Zu guter Letzt

Rasenmanie

DOI: https://doi.org/10.4414/saez.2019.18205
Veröffentlichung: 16.10.2019
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(42):1408

Erhard Taverna

Dr. med., Mitglied der Redaktion

Was als Guerilla Gardening begann, haben aufgeschlossene Stadtgärtnereien umgesetzt. Es braucht heute keine Samenbomben, um sterile Brachen in nächt­lichen Aktionen zu begrünen. Viele dieser Anlagen ­haben sich zu bunten Magerwiesen verwandelt. Was die Stadt begriffen hat, würde auch der Agglo, dem Lande guttun.

Vor allem nächtlich sind hier andere unterwegs. Lautlos im Gehege der Umgrenzungsdrähte, allradgetrieben, mit GPS und Mähplan ab Smartphone. Morgens ruhen sie bewegungslos in der Ladestation. Die Herrchen sind zufrieden. Alles schön gleichmässig zerkleinert, feinster Mulch, der am Boden liegen bleibt. Fast ­jeder im Quartier hat einen Gartenroboter, der die meist kleine – die Bodenpreise sind schon wieder gestiegen – Grasfläche niedrig hält. Eigentlich ist es kein normales Gras mehr. Ausgewählte Sorten erleichtern die Pflege. Da blüht nichts, nicht einmal der niedrigste Klee hat eine Chance.

Nur Könige konnten auf die Idee kommen, fruchtbares Land in einen sterilen, grünen Teppich zu verwandeln. Heerscharen von Gärtnern mussten Unebenheiten flach walzen, unpassende Gräser ausreissen und mähen, täglich mähen. Die sensenschwingenden Männer wurden ab 1830 durch den mechanischen Spindel­mäher ersetzt. Bald wurde die englische Erfindung industriell hergestellt, 1902 kam der erste motorgetriebene Rasenmäher auf den Markt. «Vorstadt-Feierabend, dick von Fliederduft – Rasenmäher metzeln Nachbarscherze kurz und klein», sang einst der Liedermacher Franz Josef Degenhardt zum verspiesserten Freizeitvergnügen.

Die umgrenzende Hecke wurde entfernt. Zahlreiche Erschliessungsstrassen haben die früher ausgedehnte Hangwiese terrassiert, Steinmauern stützen die Grünflächen der Grundstückparzellen. Betonelemente, Schotterkörbe oder Steinblöcke, je nach Geldbeutel. Kein Durchkommen für Igel, auch Blindschleichen sind weg. Das hat den Vorteil, dass sie nachts nicht in die Maschinen geraten. Wo nichts blüht, keine Allergie, keine Insektenplage, keine Spinnentiere und keine ­Vögel.

Barockgärten förderten höfische Ballspiele und Croquet, Versteckspiele hinter Buchsbäumchen und künstlichen Grotten, Tennis und Bogenschiessen. Auf den gestutzten Grünflächen des Quartiers ist selten jemand zu sehen. Für grössere Vergnügungen sind sie zu klein. Sind die Kinder aus dem Krabbelalter, spielen sie lieber auf der Strasse. Die stumme Ansicht einer grün leuchtenden Scheibe gehört, wie das Schwimmbecken und die Doppelgarage, zur Heraldik der bürgerlichen Nachfahren. Makellos getrimmt, vertikutiert, ge­wässert und gedüngt, ist sie die Visitenkarte des ­Hausherrn. Der Unterhalt ist Männersache, ein hochgerüsteter Freizeitsport mit einem Arsenal an Unkrautstechern, Rasenkantenscheren, Herbiziden und Sprinklern.

Steingärten sind im Trend. Schotter und Kies haben die letzten Zuzüger mitgebracht, Flusskiesel, Granit und grauen Beton mit etwas Alibigrün. Zumindest in den ersten Jahren brauchen die Kieswüsten keine Pflege. Dann helfen Chemie und Flammenwerfer gegen die Nischenprodukte der Natur. Noch hat der ­Kunstrasen, ausserhalb der Sportplätze, keine Chance. Eine Frage der Zeit, bis auch die Aussenquartiere ­Mikroplastik produzieren.

Der unproduktive Grasanbau, geschätzte 1,8 Millionen Hektaren Rasen in Deutschland, rund ein Drittel ­davon privat, übersteigt die landwirtschaftliche Nutzfläche der Schweiz. Es braucht eine weitere Generation Guerilla Gardening. Die Zeit wäre reif dafür.

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