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Horizonte

Mensch und Tier und überhaupt

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18000
Veröffentlichung: 21.08.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(34):1134-1135

Jann Schwarzenbach

Dr. med., Facharzt für Allgemeinmedizin, Mitglied FMH

Auf einer schmalen, in die liebliche Südhälfte des Gardasees hineinragenden Halbinsel, liegt die «Perla del Garda», die malerische Altstadt von Sirmione. Im Gegensatz zu der im Sommerdunst grenzenlos scheinenden Weite des grössten italienischen Binnengewässers ersticken die engen Gässchen buchstäblich unter dem tagtäglichen Zustrom sonnenhungriger Nordländer. Zum Unterhalt dieses energiezehrenden und dehydrierenden Bauch-an-Bauch-Gedrängels gehören natürlich die traditionellen Fest- und Flüssigtreibstoffe, die in unzähligen Bars, Eisdielen und Trattorien angeboten werden. Diesbezüglich scheint es am «Lago di Monaco» – so werde das südlich von München gelegene Planschbecken gelegentlich bespöttelt – wirklich keine Grenze zu geben: Der Schnappschuss des artentfremdeten Süsswarenladens spricht für sich! Auf der blauen Fläche des Gardasees verschwimmen aber noch ganz andere Grenzen: Der schroffere obere Teil gehörte nämlich einst zum deutschsprachigen Tirol, bis dann 1919 aus dem am Nordende gelegenen Reiff am Gartsee das jetzige Riva del Garda wurde. Heute stresst hier glücklicherweise keiner mehr mit Völkischem, man stösst sich höchstens noch an der grenzenlosen, verkehrsinfarzierenden Invasion von Volkswagen. Wann ein willkommener Touristenstrom zum Albtraum wird, ist natürlich Ansichtssache, und das gilt auch für das persönliche Mass an Liebe zum hauseigenen, knuffigen Vierbeiner. Andererseits ist ein geklärtes Verhältnis zwischen dem Menschen und seinen Verwandten gerade für die medizinisch-pharmakologische Forschung unabdingbar. Dazu sollen dann weiter unten die beiden philosophischen Antagonisten René Descartes (1596–1650) und Arthur Schopenhauer (1788–1860) zur Sprache kommen.

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Süsses für Vierbeiner: die Gelateria e Pasticceria «MY DOG» in Sirmione.

Von Synapsen und Abszessen

Zuerst möchte ich aber noch kurz auf Grenzziehungen in unserem beruflichen Alltag eingehen. Bereits im Studium treffen wir überall – von der Epidermis bis zur Zellmembran – auf biologische Trennungslinien und Absperrungen. Genau geregelte Synapsen und selektiv durchlässige Kanäle erhalten eine gute und fruchtbare Nachbarschaft. Andererseits – «Ubi pus, ibi evacua» – lernen die angehenden Kliniker aber auch, abgekapselte Eiterherde entschlossen anzugehen und die Drainage erst nach Versiegen des bräunlichen ­Geschmiers zu entfernen. Im späteren Berufsleben stossen wir dann an neue Grenzen: an unsere eigenen und an diejenigen der Medizin überhaupt. Hier öffnet sich das weite Feld der wissenschaftlichen Ethik. Unter anderem geht es da manchmal auch ums Tier, oder besser gesagt, um die Rechtfertigung einer besonderen Exzellenz des Homo sapiens. Mit anderen Worten, um die Frage, ob wir die anderen Weltbewohner als Dinge betrachten sollen, über die wir frei verfügen können und die wir – wenn es denn unserem Vorteil dient – im ­Extremfall sogar quälen dürfen. Die Definition einer solchen Abstufung zwischen Mensch und anderer Kreatur führt dann darüber hinaus auch zu der noch viel heikleren Frage, ob diese Wertgrenze streng an die biologische Spezies gebunden sei: Man denke etwa an die Geschöpfe beim Schwangerschaftsabbruch oder beim aktiven Frischhalten von transplantierbaren Organen. Sind das schon oder eben noch Menschen?

