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Weitere Organisationen und Institutionen

Schweizerische ­Gesellschaft für Psychoanalyse

100-Jahr-Jubiläum der SGPsa

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18122
Veröffentlichung: 28.08.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(35):1157

Stefan Zlot

Dr. med. FMH, SGPsa, Organisationskomitee Jubiläumsveranstaltung

Die Psychoanalyse hatte von Anbeginn eine besondere Beziehung zur Geschichte. Sigmund Freud gab seiner neuen Wissenschaft und Behandlungstechnik in seinen verschiedenen Beiträgen zur Geschichte der psycho­analytischen Bewegung (1914) auch eine historische Darstellung. Er behielt sich vor, Garant für die neue Wissenschaft und deren Entstehungsgeschichte zu sein. Die Spuren der Geschichte der Psychoanalyse und deren ­Archive wurden lange ausschliesslich von seinen direkten Nachfolgern verwaltet und waren den Historikern nicht zugänglich. Die Polemik rund um die Öffnung der Archive zeugt davon. Die Geschichte der Psycho­analyse wurde von Psychoanalytikern, vorwiegend in Form von Biographien, selbst geschrieben (z.B. E. Jones «Sigmund Freund, Leben und Werk», 1953/1960). Um diesen selbstbezogenen Kreis zu verlassen, drängte sich ein pluridisziplinärer Zugang zur Geschichte der Psychoanalyse auf. Nach dem kanadisch-schweizerischen Psychiater H. Ellenberger, Psychologie- und Me­dizin­historiker («The Discovery of the Inconscious – The History and Evolution of Dynamic Psychiatry», 1970), haben weitere nichtanalytische Forscher die Geschichte der Psychoanalyse neu in politische, soziale und wissenschaftliche Zusammenhänge gestellt.

Die Entstehung der Psychoanalyse fiel in eine Zeit ­kultureller und politischer Veränderungen, in welcher sich auch das Wissen um den Menschen und seine Psyche wandelte. Die Schweiz, und insbesondere Zürich, war zu dieser Zeit eine europäische Drehscheibe und ein Schmelztiegel vielfältiger theoretischer, kul­tureller und politischer Ideen. Die neue psychoanaly­tische Bewegung traf in der multikulturellen und vielsprachigen Schweiz auf fruchtbaren Boden.

Das Wichtigste in Kürze

• Die am 21.3.1919 in Zürich gegründete Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse feiert ihr Jubiläum am 21./22.9.2019 im Rahmen eines internationalen und interdisziplinären Symposiums im Zürcher Kunsthaus.

• Das Symposium wirft einen kritischen Blick auf die bewegte Geschichte der SGPsa und auf die Entwicklung der Psychoanalyse in der Schweiz.

• Hauptreferenten sind D. Bürgin, E. Falzeder und G. Makari.

• Am Abend des 20.9.2019 findet eine Theaterveranstaltung statt: «Was soll werden, wenn meine Züricher mich verlassen?» – Zürich und die psychoanalytische Bewegung im Spiegel von Sigmund Freuds Korrespondenzen mit Eugen Bleuler, Oskar Pfister und Lou Andreas-Salomé.

• Mehr Informationen unter www.100.psychoanalyse.ch.

Die Vorgeschichte der SGPsa basiert auf der Begegnung von Freud mit E. Bleuler, dem damaligen Direktor der Klinik Burghölzli, C. G. Jung und weiteren, am Unbewussten interessierten Schweizern (T. Flournoy und E. Claparède in Genf etc). Dieser dynamische wissenschaftliche Austausch führte zur Gründung der «Gesellschaft für Freudsche Forschungen» (1907 E. Bleuler) und anschliessend zur «Ortsgruppe Zürich» der «Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung». C. G. Jung wurde 1910 zum ersten Präsidenten der IPV gewählt.

Als Folge des Konfliktes zwischen Freud und Jung trat Jung 1914 als IPV-Präsident zurück und gründete eine eigene Gruppierung. Die Schweizer, welche nicht auf der Seite Jungs waren, gründeten am 21. März 1919 unter den skeptischen Blicken der IPV-Vertreter (E. Jones, H. Sachs, O. Rank) die «Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse» SGPsa (E. Oberholzer, M. Ginsburg, O. Pfister, H. Rorschach, H. Zulliger u.a.m.). Die im Jahre 1920 ohne Anerkennung der IPV gegründete «Psychoanalytische Gesellschaft von Genf» (E. Claparède, R. de Saussure, C. Odier, H. Flournoy, J. Piaget, S. Spielrein u.a.m.) bestand nur kurze Zeit, um sich ­danach der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse anzuschliessen.

Die ersten Jahre der SGPsa unter Präsident E. Oberholzer (1919–1928) waren konfliktbeladen. Nach seinem Abgang haben sich unter der Präsidentschaft von P. Sarasin die Beziehungen zur IPV beruhigt und die Internationalen Kongresse von 1934 (Luzern) und 1949 (Zürich) wurden der Schweizerischen Gesellschaft anvertraut. Der Kongress von 1949 war der erste nach dem Zweiten Weltkrieg – dem Holocaust und dem Tod Freuds 1939.

1977 führten Kontroversen innerhalb des Ausbildungszentrums Zürich zum Ausschluss des Psychoanaly­tischen Seminars Zürich aus der SGPsa/IPV. Das Ausbildungszentrum Zürich nennt sich seither Freud-Institut Zürich. Die SGPsa besteht heute aus insgesamt sechs regionalen Ausbildungszentren (Basel, Bern, Genf, Lausanne, Lugano und Zürich).

Zur Feier des 100-Jahr-Jubiläums der SGPsa findet am 21./22. September 2019 im Kunsthaus Zürich ein internationales und interdisziplinäres Symposium statt.

Hat die Psychoanalyse die westliche Kultur seit Beginn des letzten Jahrhunderts mitgeprägt, so gilt dies noch mehr für die medizinische und die psych­iatrische Kultur. Das Symposium wendet sich an alle, die sich für die Geschichte der ­Bewegungen und Konzepte interessieren, welche zur Erarbeitung von Theorie und Praxis in der Behandlung seelischer Leiden beigetragen haben.

Korrespondenzadresse

zlot[at]bluewin.ch

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