeinen und spezifischen Kriterien zur Bewertung von Patienteninformationen sind auf der Website von Dialog Ethik (www.dialog-ethik.ch/pim/) und FMH / SAQM (www.fmh.ch/themen/qualitaet-saqm/projekte.cfm#i112927) abrufbar.

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Tabelle 2: Inhaltliche Kriterien für Patienteninformationsmaterialien.

1 Zur besseren Lesbarkeit wird in der Regel die männliche Form verwendet; Frauen sind mitgemeint.

2 Unter Schlüsselintervention bzw. Key-Intervention versteht man die «notwendigen Diagnose- oder Behandlungsschritte, um eine unabhängig vom Wohnort qualitativ hochstehende, standardisierte und optimal koordinierte, auf anerkannten (inter-)nationalen Guidelines basierende Behandlung zu erhalten».

Korrespondenzadresse

SAQM / FMH
Elfenstrasse 18
CH-3000 Bern 15
Tel. 031 359 11 11
esther.kraft[at]fmh.ch

Stiftung Dialog Ethik
Schaffhauserstrasse 418
CH-8050 Zürich
Tel. 044 252 42 01
info[at]dialog-ethik.ch

Literatur

Die dem Artikel hinterlegte Literatur kann bei der Autorenschaft ­verlangt werden.

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