Philosophisches zu Mensch und Tier

Keine Sorge: Auch die Philosophen wären sich hier kaum einig geworden. Da gab es nämlich schon in weit weniger emotionsgeladenen Grenzziehungen ganz unterschiedliche Meinungen. Aristoteles, dieser scharfe und lebensnahe Beobachter, begriff den Menschen als «Animal rationale», als intellektuell «upgegradetes» Tier. Diese Verwandtschaft beschränkte sich aber nicht auf morphologische Ähnlichkeiten, sondern umfasste auch identische Grundfunktionen des seelischen Betriebssystems. Descartes zerzauste dann diese einheitliche Sichtweise und teilte uns schroff in zwei völlig unabhängige Bereiche auf: eine «Res cogitans» und eine «Res externa», also einen bewusstseinsmässigen und einen körperlichen Teil. Das Denken, Wollen und Empfinden schrieb er ausschliesslich der – exquisit menschbezogenen – «Res cogitans» zu. Der Körper und seine Bewegungen hingegen gehorchten, seiner Meinung nach, den allgemein gültigen, mechanischen Naturgesetzen und wurden somit einer ausgeklügelten Maschine gleichgesetzt. Das galt dann auch für die Tiere, denen Descartes jegliche, auch noch so rudimentäre Form einer «Res cogitans» absprechen wollte. Sie seien seelen- und gefühllose Automaten, die daher auch keiner echten Schmerzempfindung fähig wären. Solche unmenschlichen Grenzzäune würden wohl selbst die emsigsten Tierexperimentierer aufschreien lassen, und dies gilt erst recht für den Hundebesitzer Schopenhauer, von dem man munkelte, er ziehe die ehrlichen Vierbeiner ihren aufrechten Cousins vor. Seiner Meinung nach unterscheiden wir uns nämlich nur als Erscheinung, also physisch gesehen, vom Tier, bleiben aber metaphysisch betrachtet in einem tieferen Sinne identisch: als Kinder eines hinter der erfahrbaren Welt stehenden, unbändigen Lebenswillens. Der Schmerz, den wir anderen Wesen zufügen, richte sich daher gleichzeitig gegen uns selbst, er entpuppe sich sozusagen als unser eigener. Das klingt – angesichts der mannigfachen Nebenwirkungen tierexperimentell gewonnener therapeutischer Wirkstoffe – schon fast prophetisch.

Aus tiefster Seele

Descartes’ scharfe Abgrenzung von Bewusstsein und Körperlichkeit schaffte erst die Grundlage einer mechanistisch verstandenen und daher schulmedizinisch effizienten Medizin. Wenn es um die Befestigung von Grenzen geht, gibt es aber bekanntlich nicht nur Gewinner. Dies gilt einerseits für die Tierwelt, auf die wir nach Descartes rücksichtslos zugreifen dürfen. Zusätzlich verbaut sein streng dualistisches Menschenbild uns Ärzten und Ärztinnen den Zugang zu einem angemessenen Verständnis psychosomatischer Zusammenhänge. Bei Schopenhauer hingegen, haben die Vierbeiner zwar die Nase eher vorn, das Verschwimmen der Grenzen von Mensch und Tier ist aber ebenfalls nicht ohne unerwünschte Nebenwirkungen zu haben: Es passt nämlich zur ausgeprägten menschenfeindlichen Haltung dieses Philosophen und zu seinem oftmals bissigen Weltpessimismus. Vor allem für das psychiatrische Fachgebiet hat aber Schopenhauer einiges beizutragen. Wie gesagt, beruht sein grenzenloses Mitleid auf der dunklen Ahnung, dass wir alle, ohne uns dessen bewusst zu sein, unter ein und demselben Weltwillen zu leiden hätten. Diesem Wegweiser ins ­Unterbewusste hat dann auch derTiefseelenforscher Sigmund Freud grosse Beachtung geschenkt. Hier drängt sich nun noch eine abschlies­sende Frage auf: Wie wäre wohl der Kommentar dieses Letzteren zu der bildlich dokumentierten, grenzen­losen Schlemmerei ausgefallen?

Credits

Jann P. Schwarzenbach

Korrespondenzadresse

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Jann P.  Schwarzenbach
Medicina generale
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CH-­6900 Paradiso
jann.schwarzenbach[at] gmail.com

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