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FMH

Was würden Patienten wollen, wenn sie wüssten, was sie bräuchten?

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.17902
Veröffentlichung: 15.05.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(20):675

Christoph Bosshard

Dr. med., Vizepräsident der FMH, Departementsverantwortlicher Daten, Demographie und Qualität

Wir leben in einer Welt voller Informationen. Das Internet bedient uns freigiebig mit allem, was wir wissen wollen, und eben auch mit dem, was wir nicht wissen wollen. So erleben wir jeden Tag, wie herausfordernd es sein kann, wenn wir gute Informationen suchen. Denn diese müssen gewisse Kriterien erfüllen, damit wir sie gebrauchen können. Nun gut, wenn es sich um die Suche nach einem guten Restaurant für das nächste Abendessen handelt, hat ein Fehlgriff in der Entscheidungsfindung noch überschaubare Folgen. Anspruchsvoller wird es jedoch, wenn wir uns plötzlich in der ­Patientenrolle wiederfinden und unsere Gesundheit beeinträchtigt ist. Ganz abgesehen von der allenfalls existentiellen Tragweite der Bedrohung sind unsere Ressourcen zum Zeitpunkt der Entscheidungsfindung durch die Erkrankung reduziert. Und nun sollen wir noch den Mut und die Kraft aufbringen, ein informierter Patient zu sein? Genau in dieser Situation befinden sich unsere Patientinnen und Patienten, wenn sie sich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert sehen. Im Rahmen unseres Pilotprojekts «inter­professioneller und sektorenübergreifender Behandlungspfad Kolorektalkarzinom» wollen wir Patienten in ihrer Entscheidungsfindung unterstützen und haben zusammen mit dem Institut der Stiftung «Dialog Ethik» Qualitätskriterien für Patienteninformationsmaterialien entwickelt. Für eine fundierte Entscheidung brauchen Patientinnen und Patienten Informa­tionsmaterialien in einer zielgruppenspezifischen und leicht verständlichen Sprache. Diese sollen alle Behandlungsoptionen nennen und deren Vor- und Nachteile erklären. Eine leitliniengerecht standardisierte Versorgung alleine reicht uns nicht. Wir wollen die Bedürf­nisse und Vorstellungen unserer Patientinnen und Patienten in der Entscheidungsfindung berücksichtigen können, und zwar bezüglich Zielsetzung sowie auch bezüglich des Wegs zu diesem Ziel. Dazu müssen jedoch Informationen ausgetauscht werden. Diese Informationen müssen verständlich sein und zu Wissen führen, welches im konkreten Kontext unterstützen kann. Wir wollen nicht einfach Laborwerte oder Röntgenbilder behandeln, wir wollen unseren Patientinnen und Patienten individuell abgestimmte Mehrwerte bieten! Letztlich ist dies auch einer der zentralen faszinierenden Aspekte in der Medizin, im ärztlichen Handeln. Zur Thematik «Shared Decision making» und «Patient reported outcome measures» haben wir bereits ausführlich in früheren Ausgaben der Schweize­rischen Ärztezeitung berichtet. Die heute vorgestellten Qualitätskriterien für Patienteninformationsmate­rialien sind ein weiteres wichtiges Element in unserer Arbeit für eine patientenzentrierte und auch interprofessionell abgestützte Medizin. Denn insbesondere interprofessionelles Handeln benötigt klare Absprachen, und diese sind lediglich auf der Basis einer klaren Ziel­setzung und Vorgehensweise möglich. Als nächster Schritt sollen nun die erarbeiteten Qualitätskriterien an praktischen, bereits existierenden oder zu erarbeitenden Informationsmaterialien angewendet werden. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Qualitätskriterien bereits umgesetzt werden und man bestehende Informationsmaterialien, die die Kriterien bereits teilweise erfüllen, weiter stärken kann. Ebenfalls werden Rückmeldungen aus der Anwendung als Grundlage für eine stete Verbesserung der Qualitätskriterien dienen. Ich danke allen, die uns im täglichen Bestreben unterstützen, eine Medizin zu fördern, die Mehrwerte für unsere Patienten und unsere Gesellschaft schafft.

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